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Zukunftsvisionen mit Baller-Story


Zum Buch

Das 21. Jahrhundert, die 20′er Jahre: Wer dazu gehört, der lebt global und ist vernetzt. Im Vergleich zur Jetzt-Zeit wurde die Welt nicht besser, aber schneller und eine mit anderen Prioritäten. Nationalstaaten und Regierungen haben an Einfluss weiter verloren, die wahren Mächtigen sind die globalen Konzerne. Und die kommen aus Europa, Amerika und China, das sich zu zu einem Kartell mit einer angeschlossener Partei und einem dazugehörigen Staat entwickelt hat.

Frank Schätzing ist kein Globalisierungsgegner, steht ihr nicht einmal besonders kritisch gegenüber, beschreibt sie in seinem “Limit” eher positiv: Die Staaten haben nun einmal versagt, dann sollen eben die Konzerne ihre Chance bekommen. Und auch da gibt es die “gut geführten”, die der Zukunft zugewandten, und die schlecht geführten, die, die dem Fortschritt im Wege stehen. Und was für Schätzing Fortschritt vor allem bedeutet, darüber lässt er keinen Zweifel: Eine Gesellschaft, die in ihrer Produktionsweise die Erde nicht ausbeutet und zerstört, sondern schont und bewahrt, die sich auf erneuerbare Energien, auf ökologische Vernunft stützt.

Damit sind Gut und Böse schon verteilt: Auf der einen Seite die Vertreter der erneuerbaren Energien und die Hightech-Gurus der modernen Kommunikation, auf der anderen die dem Untergang geweihten Öl-Multis.

Mit seinem Zukunftsbild macht sich Schätzing wohl nirgends Freunde. Den einen dürfte sein Glaube an den freien Markt, der das Richtige schon durchsetzen wird, nicht passen. Die anderen dürften sich an seiner Parteinahme gegen die aktuell vorherrschenden Energiekonzerne stören. Aber zwischen allen Stühlen zu stehen ist ein ehrenwerter Platz - und da verbreitet Schätzing in den Dialogen seiner Protagonisten Positionen und Erkenntnisse, die schon einiges Nachdenken wert sind, beispielsweise: Die Steinzeit endete auch nicht, weil die Steine ausgingen….

Und faszinierend auch, wie sich seine Helden in dieser nahen Zukunftswelt bewegen, teil real, oft nur noch virtuell durchs Internet, dabei in die große Verschwörung des Alten geraten, zu Gejagten und Jägern werden.

Nur: Das trifft lles nur zu, so lange Schätzings Roman auf der Erde spielt. Und gut ein Drittel der über 1300 Seiten spielt eben auf dem Mond - und da gerät die auf der Erde so packende Story zur platten Wildwest-Ballerei, zur zeilenschindenden Verfolgungsjagd, geschrieben womöglich mit Blick auf eine Action-Verfilmung, aber nicht, um für den Fortgang der Geschichte irgend eine Bedeutung zu haben. Das ärgerliche für den nicht vorgewarnten Leser: Weil er ja nicht weiß, ob hier nicht doch irgendeine handlungsrelevante Situation eintreten könnte, muss er sich auch durch Hunderte von seiten quälen, in denen Schätzing sein nicht mehr benötigtes Roman-Personal reihenweise massaktiert.

Mein Tipp: Alle Kapitel, die nicht auf der Erde spielen, einfach überblättern. Das nimmt nicht einmal den Lesefluss, spart etliches an Zeit - und hinterlässt für den Roman einen besseren Eindruck, als er ihn eigentlich verdient hat.

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Schreiber, Flieger, Steine aus dem Glashaus und die Neid-Debatte


Ein monatliches Tarifgehalt von einigem über 5000 Euro, das im Jahr aber nicht einfach mal 12, sondern mit 13 bis 14 Monatsgehältern, natürlich 30 Urlaubstage, manchmal auch noch 35, dazu über ein eigenes Versorgungswerk eine Altersversorgung, die selbst die vielgescholtenen Pensionäre vor Neid erblassen lassen dürfte: Ob das die materielle Grundausstattung der Lufthansa-Piloten ist, die laut allgemeiner Presse-Schelte gerade mit ihrem “Luxus-Streik” alles ins Chaos stürzen, kann ich nicht sagen. Jedenfalls vermute ich: Viel mehr dürfte ein Lufthansa-Pilot kaum haben. (Und mit Sicherheit hat er nicht das, was ein Lufthansa-Vorstandsmitglied so nach Hause trägt).

Nein, solche Saläre bekommt die zugegeben höchste, aber dennoch “normale” Tarifgruppe, die ein Tageszeitungsredakteur nach 15 Berufsjahren so erreichen kann. Ein Ressortchef liegt noch einmal drüber, selten unter 20 Prozent mehr - und wer einer Chefredaktion angehört, bekommt dazu mindestens weitere 20 Prozent extra, dazu natürlich noch Tantieme, also Umsatz- und Gewinnbeteiligung, wenn man fleißig Kosten drückte.

Wie sich solche Gehälter erklären, wüssten da wohl nicht nur die Piloten gern.

Da gibt es einige Varianten. Zum Beispiel, so meinen gerne die Verleger: Mit den Gehältern macht man Journalisten weitgehend immun gegen Bestechungsversuche… Nun, angesichts der weit verbreiteten Korruption in der Branche (die, wenn es die öffentlich-rechtlichen Medien trifft, auch gern Gegenstand der Berichterstattung privater Tageszeitungen ist) kann man dieses Arument mal einfach so unkommentiert stehen lassen. Was die Berufsorganisationen gerne anführen: Redakteure haben einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und sind schließlich auch besonderem Stress ausgesetzt. Das mit dem Organisationsgrad war einmal - und das mit der beruflichen Belastung merken wir uns vor, wenn es um Piloten und andere geht.

Die pathetische Erklärung wäre: Solche Gehälter entsprechen der gesellschaftlichen Bedeutung einer freien Presse, der besonderen journalistischen Verantwortung. Welche gesellschaftliche Bedeutung die Berichterstattung über die Gespielinnen der Herren Bohlen und Co. haben, die bei einem Gutteil der Presse ja die meisten Spalten füllen, müsste da noch hinterfragt werden. Schreibt der Film-Rezensent Unfug, ärgern sich eventuell einige Kinobesucher, die an sein unbestechliches Urteil glaubten. Macht ein Pilot (oder auch Lok-Führer, Busfahrer oder andere) einen folgenschweren Fehler, hat sich unter Umständen für eine ganze Reihe von Leuten der nächste Kinobesuch erledigt. Ginge Bezahlung nach dem gesellschaftlichen Wert, wären Krankenschwestern Millionärinnen.

Also schließlich, die böse, gemeine Erklärung: Das ist Schweigegeld für Leute, die es eigentlich besser wissen - aber jeden Mist schreiben, den Verleger und Anzeigenkunden lesen wollen. Und da sich in der Journaille immer mehr Leute tummeln, die mit Pisa-Halbwissen ausgestattet den Mist, den sie da schreiben, auch noch selber glauben, sind solche Schweigegelder nicht mehr gerechtfertigt, bröckeln auch die Gehälter der Schreiberlinge.

Aber noch werden sie ja gezahlt - und weil ich selbst davon auch profitiere, stört’s mich eigentlich nicht. Ich will auch keine Neid-debatte. Was mich aber stört, ist, wenn hochbezahlte Schreiberlinge gegen Streiks und Lohnforderungen von anderen zu Felde ziehen, bei denen es meist um Beträge geht (denn in der Regel sind es ja nicht die Piloten, Medienschelte kennen auch streikende Verkäuferinnen und Krankenschwestern), für die die Verantwortlichen solcher Propaganda keinen Finger rühren würden.

Also, Piloten und andere: Lasst Euch von dem Geschreibsel in den Zeitungen nicht beirren, haltet durch - und demonstriert ruhig ganz egoistisch Eure Stärke.

Denn letzlich richtet sich die Bezahlung einer Berufsgruppe nur nach dem, was sie durchzusetzen in der Lage ist. Und Zeitungsschreiber und Verleger haben das Gemeinwohl da auch nur im Auge, wenn es die eigenen Pfründe nicht betrifft.

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Die Toleranz - und ihre repressiven Seiten


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Wieder ein Buch, das man - im positiven Sinn - an einem Abend durchliest, nicht, weil es kaum etwas bietet, sondern vor allem, weil es fesselnd ist: “Kritik der reinen Toleranz” von Henryk M. Broder, insofern eine würdige Fortsetzung von seinem “Hurra, wir kapitulieren!”
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Doch damit ist eine wesentliche Kritik auch schon geäußert ist. Die “Kritik der reinen Toleranz” ist die Fortsetzung eines Buches, in dem selbst schon alles wesentliche zum Thema gesagt ist… Und da Broder seinem Thema, dem westlichen Hang zum Nachgeben, zum Appeasement, zur Kapitualtion vor vor allem, aber nicht nur islamistischen terroristisch-totalitären Strömungen und Herrschaftsstrukturen, der aktuellen westlichen Unfähigkeit, Freiheitswerte offensiv zu verteidigen, treu bleibt, halten sich die neuen Erkenntnisse in Grenzen, schleicht sich vielmehr beim Lesen das Gefühl ein: Das alles hat er doch schon mal und irgendwie auch prägnanter gesagt.

Na, und?! Da sich an dem, was Broder kritisiert, nicht viel geändert hat, der Prozess vielmehr fortgeschritten ist - wie viele folgenlose Ultimaten gegen die iranischen Atombombenbauer gab es wohl inzwischen? - muss es eben noch einmal gesagt, noch einmal geschrieben werden. Und dieser Umstand spricht vor allem für die “Kritik der reinen Toleranz”, die vielen von uns das sagt, was die partout nicht hören wollte.

Dabei nimmt Broder, und das ist der andere positive Punkt an seinem Buch, auch noch einen unserer Lieblingswerte auseinander, führt ihn auf seinen historischen Kern zurück. Die Herrschenden von einst tolerierten, duldeten, was ihnen nicht gefährlich wurde. Wurde etwa der Ruf nach “Gedankenfreiheit” dann zur gesellschaftlichen Kraft, war’s mit der Toleranz sehr schnell vorbei.

Und so führt Broder uns zu den zwei entscheidenden, scheinbar widersprüchlichen Ursachen westlichen Nachgebens gegenüber totalitären Herrschaftsansprüchen: Zum einen ist da die Feigheit, die Angst vor der Auseinandersetzung und schlicht und ergreifend auch die Angst um das vermeintlich gute Geschäft, das man mit allerlei Despoten gerne machen würde - und gleichzeitig ein rassistisches Gefühl der Überlegenheit, ganz nach dem frommen Wunsch: Die können uns doch nie gefährlich werden.

Das macht Broders Buch - wieder einmal - so faszinierend! Verziehen sei ihm, dass er an Nachrichten alles aneinanderreiht, wenn ihm in seine Linie passt, er da nie kritisch hinterfragt; verziehen sei ihm, dass er alle differenzierteren Sichtweise über den Kamm des unterstellten Appeasement schert; und verziehen sei ihm, dass er - in Leugnung seiner eigenen linken Vergangenheit - schlichtweg verschweigt, dass sein Toleranz-Begriff weitgehend von Herbert Marcuses “Repressiver Toleranz” abgekupfert ist.

Allein dafür, dass er dem gutmenschlichen Islamisten-Versteher, der noch bei jedem “Ehrenmord” nach der kulturellen Identität des Mörders fragt statt ihn in die Schranken zu weisen, die rassistischen Grundlagen seiner “Toleranz” nachweist, muss man Broders Buch wieder mal empfehlen.

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Kosmopolitsche Taxifahrten


Taxifahrt mit einem serbischen Bosniaken, seit 15 Jahren in Berlin, Deutsch verständlich, aber mit Problemen: Das Christentum, so erfahre ich, basiere auf dem jüdischen Glauben und der Islam als die jüngste Religion eben auf dem Christentum. Und damit sei sei Islam natürlich auch die fortschrittlichste Religion, gut für die ganze Welt…

Wenn überhaupt, ein eher halbherziger Bekehrungsversuch, sicher etwas nervig - aber sein Urheber offenkundig friedliche Sinnes.

Am Tag darauf: Unterwegs mit einem deutschen Intelektuellen. Der wundert sich, dass ich nicht zu den Filmfestspielen will, wo man doch - natürlich außerhalb des Wettbewerbs - die Filme zu sehen bekommt, die sonst auch nicht in den Kinos zu sehen bekommt. Er würde ja, wenn er die Zeit hätte… Aber am Abend will er auf Arte “Metropolis” sehen. Unverständnis, wie man von dem Meisterwerk unbeeindruckt bleiben kann (ich äußerte, dass mein Lieblilingsfilm “Spiel mir das Lied vom Tod” sei).

Was der Moslem und der Cineast gemeinsam haben: Unverständnis für den Berliner Senat, der die Straßen noch immer nicht frei von Eis und Schnee bekommen hat. Glaube und Kunst helfen da wohl nicht weiter.

Und schließlich, wieder einen Tag später, der polnische Pragmatiker als Taxifahrer: Seit etwas über zwei Jahren als Taxifahrer unterwegs, Deutsch fast perfekt. Aber verstehen kann er Deutschland nicht, so sagt er jedenfalls. Man könnte doch ganz einfach die vielen Arbeitslosen zum Schnee schaufeln und Eis hacken auf die Straße schicken. Warum man das in Deutschland nicht ganz einfach macht, das sei doch unbegreiflich…

Man muss das Land aber auch gar nicht verstehen, um hier zu leben. Eigentlich reicht es aus, so zu leben, wie man es für sich für richtig findet, ohne dabei den anderen zu bedrängen.

Willkommen in der kosmopolitischen Welt.

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Twitter, Facebook und Co.


Zumindest während der demokratischen iranischen Erhebung konnte Twitter ja seine positiven Seiten zeigen. Wobei: Der Fortschritt gegenüber den bisherigen Blogs ist mir immer noch nicht klar. Und von Facebook und Co. ist vor allem bekannt, dass sich da den Datenschützern ein weites Tätigkeitsfeld erschließt.

Dennoch: Ohne Twitter und Facebook läuft im Internet wohl kaum noch was - weswegen ich es jetzt ebenfalls nutze. Und dabei habe ich gleich eines gelernt: Der Grundsatz, dss sich das einfachere System stets durchsetzt, kann da wohl nicht so richtig gelten. In Facebook jedenfalls muss man sich richtig einarbeiten - und ganz so, wie ich es will, läuft es da immer noch nicht.

Und ob das so sinnvoll ist,seine Seite mit vermeintlichen “Freunden” zu zieren, die man oft nicht einmal vom sehen kennt - wer weiß. Dem einen oder anderen dürfte es wohl peinlich sein, mit wem er da auf einer Seite verbandelt ist.

Aber das hat ja auch was Gutes: Solche, mitunter unfrewillige Offenheit macht Seilschaften doch ziemlich transparent. Und man sieht, wer sich an wen anbiedert.

Und solche Seilschaften transparent zu machen sollte doch die eine oder andere Verletzung des Datenschutzes rechtfertigen…

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Thriller mit Spannung und Tiefgang


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Angenommen, in einem Forschungszentrum der Hoch-Technologie meldet sich via Computer Gott zu Wort, kann aber die Frage nach dem letzten Sinn des Lebens und des Universums auch keine Antwort geben , weil dies herauszufinden ja Sache der Menschen sei, die auch nur Teil seines Denkprozesses wären…

Das erinnert im Positiven ein wenig an die Startrek-Filme (”Wozu braucht Gott ein Raumschiff?”, “V.Y.GER fragt den Schöpfer”), ist im Negativen aber wahrscheinlich nichts anderes als eine neue Variante von New-Age-Spinnerei, verbrämt mit einer dürftigen Geschichte.

Douglas Preston spielt in seinem Religions-Technologie-Thriller Credo - Das letzte Geheimnis tatsächlich mit dem Startrek-Motiv, er kokettiert mit allerlei New-Age-Spielereien, hebt sich aber ganz klar davon ab.

Denn Preston entführt uns in die Welt des amerikanischen Bibel-Streifen, in die Welt fanatisch-fundamentalistischer Evangelikaler und geschäftstüchtiger Fernseh-Prediger, in jene Welt, die zu den USA ebenso gehört wie korrpupte Lobbyisten, unerschütterliche Idealisten, fortschrittsgläubige Enthusiasten und die Vielzahl aufrechter Leute, die einfach nichts anderes wollen, als ihren Job gut und auf anständige Weise erledigen.

Da wird Prestons Roman zu einem Gesellschafts-Roman, der - bei der Zielgruppe Massenpublikum richtig und sinnvoll - natürlich stark vereinfacht, auf Nuancierungen verzichtet, aber eben doch (oder deswegen) ein reales Bild der Gesellschaft bietet - und zwar einer Gesellschaft, die immer noch offen ist für neue Heilsbringer-Lehren, solche Heilsbringer-Lehren gierig aufsaugt.

Schließlich ist der Thriller aber auch eine Neuauflage des guten alten Detektiv-Romans mit einem Helden, der sich nichts vormachen lässt, der sich einfach an die Fakten hält - auch wenn er sich selbst damit sein Glück verbaut.

Die Welt will betrogen sein, lautet die eine Pointe dieses Werkes. Auch im Betrug steckt mitunter noch eine verbrorgene Wahrheit, die andere…

Urteil: Absolut empfehlenswert, Spannung mit Tiefgang für den Hausgebrauch.

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Das kafkaeske Gesetz des Terrors


Es stand schon lange, etliche Jahre in meinem Bücherschrank - und erst jetzt komme ich dazu, es auch zu lesen, spät, aber eben nicht zu spät: Jahre des Terrors” von Anatolij Rybakov

Das Buch führt in die Sowjetunion Josef Stalins, ins Jahr 1936, in das Jahr, in dem jeder “schuldig” war, der von den Machern des staatlichen Terrors beschuldigt wurde: Wir erleben eine kafkaeske Welt, in der das Überleben nur von einem Zufall abhängt.

Dennoch: am faszinierendsten und unheimlichsten gegegnet uns die Figur des Opportunisten, des “Verräters”, jenes Terrorhelfers, der unter fadenscheinigen Vorwänden auch beschuldigt wird, aus Liebe zur Bequemlichkeit und Angst ums eigene Leben jeden ans Messer liefert, den er liefern soll. Das übrigens ist auch noch die glaubwürdigste Figur, wahrscheinlich deshalb, weil sie in der Realität die häufigste ist.

Womit sich für den Leser die beklemmende Frage stellt: Wie hätte ich da wohl agiert?

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Gute Story - schräge Lösung


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Dass ein Autor in der BILD am Sonntag als “neuer Star des historischen Romans”gelobt wird, spricht ja alleine noch nicht gegen ihn. Und Christoph Lode legt in seinem Mittelalter-Drama Der Gesandte des Papstes ja auch ein Szenario vor, das tatsächlich eine spannende Geschichte abgibt:

Ein Ritter aus dem Elsass leidet an einer unheilbaren Lungenkrankheit, pilgert als letzte Buße nach Rom, gerät dort an einen intriganten Kardinal, der ihm das Seelenheil verspricht, wenn er denn weiter ins Heilige Land zieht und dort eine wundertätige Reliquie für den Papst beschafft.

Bis zu diesem Punkt führt uns Lode noch in die Welt, wie sie um 1300 wohl tatsächlich aussah: Religiöser Fanatismus, Wunderglaube, in Konstantinopel die letzten Zuckungen des byzantinischen Reiches, Reiche im Zerfall und ihrer Entstehung. So weit, so gut, so spannend…

Doch was allmählich ärgert: Dass kaum ein Verfasser historisierender Romane den mittelalterlichen Wunderglauben noch thematisieren kann, ohne ihn sich selbst zu eigen zu machen - und am Ende Djins und Zauberstäbe eine im Kern gut angelegte, gut erzählte Geschichte zu einem absurden Ende führen.

Deshalb trotz des BILD-Lobes allenfalls eine sehr begrenzte Leseempfehlung - oder aber: das Buch nach etwa zwei Drittel der Seiten beiseite legen.

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2012 - Vom Ende aller Zeiten


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Auch Amokläufe unterliegen einem ehernen Gesetz, nämlich: Erfolgreich, also öffentlichkeitswirksam, ist er im Sinne des Amokläufers nur, wenn er blutiger verlief als vorangegangene Massaker. Oder: Wenn in einer Gesellschaft die technologischen Voraussetzungen gegeben sind, die Gesellschaft auszulöschen, wird sich innerhalb dieser Gesellschaft jemand finden, der die Voraussetzungen nutzt. Je mehr Angehlörige eine solche Gesellschaft hat, desto eher wird es zu ihrer Auslöschung kommen.

Etwas drastischer und klarer formuliert: Wenn ein einzelner Irrer irgendeinen Giftstoff herstellen oder beschaffen kann, mit dem er binnen kürzester Frist die komplette Menschheit ausrottet, wird genau dies über kurz oder lang geschehen .- und zwar eher kurz als lang.

Es sind interessante Ausgangsthesen wie diese, die Brian D’Amato da in seinem Endzeit-Thriller 2012: Das Ende aller Zeiten verarbeitet.

Sein 2012-Szenario einer fast schon als Gegenwart zu bezeichnenden Zukunft: Asien, Mittelamerika (Afrika sowieso) sind Schauplatz diverser, kaum zu durchschauender regionaler Kriege - fanatische Moslems, Indios, alle möglichen Ethnien und Glaubensgemeinschaften befinden sich auf dem Kriegspfad für Autonomie, Selbstbestimmung oder was auch immer. Und die USA werden zum Schauplatz nie zuvor gesehener Terror-Anschläge, die komplette Landstriche unbewohnbar machen, zig Tausende Opfer kosten.

Die Story: In diesem Szenario wird eine alte Maya-Schrift entdeckt, die für das Jahr 2012 das Ende aller Zeiten vorhersagt. Ein Unterhaltungskonzern schickt einen abenteuerlusten Spiele-Experten, selbst Nachfahre der Maya, auf Zeitreise in das Mittelamerika des siebten Jahrhunderts. Der soll dort herausfinden, was es mit der Prophezeiung auf sich hat, was man tun kann, die Katastrophe abzuwenden.

Witzig zu lesen: Die Konfrontation eines modernen Menschen des 21. Jahrhunderts mit der archaischen Gesellschaft Mittelamerikas. Denn aucb da gibt es Sklaven und Herren, Unterdrückte und Unterdrücker, Lug und Betrug und Betrogene, eine Gesellschaft, die ihren eigenen irrsinigen Regeln folgt, die euch nicht humaner waren als unsere heutigen Regeln.

Und auch, wenn derr ganze Roman immer wieder an seinen Überlängen und unlogischen Handlungssträngen zu ersticken droht - seine packenden Ausgangsthesen und diese Gegenüberstellung, diese Spitze auf alle verlogen-romantischen Sichtweisen, “eingeborene Völker” in ein idealisierendes Licht zu stellen, machen das 800-Seiten-Werk alles in allem zur akzeptablen Sommerlektüre.

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Keine Wahrheit im System der Lüge


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Ein diktatorisches Regime, aufgebaut auf Terror und einer verlogenen Propaganda, kennt keine Wahrheit: Selbst da, wo sich das Regime scheinbar zum besseren wandelt, hat sich nur die propagandische Lüge gewandelt. Das wäre das historische Fazit von “Kolyma“, des neuen Thrillers von Tim Rob Brown.

Nachdem er uns in seinem Erstling “Kind 44″ in die letzten Wochen des stalinschen Terrors führte, handelt das Nachfolgewerk nun im Jahr des scheinbaren Aufbruchs der Sowjetunion, der “Entstalinisierung”, im Jahr 1956 nach dem 20. Parteitag der KPdSU, in den Monaten nach der Geheimrede Chruschtows.

Die Handlung knüpft an “Kind 44″ an: Ex-Geheimagent Leo ist inzwischen Chef der Moskauer Mordkommission - und wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Um seine Adoptivtochter aus den Händen von Entführern zu befreien, lässt er sich als Strafgefangener in den Gulag von Kolyma einschleusen, wird von den Häftlingen als Geheimpolizist erkannt, gerät zwischen die Fronten von Häftlingen und Wachpersonal, die längst - offizielle Entstalinisierung hin oder her - ihr eigenes dikatorisches Terror-Regime errichtet haben und sich dies weder von den Gefangenen noch von “Moskau zerstören lassen wollen - und nach seiner Flucht aus Kolyma schließlich in die Machtkämpfe der Herrschenden untereinander. Da erweisen sich scheinbare Verbündete plötzlich als Feinde - und kann der schuldbeladene Held schließlich selbst mehr sagen, für welche Sache er eigentlich noch steht.

Brown setzt die nun nicht mehr verbflüffende szenische Erzählweise seines Erstlings fort, legt aber - wohl für den Publikumsgeschmack - an Action-Szenen zu, doch das nimmt dem Buch auch irgendwie die inhaltliche Spannung. Wohl das Problem aller Fortsetzungen!

Aber er verblüfft mit seinen Wendungen, geht mit viel Phantasie an die Erklärung historischer Ereignisse: Der Ungarn-Aufstand 1956 das Ergebnis einer Falken-Intrige im Kreml, um die von Churschtow propagierte Abristung zu stoppen? Sicher eine gewagte These - die Brown in seinen eigenen Handlungssträngen duchaus logisch entwickelt.

Und auch, wenn dem wohl nicht so war: So hätte es gewesen sein können. Denn terroristische Regime, so die sicher richtige Lehre, sterben nicht mit dem Diktator und ein verbrecherisches System lässt sich nicht “von innen”, durch die “weniger schlimmen” Verbrecher beseitigen.

“Kolyma” ist sicherlich - eben Fortsetzung -schwächer als “Kind 44″. Allemal lesenswert und fesselnd ist der neue Roman von Tim Ron Brown aber immer noch.