Graue Schlaglichter auf den Kalten Krieg - (Eingeschränkte) Leseempfehlung für Tom Rob Smith’ “Agent 6″

Januar 14th, 2012


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Nach “Kind 44″ und “Kolyma” nun der dritte Roman, der sich mit der Stalin-Zeit und ihren Folgen beschäftigt: Und wer sich von den beiden vorangegangen hat fesseln lassen, wird auch zum dritten von Tom Rob Smith, zu “Agent 6” greifen. Und das ist im Wesentlichen auch kein falscher Griff.

Der Handlungsfaden: 1950 besucht ein schwarzer Sänger aus den USA die Sowjetunion, merkt als blauäugier Idealist nicht, wie ihm der KGB eine heile Welt vorspielt, er selbst zur Propagandafigur aufgebaut wird. Der Preis, den er dann in den USA dafür zahlt: Das FBI ruiniert seine Karriere, sorgt dafür, dass der einstige Star zum armen Mann wird.

Fünfzehn Jahre später hat der Sänger dann doch wieder einen kurzen Auftritt: Vor dem UNO-Gebäude, in dem gerade eine Schülergruppe aus der Sowjetunion ein “Friedenskonzert” gibt, will er eine Rede halten, wird dabei erschossen. Und erschossen wird auch die russische Lehrerin, die die Schüler begleitet…

Nun macht sich der Mann dieser Lehrerin, der ehemalige KGB-Agent, der schon die Reise des US-Sängers 1950 begleitet hatte, auf die Suche nach dem Mörder seiner Frau, eine Suche, die weitere Jahrzehnte dauert, ihn nach Afghanistan, in die USA und schließlich wieder zurück in die Sowjetunion, dort direkt in das Gefängnis führt.

Der zeitliche Bogen ist diesmal um einiges weiter gespannt als in den beiden ersten Romanen von Tom Rob Smith, beschränkt sich nicht mehr auf die späten Jahre der stalinistischen Periode - es sei denn, man kommt auch beim Lesen von “Agent 6″ irgendwie zu dem Ergebnis, dass die Periode des Stalinismus, wenn überhaupt, erst mit dem Ende der Sowjetunion endete.

Und Smith beschränkt sich nicht auf den sowjetischen Herrschaftsbereich, wirft auch einen Blick auf die anderen Seite, wirft ein paar Schlaglichter darauf, wie auch von Seiten der USA der Kalte Krieg geführt wurde: Ebenfalls ohne Skrupel, ebenfalls mit der Bereitschaft, Menschen zu vernichten, ebenfalls auch als Unterdrückungs-Krieg zumindest gegen Teile der eigenen Bevölkerung, in den USA der Schwarzen.

Smith lässt dabei zwar keinen Zweifel daran, dass die USA historisch für die bessere Sache stehen, doch diejenigen, die auf der Seite der USA agieren, sind bei ihm dadurch nicht die besseren Menschen, nicht die Helden seiner Geschichte.

Das alles liest sich überzeugend, in sich schlüssig - aber die Handlungsfäden, die Charaktere, die Smith hier vor dem Leser ausbreitet, erinnern doch stark an “Kind 44″ und “Kolyma”. Und in den Romanen las sich das doch noch etwas überzeugender und spanender. Misst man den Autor hier so an seinen eigenen Werken, gibt es deshalb nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.

Zerfledderte Mythen vom Freiheitskampf - Leseempfehlung für Cornwells “Das Fort”

Dezember 31st, 2011


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Arrogante britische Offiziere und korrupte Beamte, aufrechte, geradlinige Farmer, Handwerker und Bürger, die für ihre Freiheit kämpfen: Das ist der Frontverlauf im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Das Bild, das da fast jeder im Kopf hat, liegt auch nicht allein an Hollywood, das hat man schon in der Schule gelernt, das ist wohl ziemlich weltweit (Großbritannien vielleicht mal ausgenommen) offizielle Lesart der Geschichte.

Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg wurde - jedenfalls auf Seiten der Amerikaner - um eine gerechte Sache geführt!

Daran soll auch nicht einmal gezweifelt werden. Nur: Sind diejenigen, die für die richtige Sache kämpfen, deshalb schon die besseren Menschen mit den edleren Motiven, dagegen die, die für die falsche Sache streiten, die Schurken mit den niederen Bewegründen?

Das Fort” von Bernhard Cornwell bestreitet den Amerikanern auch nicht, dass die Geschichte ihnen Recht gibt. Nur, dass sie die besseren Menschen, die tapfereren Kämpfer waren….

Die auf einer tatsächlichen, aber weitgehend vergesenen, eher unbedeutenden Episode des Unabhängigkeitskrieges beruhende Geschichte: Im Sommer 1779 besetzen britische Truppen eine zum Territorium Massachusetts zählende Halbinsel, errichten dort ein Fort - und die Amerikaner versuchen nun, das zurückzuerobern. Und müssten das vom Kräfteverhältnis eigentlich auch schaffen….

Nur: Auf britischer Seite stehen da Berufssoldaten, auf der Seite der Amerikaner zwangsverpflichtete Milizionäre (eine Ironie der Geschichte: allgemeine Wehrpflicht, Revolution und Demokratie sind unmittelbar verknüpft, vor allem bei der Gründung der USA, in der Französischen Revolution), die reihenweise desertieren, Freibeuter, aus britischer Sicht Piraten, die wegen der erwarteten Beute, der Kriegskasse in die Schlacht ziehen, Abgeordnete aus Boston, die ihren nächsten Wahlerfolg sichern wollen. Und weil der amerikanische Kriegsrat sich auch niemals einigen kann, endet das ganze Unternehmen im Desaster - für das sich die Beteiligten dann gegenseitig in die Schuhe schieben.

Eine der faszinierndsten Szenen des Buches: Wegen einer Verhandlung kommt einer der amerikanischen Offiziere in das Fort, argumentiert im Gespräch mit dem britischen Kommandanten mit dem Prinzip der Freiheit - und wird vom Briten gefragt: “Wie viele Sklaven haben Sie eigentlich?”

Im tatsächlichen Krieg jedenfalls wurde dieses britische Fort übrigens nie erobert - sondern von den Briten erst bei Friedensschluss geräumt.

Das Fazit des britischen Autors Cornwell, dass die USA ihre Unabhängigkeit vor allem nicht etwa deshalb erfolgreich verteidigten, weil sie so engagiert dafür kämpften, sondern weil Spanien und Frankreich, damals im Vergleich zu Großbritannien wahrlich reaktionäre Regimes, sich im großen Krieg auf ihre Seite stellten, geht amerikanischen Patrioten und USA-Fans vermutlich gewaltig gegen eine Grundfeste des Glaubens, dürfte aber einer historischen Überprüfung stand halten.

Und das darüber hinausgehende Fazit einer recht spannend und minutiös erzählten Story: Die Guten der Geschichte müssen nicht unbedingt auch die Guten im realen Leben sein.

Isenhart, Historien-Roman um einen mittelalterlichen Serienkiller - ein Lob den TV-Krimi-Autoren

November 27th, 2011


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Bei allem Unfug, den wir zu sehen bekommen, all den Brüchen in den Geschichten, unsinniger Action, die für Spannung sorgen soll, aber nur die Handlung unterbricht: Wer für das Fernshen Krimis schreibt, muss zumindest die wichtigsten Regeln des Erzähl-Handwerks berücksichtigen, wenigstens ein Schuss Realitätssinn bewahren statt seiner puren Fantasie absolut freien Lauf durch das Mystische zu gewähren. Und das macht den TV-Krimi-Autoren manch anderem Verfasser “historischer Romane” überlegen.

Zumindest trifft eine solche These auf Holger Karsten Schmidt und sein Isenhart zu. Wobei ich mit dem Lesen dieses Buches sogar noch Pech hatte: Bevor ich es zu Ende gelesen hatte, sah ich per Zufall das Ende der düster-actiongeladene Verfilmung auf Pro 7 - und das schreckte erst einmal ab.

Das Buch selbst bestätigt aber eine weitere These: Die Bücher sind meist besser als ihre Verfilmungen, selbst dann, wenn sie, wie auch hier, sich am Ende schon mit Blick auf die Verfilmung in quälend lange Actionszenen begeben, ohne, dass die Handlung wirklich voran gebracht wird.

Die Handlung: Ein Waisenkind, das bei seiner Geburt fast gestorben wäre, gegen Ende des 12. Jahrhunderts deshalb vom Aura des Geheimnisvollen umgeben ist, wächst unter der Obhut eines weitgereisten, den Wissenschaften zugewandten Ritters auf - und wird schließlich mit einer geheimnisvollen Mordserie konfrontiert, die unser Held, der Kraft der Logik vertrauend, wie ein früher “Profiler” aufklärt.

Das Positive an diesem Roman: Hier werden wir nicht in ein romantisiertes Mittelalter entführt, hier lässt der Autor dumpfes und stumpfsinniges Landleben auferstehen, eine Welt, die für die meisten ihrer Bewohner nicht mehr als das nackte Überleben bietet, eine Welt, in der das Leben eines “einfachen” Menschen nicht viel gilt. Das ist zwar manchmal schwer zu verdauernde Kost, aber eben um einiges realistischer als die Helden-Idealisierung, wie sie uns sonst in Historien-Romanen begegnet.

Also, alles in allem trotz aller Schwächen: Ein Roman, mit dem man sich die Zeit vertreiben und dabei auch etwas über die beschriebene Zeit lernen kann.

Von Neocons, Mumien, Linksradikalen und vergessenen Visionen: Lese-Tipp für Joschka Fischers “Der Irakkrieg und die rot-grünen Jahre”

Oktober 8th, 2011


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Technokratisch, rechthaberisch, die Biographie eines Emporkömmlings, der nun aus dem Ruhestand seinen Zeitgenossen und der Nachwelt sagen will: Schaut her, da bin ich dabei gewesen, den und den hab’ ich getroffen. Das ist bei den ersten Sätzen der erste Eindruck dieser Biographie von Joschka Fischer über den “Irakkkrieg und die rotgrünen Jahre“. Und der zweite Eindruck: Am schwersten zu ertragen sind die Rechthaber, die auch noch tatsächlich Recht hatten. Doch es lohnt sich, diese Antipathie gegen diese zunächst scheinbar geradezu typische Politiker-Biographie zu überwinden.

Denn hier erfährt man, was man über die rot-güne Zeit vielleicht geahnt, aber nicht wirklich gewusst hat, versteht, warum diese Jahre nötig waren - und wie haarscharf die deutsche Politik in dieser Zeit am politischen GAU vorbeigeschrammt ist, von den quälenden innergrünen Debatten über die Reaktion auf den 11. September, über die Weltfremdheit, die dabei selbst “Spitzengrüne” an den Tag legten, über einen Kanzler Gerhard Schröder, der in der Auseinandersetzung um den bevorstehenden Irak-Krieg voll auf die nationale Karte setzte, der wohl auch bereit gewesen wäre, Deutschland an die Seite Russlands und Chinas und in die Isolation von den westlichen Partnern zu führen. Aber: Das alles hat man irgenwie auch schon woanders gelesen, das ist zwar interessant, aber noch nicht das eigentlich Lohnende an diesem Buch.

Wirklich spannend ist aber, was Fischer über die amerikanischen Neokonservativen, die Neocons der Bush-Administration sagt. Denn was die nach dem 11. September und vor dem Irak-Krieg über den “globalen Anti-Terror-Krieg” zum besten gaben, erinnerte in der Diktion ja irgendwie an die bolschewistische Sprache der 1920-er Jahre und späterer Epigionen, an die Losung von der proletarischen Weltrevolution mit der Sowjetunion als Zentrum, nur, dass eben in der Sicht der Neokonservativen nun die “demokratische Wekltrevolution” anstand, gestützt nun nicht auf die Rote, sondern auf die US-Armee. Eine Liste von 60 Staaten, so erinnert sich Fischer, hatten die Neocons im US-Außenministerium zusammen gestellt, Länder, in denen mit Hilfe der US-Armee die “demokratische Revolution” durchgesetzt werden sollte.

Leider bleibt Fischer hier zwar immer noch der diskret-diplomatische Ex-Außenminister, der nicht sagt, um welche Länder es sich dabei handelte - aber einige kann man sich ja denken.

Der entscheidene Punkt jedoch: Fischer fühlt sich bei seiner Debatte mit diesen Vertretern der US-Politik an seine eigene, linksradikale Vergangenheit erinnert - und, etwas zeitversetzt, sind das auch tatsächlich “die Genossen von einst”. Denn, so dröselt Fischer auf, die linksradikal anmutende Theorie der Neocons - von einem revolutionären Zentrum aus wird die bewaffnete Revolution in die ganze Welt getragen - ist in der Biographie ihrer Protagonisten begründet. Die kommen nämlich wirklich aus einer kleinen ehemals trotzkistischen Splittergruppe, wanderten dann auf den linken Flügel der Demokraten, entwickelten sich immer weiter nach rechts - und landeten schließlich alle gemeinsam am rechten Flügel der Republikaner. So gesehen: Interessante Biographien, wie wir sie in Deutschland ja auch teilweise haben…

Die Frage, die man sich in Bezug auf Fischers Amt als Außenminister aber unabhängig davon stellt: Gab es da irgendetwas “Grünes”, etwas, was z. B. ein FDP-Außenminister mit einigermaßen Verstand und Geschick nicht auch gemacht hätte? Ja, da gab es dieser Biographie nach etwas ganz spezifisch Grünes, nämlich das Aufräumen mit der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, der - wenn auch meist posthume - Rauswurf einstiger Nazigrößen, die auch noch das Diplomatische Korps der Nachkriegszeit beherrschten, bis zu Fischers Zeit in allen Ehren in der Ahnengalerie gefeiert wurden. Die Deutsche Politik von diesen “Mumien” befreit, 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit der Bewältigung dieses Teils der Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, das sich in seiner eigenen Geschichtsschreibung gern als “Hort des Widerstandes” präsentierte, zumindest begonnen zu haben - das ist das ganz Besondere an Fischers Zeit als Minister, das, was ihn von allen seinen Vorgängern unterscheidet. Seinen “liberalen” Vorgängern mögen diese Nazi-Diplomaten suspekt gewesen sein - aber sie hatten sich mit ihnen arrangiert. Fischer nicht!

Und die Visionen? Die kommen ganz zum Schluss, werden bei Fischer auch ganz unvisionär pragmatisch-vernünftig begründet, vor allem mit wirtschaftlichen und geopolitischen Notwendigkeiten. Das ändert aber nichts daran, dass es fortschrittliche Visionen sind, nämlich die von den Vereinigten Staaten von Europa, fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika, gemeinsam eine globale Kraft der Demokratie, der Menschrechte, eines für alle zugänglichen Wohlstandes.

Irgendwie scheint Fischer da fast schon wieder als selbst einstiger Linksradikaler an der Seite der US-Neokonservativen - nur eben mit dem Unterschied, dass er nicht deren Traum von der Allmacht der Waffen mitträumt, dass er auf die Politik setzt, auf eine Realpolitik, die sich von Visionen leiten lässt.

Und daran mangelt es in Deutschland seit dem Abgang von rot-grün.

Päpste, Künstler, Intriganten - Renaisance-Action-Krimi um die Geschichte des Petersdoms: “Die Kuppel des Himmels”, ein Lese-Tipp

Oktober 2nd, 2011


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Für Freunde des actiongeladenen Kriminalromans ist die Zeit der italienischen Renaissance so etwas wie die Epoche der Epochen: Intrigen, Mord, Verrat auf allen Ebenen - und dazu der Aufbruch in eine vermeintlich neue Zeit, das Streben nach Erkenntnis, der übermächtige Wille, etwas was zu schaffen, was noch nie zuvor geschaffen wurde.

Das ist auch der historische Hintergrund von “Die Kuppel des Himmels” von Sebastian Fleming, ein actiongeladener Historien-Krimi um den Bau des Petersdomes.

Was in dem Roman nun historische Wahrheit ist, was Fiktion, ist beinahe nebensächlich: Uns begegnen die großen Künstler dieser Zeit, Leonardo da Vinci, Raffael und Donato Bramante, der Haupt-Held dieser Geschichte, die Medici, Päpste, fanatische Inquisitoren. Und der Bau des Petersdomes, heute das Prunkstück des Vatikan, neben dem Kolosseum die große Attraktion von Rom, fordert da seine Opfer da nicht bei den Baustellen-Unfällen…

Ob die einzelnen Handlungsstränge des Romans der historischen Realität entsprechen oder nicht, ist hier sogar völlig sekundär: Was stimmt und stimmig ist, das ist das Bild dieser Epoche - und das macht die Geschichte spannend, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt.

Denn weniger wäre auch bei diesem Buch mehr gewesen: Den Roman auf den letzten Dutzenden Seiten bis zur Fertigstellung des Prunkbaus zerfasern zu lassen, war hier doch gar nicht nötig. Das Ende ihres ersten Haupthelden, von Donato Bramante, dem ersten Baumeister des Petersdomes, wäre auch ein passender Schluss gewesen…

Lese-Tipp, leider etwas schwerfällig: Von den barbarischen Wurzeln des Abendlandes - “Invasion der Barbaren”

Oktober 2nd, 2011


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So macht man wohl aus Büchern zu Fragen der Geschichte Bestseller: Man nehme einen griffigen Titel, zum Beispiel “Invasion der Barbaren“, suche dazu ein actionreiches Cover. Das Buch von Peter Heather hat dazu zwar noch einen erklärenden Untertitel, nämlich “Die Entstehung Europas im ersten Jahrzausen nach Christus”, aber der tut der Erwartung spannungsreicher Action keinen Abbruch. Zumal der Klappentext ja dazu noch verspricht: “Der Autor (…) untersucht - auch mit Hilfe der Erkenntnisse der modernen Migrationsforschung - die Dynamik der europäischen Wanderbewegungen vom Hunnensturm bis zu den Wikingern.”

Da hat man doch auch noch den Bogen geschlagen, von dem sich manch Sarrazin-Anhänger die historische Bestätigung seiner Vorurteile erhofft: Barbarische Hunnenhorden ziehen in das dekadente römische Reich, machen sich dort breit, holen schließlich ihre Stammesbrüder nach - und Rom geht im Strudel der gewaltsamen Usurpation endgültig unter. Damit wäre dann der Bogen zu den “Türken”, zu den “Moselms”, zu den afrikanischen Bootsflüchtlingen von Lampedusa auch geschlagen.

Das Gute an diesem umfangreichen, detaillierten Werk von Heather ist:

Genau dieses erhoffte Geschichtsbild wird hier nicht bedient. Statt dessen schildert Heather sehr genau, wie vielfältig, wie differenziert die unterschiedlichen Migrationsbewegungen gestaltet waren, dass sich da auch nicht unbedingt “Völker” auf den Weg machten, sondern Einzelpersonen und Familienverbände, Strukturen, die sich erst auf der “Reise” oder auch erst am Zielort “vereinigten”, die zum Teil auch erst deshalb zu “Völkern” wurden, weil die alteingesessenen römischen Chronisten eine genauere Unterscheidung zwischen den einzelnen “Barbaren” nicht für nötig hielten.

Aber wie das nun mal ist mit Vorurteilen: meistens hat man deren mehrere - die auch nicht unbedingt zusammen passen müssen, die sich auch gerne wiedersprechen dürfen. Und neben der Mär von den zu Hunderttausenden auf das Römische Reich einstürmenden Germanen und Hunnen erzählt die andere Mär in reaktionären Kreisen gern von den “christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes” (oder auch umgekehrt - wobei man das “jüdisch” eigentlich auch nur pro forma aufgenommen hat). Dass in der Zeit der “Völkerwanderung” kein Mensch vom Abendland sprach, muss ja bei der Mär von seinen vermeintlichen Wurzeln nicht weiter stören.

Nun schildert Heather zwar durchaus, wie sich die einzelnen Anführer der eingewanderten Clans und Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel des rascheren sozialen Aufstieges gerne auch christlich taufen ließen - doch dass sie ihre alten Gewohnheiten, ihren Wotan-Glauben wirklich an den Nagel hängten, ist hier nicht zu finden. Was bei der Schilderung aber deutlich wird: Da, wo die Einwanderer in großer Zahl eintrafen, mitunter auch ein Territorium gewaltsam in Besitz nahmen, hielten sie um einiges länger an ihrem alten Glauben fest. Von den “odinschen Wurzeln des Abendlandes”, also seinen vermeintlich “barbarischen Wurzeln” wollen unsere konservativen Migrations-Skeptiker trotzdem nicht reden.

Was wir am Ende aus dem, leider schwerfällig zu lesenden, Buch aber tatsächlich lernen können: Wer in seiner eigenen Familiengeschichte einen solchen “Migrationshintergrund” hat, ist eher als andere geneigt, sich - wie schon seine Eltern oder Großeltern - ebenfalls einen neuen Lebensstandort zu suchen. Und: Dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen das Land ihrer Geburt verlassen und woanders ihr Glück suchen, ist eine der großen Konstanten der Geschichte.

England 1545, packend moderner Start in die Neuzeit - Lese-Empfehlung für den “Pfeil der Rache”

August 31st, 2011


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Er gilt als der Monarch, der England vom Mittelalter auf den Weg in die Neuzeit brachte, der die Grundlage der Modernisierung legte, aber dabei seinen Zeitgenossen und Erben ein zerrissenes Land hinterließ, ausgeblutet und verarmt von seinen meist glücklosen Kriegen: Heinrich VIII, der Mann mit den sechs Ehefrauen, der Mann, der sich wegen einer verweigerten Scheidung von Papst los sagte und damit gegen seinen Willen und gegen sein wahres Naturell einer geistige Revolution Bahn brach.

Als Person kommt der Monarch in dem Historien-Krimi “Pfeil der Rache” von C.J. Sansom zwar nicht selber vor, ist aber dennoch allgegenwärtig, nicht nur, weil der Romanheld, der buckelige Rechtsanwalt und Detektiv wider Willen Matthew Shwardake ständig darauf bedacht sein muss, seinem König nicht über den Weg zu laufen, wo er doch bei dem in Ungnade gefallen ist.

In seinem fünften Roman der Historien-Krimi-Reihe um diesen umtriebigen Rechtsgelehrten führt uns Sansom in das Jahr 1545, in die letzte Phase der Herrschaft von Heinrich von VIII, in ein England, das scheinbar schon am Boden liegt, kurz vor der Invasion durch die französischen Dauerfeinde, die mit einer überlegenen Flotte bereits vor der Küste liegen und die Häfen belagern.

Und was uns der Autor da vorführt, ist neben den beiden spannenden parallel laufenden Kriminalfällen eine erstaunlich moderne Welt, ein an allem zweifelnder Detektiv, ein desillusionierter “Reformer” im Hofstaat der Königin, ein paar Fanatiker, Krämer und Händler, die angesichts des Krieges und der “Not des Vaterlandes” die (Geschäfts-)-Moral moderner Hedgefonds-Manager an den Tag legen - eben die gesammelten Grundlagen der Welt, in der wir leben.

Angesichts der dazu fesselnden Story legt man dieses Buch nur ungern wieder zur Seite, bevor man nicht auf der letzten Seite angelangt ist.

Darum: Unbedingte Leseempfehlung, nicht nur für die Freunde historischer Kriminalromane. Und wenn man ihn durch hat, wird man vielleicht sogar zum Freund des Genres - allem Trivialem zum Trotz.

Lichtraum - am Ende der Science Fiction

August 1st, 2011


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Neulich in einer eigentlich gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung: Ausschweifender historischer Romane überdrüssig war ich auf der Suche nach der Literaturgattung, die mich vor einigen Jahrzehnten über alles gefesselt hatte, nach spannender Science Fiction. Meine relativ schnelle Wahl fiel in dieser Buchhandlung dann euf ein dickeres Werk mit dem genre-typischen Titel “Lichtraum” eines mir unbekannten Autors namens Gary Gibson.

Warum meine Wahl so schnell gerade auf diesen Titel fiel? Der Hauptgrund: Die Auswahl war schlicht und ergreifend nicht so groß. In der gemensamen Abteilung “Fantasy” und “Science Fiction” war das meiste Fantasy, von den Titeln her eine Ansammlung von mystischen Heldengeschichten mit viel Übersinnlichem - und bei der Science Fiction wartete das, was man schon vom Fernsehen kennt: zahllose unterschiedliche Bände von “Star Trek” in allen Variationen.

Nun hatte ich Star-Trek-Filme im Fernsehen immer gern gesehen, diese Kult-Serie, die sich mit ihrem Modell einer lebens- und erstrebenswerten Zukunft so angenehm von den düsteren Endzeit-Fantastereien anderer Serien unterschied, aber das nun auch noch mal lesen? Umgekehrt gilt ja leider die Erfahrung: Science-Fiction, die man voller Spannung las, etwa Philip José Farmers Flusswelt-Zyklus, wollte in Szene gesetzt nie so recht funktionieren.

Eigentlich stand ich so davor, mich schon für gar nichts zu entscheiden, auf meine Rückkehr in die Reihen der Science-Fiction-Leser zu verzichten - aber da war immerhin noch der Verlag, der Heyne-Verlag, der ganz herausragende Science-Fiction herausgebracht hatte, ganze Zyklen sowie Sammlungen pointierter Kurzgeschichten. Und die erinnerte Erfahrung sagte: Was von Heyne kam, konnte so schlecht (wie schon früher bei manch anderen Verlagen) nicht sein. Also: Hinein in den “Lichtraum”, den bereits dritten Teil einer vermeintlichen Erfolgsreihe…

Nur leider entpuppte sich dieser “Lichtraum” dann auch als eine jener Endzeit-Orgien, als endloser intergalaktischer Krieg, in dem sich die kämpfenden Rassen - darunter irgendwie auch die Menschen in verfeindeten Fraktionen - nicht damit begnügen, sich ihre Planeten, sondern gleich ihre Sonnen in die Luft jagen, mit irgendwelchen geheimnisvollen Waffen, die die Kontrahenten von älteren, irgendwohin verschwundenen Rassen übernommen haben, von “Weisen” oder auch von einem “Schöpfer”, nach dem nun alle fahnden.

Also: Eine krude, wirre Geschichte, durch deren Seiten ich mich nur bis zum Ende quälte, weil ich es disziplinlos finde, ein Buch nicht bis zum Schluss zu lesen.

Der Eindruck, den das hinterlässt: Mit dem Endlos-TV-Erfolg von Raumschiff Enterprise zu Star Trek hatte die Science Fiction wohl doch ihren Höhepunkt erreicht - und war gleichzeitig leider auch an ihrem Schlusspunkt angekommen.

Vielleicht lag das alles aber auch nur an der Bahnhofsbuchhandlung, die eventuell doch nicht so gut sortiert war…………

Lese-Empfehlung für die erste Hälfte: Ildefonso Falcones - Die Pfeiler des Glaubens

Juni 18th, 2011


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Es macht schon Spaß, ein Buch von Ildefonso Falcones zu lesen, und einen Autor historischer Romane, der kenntnisreicher schreibt, findet man momentan nur schwerlich. Und dazu lenkt Falcones sein Augenmerk auf Momente der Geschichte, die andere kaum im Blickwinkel haben – so auch bei seinem Roman „Die Pfeiler des Glaubens“.

Der verdrängte, der vergessene Teil der spanischen Geschichte: Mit der “Rückeroberung” durch die “Katholischen Majestäten” ist Spanien nämlich noch lange nicht christlich durch und durch, noch ist die Bevölkerung weitgehend arabisch-islamisch. Und dieser arabische Bevölkerungsteil wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterdrückt, darf nicht in seiner Sprache sprechen, alle Araber müssen einen christlichen Namen annehmen - und die (wenigen) Rechte, die die christlichen Spanier, die “Alt-Christen” immerhin haben, werden ihnen verweigert. Und dagegen kommt es dann gegen Ende des 16. Jahrhunderts, rund hundert Jahre nach dem Sieg der katholisch-spanischen Könige, zum Aufstand der so genannten “Morisken”, wie diese noch in Spanien lebenden Nachfahren der Araber genannt werden.

In der ersten Hälfte der “Pfeiler des Glaubens” liefert Falcones eine packende Geschichte dieses verzweifelten Aufstandes, eine glaubwürdige Geschichte seines Helden, eines jungen Maultiertreibers, von den anderen Morisken verachtet, weil seine Mutter von einem katholischen Prieser vergewaltigt wurde, er als Christ gilt, von den Alt-Christen ebenso verachtet, weil er für die ein Moriske ist, er so nun immer wieder zwischen die Fronten gerät, eigentlich kaum mehr als ums eigene Überleben kämpft, dabei aber in eine Schlüsselstellung für Erfolg und Misserfolg des Aufstandes gerät.

Positiv bei dieser ersten Häfte: Da kämpfen bei Falcones auch nicht “arme Unterdrückte” gegen ihre böse Herrschaft, da sind die Motive der Unterdrückten auch nicht immer so sauber, würden sie sich eben gern nur selbst an die Stelle der Herrschenden setzen - ein Kampf um Macht, aber blutig und erbarmungslos geführt auf beiden Seiten in fanatischem Glauben (der abver nie soweit geht, dass nicht Moslems auch Moslems verraten oder christliche Herrscher anerer Länder sich mit den spanischen Moslems verbünden, um die spanische Krone zu schwächen), ein Kampf nich zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen verschiedenen Formen des Fanatismus.

In dieser ersten Hälfte jedenfalls verschlingt man Falcones Buch Seite für Seite, ärgert sich der Fan historischer Romane über jede Unterbrechung, die man beim Lesen manchmal einlegen muss.

Doch dann, nach der Niederschlagung des Aufstandes, nach dem Gang der Helden in die Verbannung….

…dann wird daraus die zähflüssige Geschichte eines Mannes, der - immer noch zwischen den Fronten - nach einem Weg zwischen Christen und Moslems sucht, der sich in Bücher verkriecht, quasi ein Misch-Religion erfindet, teilweise damit sogar Erfolg hat, am Ende aber dennoch scheitert. Falcones verweist zwar darauf, dass seine Bezüge zu gefälschten Evangelien-Texten übrigens historisch genau so real sind wie der Aufstand der Morisken, nur geht es hier eben nun nur noch um eine Geschichte der Kopfgeburten, die nicht wirklich packen können, die auch durch den realen historischen Bezug nicht spannender werden.

Schade darum, denn mit halb so vielen Seiten (immerhin 928) wäre dieser Roman doppelt so gut gewesen.

Lese-Tipp für historische Querdenker: Egon Flaig - Weltgeschichte der Sklaverei

Juni 18th, 2011


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Die Sklaverei ist abgeschafft, zumindst in ihrer klassischen Form weltweit Geschichte? Sklaverei gab es in der Antike, in der Neuzeit dann noch in Amerika, als Produkt des europäischen Kolonialismus? Die Völker Afrikas waren das Opfer der Sklaverei? So in etwa sehen sie aus, die gängigen Geschichtsbilder in (europäischen) Köpfen. Wenn man sein eigenes Geschichtsbild da auch mal infrage stellen will, sollte man zu diesem Büchlein eines Alt-Historikers greifen: Egon Flaig - Weltgeschichte der Sklaverei.

Die Geschichte des europäischen Kolonialismus und des Imperialismus ist sicher alles andereals ein Ruhmesblatt des “Abendlandes”, und es steht den Europäern gut an, sich dafür zu schämen! Das bestreitet Flaig auch nicht. Nur: Diese Geschichte muss nicht allein den Europäern peinlich sein.

Zunächst einmal räumt Flaig als Alt-Historiker mit dem wohl am weitesten verbreiteten Vorurteil auf, nämlich, dass Rassismus und Sklaverei zusammen gehören. Eigentlich auf der Hand: Die Sklaverei im antiken Rom war rein merkantil, hatte mit der ethnischen Herkunft eines Sklaven nichts zu tun. Sklave wurde, wer in einem Krieg gefangen genommen wurde, wer seine Schulden nicht bezahlte. Das konnte auch den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie treffen. Und der mögliche Freikauf eines Sklaven war auch nur eine Frage des Geldes, nicht seiner Hautfarbe…

Doch dieser Teil der Sklaverei ist nun tatsächlich “Geschichte”, ein anderer spielt in der aktuellen politischen Debatte noch immer eine Rolle, etwa, wenn es um Entschädigungsforderungen für erlittenes Unrecht geht, Europa und die USA für aktuelle afrikanische Miseren (an denen sie wahrhaftig auch nicht unschuldig sind) in Haftung genommen werden sollen.

Und da lautet das Vorurteil: Europäische Sklavenhändler haben den afrikanischen Kontinent ausbluten lassen, seine Entwicklung abgeschnitten. Dass europäische Sklavenhändler an diesem Verbrechen beteiligt waren, steht auch für Flaig ganz außer Frage - nur waren sie eher Randfiguren, wie der Historiker empirisch zeigt.

Denn, so belegen es die Zahlen, der Sklavenstrom von Afrika in die europäischen Kolonien machte nur einen Bruchteil des gesamten Sklavenhandels aus. Europäische Sklavenhändler (fast ausschließlich Portugiesen, in Europa selbst meist gesellschaftlich geächtet, Leute, mit denen man nichts zu tun haben wollte) hatten ihre Handelsstationen an der afrikanischen Westküste, kauften ihre “Ware” von afrikanischen und arabischen Sklavenjägern. Und der weitaus größere Teil dieser lebenden Ware ging nicht nach Amerika - sondern in die islamisch-arabischen Länder und nach Asien. Die wirklich großen Handeslstützpunkte waren an Ostküste, etwa Sansibar, fest in arabischer Hand.

Womit Flaig dann aber wirklich verblüfft, ist seine - einleuchtende - Sicht auf den heute so gefeierten “antikolonialen Kampf der von Europa unterworfenen Völker”: Denn die erste Maßnahme, die zumindestens die Briten in ihren Kolonien und kontrollierten Gebieten durchsetzten, war das Verbot der Sklaverei (zugestanden: um sie durch andere Formen der Zwangsarbeit zu ersetzen, aber der private Handel mit Menschen war erst einmal untersagt). Und die ersten Aufstände gegen die Kolonialherren richteten sich genau gegen diese Abschaffung der Sklaverei.

Dazu allen Anti-Amerikanern ins Strammbuch geschrieben: Der amerikanische Bürgerkrieg, den die USA gegen den abtrünnigen Süden führten, hatte zwar sicher noch eine Reihe weiterer Aspekte - aber er war und ist bis heute der einzige Krieg, der jemals mit dem erklärten Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt wurde.

Und heute? Da gesteht Flaig zu, dass es auch in den westlichen Gesellschaften Menschenhandel (insebsondere bei der Zwangsprostiton) gibt - was aber mit der klassischen Sklaverei nichts zu tun hat. Denn die “Gehandeltelten” könnten sich, zumindest theoretisch, jederzeit an Staat und Gesellschaft wenden, wären dann frei. In manchen Ländern Westafrikas und der Sahel-Zone gilt das so aber immer noch nicht. Auch wenn dort die Sklaverei formell zwar ebenfalls abgeschafft ist, wird sie vielerorts eben staatlich und gesellschaftlich zumindestens geduldet, bringt der Polizist den “entlaufenen Sklaven” dem Herren zurück.

Und so spricht Flaig Europa (und Amerika) zwar nicht frei für seine historischen Verfehlungen, aber zeigt doch eines auf: es waren allein die vielgescholtenen “westlichen Werte”, die die Sklaverei eindämmten, Werte. die man deshalb auch verteidigen sollte.