Trash gegen Trash: Wie sich der rechte Pöbel über nackte Pseudo-Promis ereifert


Für den Grimme-Preis vorgeschlagen wird die RTL-Trash-Show „Adam sucht Eva“ sicher nicht. Aber Einschaltquoten bringt das allemal: Nackte Z-Promis, mehr oder weniger unbekannt geblieben nach Auftritten in anderen Trash-Formaten, treffen sich auf einer Palmeninsel mit dem Ziel der späteren Begattung, mehr oder weniger diskret vor laufender Kamera. Das zielt auf Massenpublikum, gibt aber auch den seriöseren Medien/Online-Plattformen ausreichend Gelegenheit, sich über den ausgestrahlten Trash publikumswirksam zu mokieren. Denn: Ganz egal, was man darüber schreibt, in jedem Fall darf das Geschriebene mit Szenenfotos von den Nackedeis geschmückt werden – und Nacktfotos bringen ja nun mal, wie man weiß, Auflage bzw. Klicks. Wirklich faszinierend wird das alles aber erst, wenn das trashige Publikum, das im Fernsehen die Nackedeis begaffte, sich nun in den Kommentarspalten von T-Online, Welt und anderen Medien über eben diese Show ereifert – und dabei auch noch messerscharf analysiert, warum das Fernsehen das überhaupt bringt. Continue reading

Österreich und Co.: Kein Trinkgeld für Rassisten


Österreich zählte noch nie zu meinen bevorzugten Reisezielen, ein Österreich-Urlaub stand auch nicht an, aber nach dieser Wahl muss ich nun sagen: Die Alpen-Republik ist aus meiner privaten Reiseliste bis auf weiteres gestrichen, so wie zuvor schon Ungarn und, was ich tastsächlich bedaure, die Türkei. Dabei würde ich wohl auch in Zukunft in Österreich kaum mit meiner willkürlichen Inhaftierung rechnen müssen. In der Türkei wäre ich mir da nicht so sicher. Bei einem zufälligen Zusammenstoß mit der Staatsmacht, etwa wegen eines Verkehrsproblems, hätte ich in Österreich keine Sorge wegen erwarteter Polizeiwillkür. In Ungarn würde ich zumindest damit rechnen. Mein Problem mit Österreich: Ich fühle mich unter Rassisten einfach unwohl. Und ich mag einem rassistischen Kellner, einem rassistischen Taxifahrer kein Trinkgeld geben, auch, wenn er mir den besten Service bot. Continue reading

Mario Barth: Ein FDP-Zotenreißer auf AfD-Kurs


Eigentlich hatte sich der zum Comedian hochstilisierte Zotenreißer Mario Barth auf seiner letzten USA-Reise, als er bemerkte, da er keine gesehen habe, gebe es auch keine Anti-Trump-Proteste, selbst für seine eigenen dümmliche Possenshows disqualifiziert. Dass ihn die Berliner FDP später dennoch zum Werbeträger ihrer nicht minder dümmlichen Flughafen-Tegel-Kampagne mit Ryanair und Co. machte, verrät zwar einiges über das Niveau der Berliner Pseudo-Liberalen, steigert aber nicht den Gehalt von Barths stammelnd erzählten Witzen. Und eigentlich war Barths vermeintliche Enthüllungssendung „Mario Barth deckt auf“ auf RTL bereits mit ihrem Titel eine Beleidigung für jeden Lokalreporter einer Kleinstadtzeitung, der einmal eine tatsächlich selbst recherchierte Enthüllungsgeschichte veröffentlichte. Doch was Barth nun nach der viel zu kurzen Pause dieser angeblichen Aufdeckungs-Reihe präsentierte, war eine Steigerung all dessen, was wir von ihm kannten – also kaum zu unterbieten. Continue reading

Palmers „Wir können nicht allen helfen“ – viel diskutiert, kaum gelesen


Zum Buch

Manche Bücher erzielen breite Aufmerksamkeit weniger durch Inhalt oder besonders brillanten Stil, als vielmehr durch die Empörung, die der Autor und sein Werk hervorrufen, bevor es denn überhaupt veröffentlicht ist. In diese Kategorie fällt auch Boris Palmers „Wir können nicht allen helfen“. Aus Sicht des Verlages waren da die grünen Partei“freunde“ des Verfassers, die dem Bürgermeister aus Tübingen den Rat gaben, er solle „einfach mal die Klappe halten“, die besten Werbe-Helfer für einen angehenden Bestseller. Denn wer hätte sich ansonsten schon für ein Buch mit solch einem eher sperrigen Titel interessiert, wer hätte denn lesen wollen, wie ein biederer Kommunalpolitiker in seiner Gemeinde für eine unerwartete Zahl von Flüchtlingen Wohnraum schafft, um so wenigstens die Grundlagen der verlangten Integration zu legen?
Nun ist das Buch da, zeigt keine Spur des vorab unterstellten Rassismus, wehrt sich im Gegenteil fast in jedem Kapitel gegen befürchteten Beifall von der falschen rechten Seite – doch die Empörung der Dauerempörten hält ungebremst an. Motto: Ich muss doch nicht lesen, was mein moralisches Weltbild ankratzen könnte. Continue reading

Geschichtslosigkeit mal wieder Trumpf – oder: ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, um Verständnis für Flüchtlinge zu werben


Im Internet macht ein Bonmot die Runde, das nach Sascha Lobos Auftritt im ZDF nun in aller Munde ist: nennen wir die Flüchtlinge doch einfach Vertriebene – dann kann sich selbst die CSU mit ihnen anfreunden. Das klingt logisch, freundlich zu den Flüchtlingen, ist aber, näher betrachtet, absolut daneben. Keine Ahnung von Geschichte zu haben, ist nicht nur rechten Dumpfbacken vorbehalten, sondern wohl auch unter „Linken“ Trumpf. Continue reading

Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu. Continue reading

Lese-Tipp „Kindersucher“ – der Aufstieg der Nationalsozialisten als spannender Horror-Krimi


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Ein jüdischer Kriminalbeamter, umgeben von antisemitischen Kollegen, die sich nicht einmal Mühe geben, ihre Verachtung für den Juden zu verbergen, esoterische Sekten, Massenelend, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und den Nationalsozialisten, die ungehindert die staatlichen Behörden infiltrieren, brutal nach der Macht greifen: Paul Grossmann zeichnet in „Kindersucher“ das Endzeit-Szenario der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie.
Und die erzählt er in Form eines packenden Horror-Krimis, dessen Held eben jener verfemte jüdische Kriminalsekretär ist, zwar ein erfolgreicher Ermittler, aber wegen seiner Herkunft auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten. Continue reading

Lese-Empfehlung für Daniel Wolfs „Das Salz der Erde“ – von der städtischen Revolution im Mittelalter


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Endlich wieder einmal ein historischer Roman, der diese Genre-Bezeichnung auch verdient hat: Daniel Wolf führt mit seinem „Das Salz der Erde“ tatsächlich in die Welt des Hochmittelalters, in die Zeit der aufstrebenden Städte und des allmählichen Niederganges des Ritterstandes.
Was Wolf hier schildert, ist die frühbürgerliche Revolution, der Emanzipationskampf von Händlern und Handwerkern gegen die Bevormundung durch Adel und Klerus, aufgezeigt am Beispiel einer kleinen, gerade 3000 Einwohner zählenden Stadt in Lothringen. Dabei will der Protagonist des Romans hier eigentlich nichts anderes tun als Handel treiben, aber weil Klerus und Adel mit ihren Zöllen und Abgabeforderungen den freien Handel fast unmöglich machen, muss er – wieder Willen – auch den Kampf gegen die Obrigkeit aufnehmen. Continue reading

Im Jahr vor dem Ende – Lesetipp: „1913“ von Florian Illies


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Man weiß nicht, ob es so passierte, aber möglich wäre es schon, sogar relativ wahrscheinlich, auch, wenn davon nichts bekannt ist: Immer wieder begegnen sich zwei Männer beim Spaziergang im Park von Schloss Schönbrunn. Zwar werden sie sich nie einander vorstellen, nie über irgendetwas reden, aber irgendwann fangen sie an, sich einander wortlos zuzunicken, sich zu grüßen, wenn sie sich wieder einmal über den Weg laufen – solange, bis beide aus Wien verschwinden, der erfolglose Postkartenmaler nach München, der ehemalige Jesuitenschüler und Berufsrevolutionär zurück nach Russland.
Florian Illies erzählt die Anekdote dieser möglichen Begegnung von Adolf Hitler und Josef Stalin in seinem „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts„. Und das ist kein Roman, keine Erzählung, kein Sachbuch, das ist eigentlich nicht mehr als die mitunter zufällig und willkürlich erscheinende Aneinanderreihung von Episoden, Geschichten und Geschichtchen, die nicht einmal unbedingt einen Zusammenhang zu haben scheinen… Continue reading