Mittelalter-Romane, Feminismus - und Grüße von Hedwig Courths-Mahler

August 15th, 2010


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Bei allem Bekenntnis zur Emanzipation, zur Gleichberechtigung der Geschlechter und, wenn es denn sein muss, auch zur Quotenregelung: Sehe ich auf einem historischen Roman den Namen einer Autorin, schrecke ich allmählich zurück - und das trotz hervorragender Werke etwa von Rebecca Gable und anderen Frauen. Nur: Bei der großen Masse der Autorinnen läuft da irgendetwas fehl - sei es, dass moderne Emanzipatiosvorstellungen einfach ein paar Jahrhunderte zurück transportiert werden, sei es, dass vermeintliche politische Korrektheit zugunsten verfolgter Minderheiten mit tivialem Kitsch gekreuzt wird - oder sei es alles zusammen.

Und ewig grüßt dabei Courts-Mahler!

Dabei war das ungute Gefühl, das ich beim Kauf von Ricarda Jordans “Die Pestärztin” empfand, nach der ersten Hälfte der Lektüre fast verschwunden. Denn bis dahin erschien das ganze doch als realistische Darstellung früherer Verhältnisse:

Eine Prostituierte bekommt ein Kind, dessen Vater kurz zuvor am Galgen landete, die Mutter stirbt bei der Geburt, eine jüdische Hebamme nimmt sich der Neugeborenen an. Die wächst als Pflegekind bei einer jüdischen Familie heran, muss die verlassen, widmet sich gegen alle Widerstände der Medizin, eröffnet in der Zeit der großen Pest zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährten ein Krankenhaus.

Und gerade wegen der Erfolge, die sie dort hat, wird sie als Hexe verdächtigt, ihr Lebensgefährte kommt offenkundig bei der Judenverfolgung ums Leben, ihr selbst gelingt in letzter Sekunde die Flucht aus dem Hexenkessel von Mainz.

Bis zu diesem Punkt wäre das eine - trotz der literarisch verzeihlichen Überzeichnungen - spannend-realistische Lektüre gewesen. Gebe es da nicht noch die zweite Hälfte, die sich so schmachtend wohl nicht einmal Hedwig Courts-Mahler oder Uta Danella hätten ausdenken können.

Denn auf der Flucht kommt unsere Heldin zu einer Burg, auf der ihre wahre Identität erkannt wird: Ihre Mutter war natürlich keine Prostituierte, sondern eine Adelige, ihr Vater ebenso, zu Unrecht verurteilt - und der tot geglaubte Lebensgefährte gelangt auch noch irgendwie auf diese Burg…. das Happy-End im siebten Himmel ist da nicht mehr aufzuhalten.

Nein, mein Vorurteil ist ganz bestimmt verkehrt: Frauen können sicher genau so schreiben wie die Männer. Es ist wohl eher der Markt, der von Autorinnen solch haarsträubenden Schwachsinn verlangt. Nur: Warum müssen moderne Autorinnen dann wie die Frauen des Mittelalters tun, was man von ihnen verlangt?

Das Ende der Geduld: Lob der Differenziertheit

August 14th, 2010


Zum Buch

Nachdem der erste Medienrummel vorbei, der Applaus verklungen ist, kann man dieses Buch empfehlen mit dem Satz: Das hat Kirsten Heisig nicht verdient!
Denn was von den Dumpfmedien hervorgehoben und immer wieder zitiert wurde, wofür sie den Applaus der Rechten und der Ultra-Rechten einkassierte, ohne - da verstorben - sich dagegen wehren zu können, war der ständig gleiche Bruchteil ihres viel komplexeren Werkes “Das Ende der Geduld“, waren die Passagen, die sich mit der Kriminalität jugendlicher Ausländer befassen.

Da nimmt sie, und das ist gut so, kein Blatt vor den Mund, berichtet sie von ihren Erfahrungen, nur macht sie das alles eben nicht zur Kronzeugin der Rassisten. Denn die Jugendrichterin macht eben nicht die Gene, die Rasse oder ähnliches verantwortlich, sondern benennt die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Kriminalität entstehen lassen, sagt, was der Staat ihrer Meinung nach dagegen tun kann. Und da geht es dann um Bildung, sozialen Aufstieg und mehr - während Abschiebung und Ausweisung eben nicht zu Heisigs Vokubalar zählen, auch, wenn ihre vermeintlichen Fans diese Begriffe am liebsten im Mund führen.

Und sie führt als Beispiel gelungener Gewalt-Abwehr das staatliche Vorgehen gegen Neonazis an, sagt, dass man da nicht nachlassen, aber auch für andere Bereiche davon lernen könne. Offenkundig scheinen, so sagen es jedenfalls die von Heisig zitierten Beispiele, im Kampf gegen die Neo-Nazis die von manchen mutigen Richtern verhängten harten Strafen gefruchtet zu haben, nicht nur zur Erziehung der Verurteilten, sondern auch zur Abschreckung des Umfeldes.

Wer Kirsten Heisig jedenfalls zur Vorkämpferin gegen “Ausländerkriminalität” reduziert, hat ihr Buch nicht gelesen oder (bewusst?) falsch verstanden.

Was das Buch dagegen ist: Eine Aufforderung, sich zum Rechtsstaat zu bekennen - und ihn mit den Mitteln zu verteidigen, die dem Rechtsstaat dafür zur Verfügung stehen.

Historien-Krimi um Glauben, Skepsis und den Sprung in die neue Zeit

Juli 24th, 2010


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Irgendwo hat sich das in den Köpfen fest gebrannt: Zu Beginn der Neuzeit hält die Katholische Kirche mit aller Macht am Althergebrachten fest, stemmt sich gegen den unaufhaltsamen Fortschritt - und für den stehen die Anhänger der Reformation, je radikaler, um so fortschrittlicher.

In diese Zeit dieses Kampfes zwischen den Anhängern der alten Lehre und dem neuen Glauben führt uns C. J. Sansom mit seinem Historien-Krimi “Das Buch des Teufels“, in das London des Jahres 1543, in die Regierungszeit von Heinrich dem VIII. Doch so einfach ist es da gar nicht mit der Aufteilung in “Fortschrittlich” und “Reaktionär”.

Die Köpfe rollen in dieser Zeit jedenfalls nicht nur auf dem Schafott. Eine unheimliche Mordserie ereignet sich in London - eine Mordserie, die streng geheim gehalten wird. Denn je nach dem, was sich als Motiv der taten herausstellen könnte, wird sich das Machtgefüge zwischen den Befürwortern der Reform und den Parteigängern des Papstes verschieben. Wobei die gemäßigten Reform-Anhänger auch noch ein Problem haben: Ihre radikalsten Parteigänger rechnen nicht nur täglich mit dem Ende der Welt, der finalen Apokalypse - einige von ihnen könnten auch durchaus bestrebt sein, nicht erst Gottes Taten abzuwarten, sondern statt dessen die Apokalypse in die eigene Hand zu nehmen umd als Gottes Auserwählte ohne Umweg zur Erlösung zu gelangen.

Auf diesem gesellschaftlichen Hintergrund versucht der Anwalt Matthew Shardleck Licht in das Dunkel zu bringen - und umgeben von Fanatikern einen klaren Kopf und seine gesunde Skepsis zu bewahren.

Endlich wieder ein Historien-Roman, der ohne mystischen Firlefanz auskommt, eine spanende Geschichte stringent erzählt - und dabei ein realistisches Bild der aufkommenden Neuzeit zeichnet.

Ein Muss für alle Freunde des Historien-Krimis!

Fälle von Pest, Fremde und der erste Mensch

Juli 24th, 2010


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Die meisten Autoren, die gerade unsere Bestsellerlisten füllen, dürften wohl schon eher als 50 Jahre nach ihrem Tod vergessen sein: Dass Albert Camus heute, über 50 Jahre nach seinem Autounfall, noch besonders häufig gelesen wird, ist dabei wohl ebenfalls zu bezweifeln. Um so mehr: Dank an den Rowohlt-Verlag, dass er vier Werke des Existenzialisiten nun in einer Sonderedition neu herausgegeben hat: “Der Fremde” , “Der erste Mensch“, sowie “Der Fall” und “Die Pest“.

Da mag aus heutiger Sicht “Der Fall” schwadronierend daher kommen, da mögen die Helden in “Die Pest” für unsere Begriffe sich schon etwas sonderbar ausdrücken, mag uns manches, was da in “Der erste Mensch” gesagt wird, fast pro-kolonialistisch anmuten und das Verhalten der Protagonisten in “Der Fall” logisch nicht wirklich nachvollziehbar: in allem, was Camus schreibt, steckt etwas Grundsätzliches, etwas, das wie die Frage nach der inidividuellen Entscheidungsfreiheit einen ewigen Bestand hat, eben gerade auch, weil Camus als Kind seiner Zeit schreíbt.

Wer etwas gegen den Mainstream lesen will: Unbedingt die Camus-Sonderausgabe von Rowohlt holen, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese vier Bücher mit dem roten Einband so handlich und so schmuck sind, dass man sie nicht nur gerne liest, sondern hier auch spürt, was Bücher alles ausmacht.

Israelische Kontraste

Juli 11th, 2010


Koran-Sure an der Verkündigungskirche

Ihre meisten Einnahmen erzielt Nazareth, die israelische Stadt mit der arabischen Bevölkerungsmehrheit, wohl durch die christlichen Pilgerströme zur Verkündigungskirche. Ob sich die Pilger durch die Koran-Sure, nach denen ihnen der Eingang ins Paradies für immer verwehrt bleibt, beleidigt fühlen, ist nicht so ganz klar. Direkt angesprochen werden die ausländischen Besucher aber schon. Sonst würde die Sure wohl kaum auch noch in Englisch an dieser Stelle prangen.

Wie auch immer: Selbst, wenn sich einige Pilger beleidigt fühlen sollten - von Morddrohungen gegen die Mitglieder der Nazarether Stadtverwaltung ist nichts bekannt.

Auslage vor einem Laden auf dem Basar von Jerusalem

Aber man kann ja auch freundlich zueinander sein, selbst im Nahen Osten. Für den Besitzer eines Ladens in der Jerusalemer Altstadt ist es jedenfalls kein Problem, sowohl T-Shirts mit den Emblemen Palästinas als auch der Israelischen Verteidigungskräfte zu verkaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kunde beides will, ist vielleicht nicht hoch - doch ein guter Geschäftsmann ist eben auf alles vorbereitet und kennt keine Vorbehalte.

So widersprüchlich diese Bilder sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie - bzw. die Zustände, die sie zeigen - entstanden unter dem Schutz der israelischen Armee - und demonstrieren die Überlegenheit der demokratischen israelischen Gesellschaft.

Islam hin oder her: Wie lange würde in einem islamisch geprägten Land an einer Sehenswürdigkeit mit christlichem Hintergrund wohl ein Transparent hängen, von dem sch Touristen aus christlichen Ländern beleidigt fühlen könnten? Wohl nicht mal einen Tag! Denn da wären den Machthabern die Devisen näher als die Suren.

Und wie lange würde im Basar einer arabischen Stadt sich ein Laden halten, der T-Shirts mit israelischen Emblemen verkauft? Wohl keine fünf Minuten…

Man muss kein Freund der derzeitigen (frei gewählten) israelischen Regierung sein (die meisten Israelis sind, wie in Demokratien weit verbreitet, ohnehin selten Freunde ihrer jeweiligen Regierung): Aber es ist immer noch Israel, das im Nahen Osten für grundlegende Rechte wie Meinungs- und Religionsfreiheit steht, und, wie man sieht, diese Prinzipien bis an den Rand der Selbstaufgabe auch durchsetzt.

Beim Friseur - am Tag danach

Juni 19th, 2010


Friseur-Besuch am Tag nach der deutschen Niederlage: Drei Damen unter der Haube analysieren ein 0:1-Ergebnis.

Wir lernen von Expertinnen, die in ihrer schon länger zurück liegenden Jugend wohl selbst auf dem Platz gestanden haben und seitdem auch international alle wichtigen Fußballspiele verfolgten:

- Wenn igrendwo eine deutsche Mannschaft auftritt, sprechen sich alle anderen dagegen ab.

- Schiedsrichter sind auch nicht unparteiisch, sondern pfeifen, siehe oben, immer gegen die Deutschen. Wenn von denen dann mal einer einen Fehler macht, dann kann man das ja auch verstehen.

Der schlagende Beweis dafür: “Die Zeitungen” (bei den drei Damen war das die BZ, hätte aber auch wohl jede andere sein können) sagen das ja auch…

Und schließlich, was “die Zeitungen” so direkt zwar nicht gesagt haben, aber im Zusammenhang steht: “Und die Politik versteh’ ich auch nicht mehr!”

Dabei ist dieser Zusammenhang doch eigentlich ganz klar: Auch in der Politik gibt’s keine Niederlagen, nur von den anderen missverstandene Siege.

Also: Wenn Du angeblich verloren haben sollst - ändere die Regeln, wechsele die Schiedsrichter aus.

Historie à la Schwarzeneggers Conan

Mai 24th, 2010


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Eine historische Zeit, Personen, die zu dieser Zeit tatsächlich gelebt haben, Ereignisse, die auch stattgefunden haben: Also muss es ein historischer Roman sein. Dennoch: Beim Lesen von Bernard Cornwells “Das brennende Land fühlt man sich regelmäßig eher an Conan den Barbaren als an das frühmittelalterliche England erinnert, hat man ständig das Bild eines muskelbepackten Arnold Schwarzenegger vor Augen, der reihenweise seine Feinde massakriert.

Das liegt vor allem am Helden des Romans, dem Kriegsherren Uthred, als sächsischer Junge von Dänen, also von Wikingern entführt und aufgezogen, dann wieder im Dienst der Sachsen, eigentlich immer auf der Suche nach Rache, mal an denen, die ihm die Burg aus seiner Kindheit geraubt haben, dann an denen, die er für die Widrigkeiten seines aktuellen Schicksals verantwortlich macht. Eine historisch-authentische Geschichte des Englands des 10. Jahrhunderts, zerrissen zwischen rivalisierenden sächsischen und dänischen Königreichen ist das sicherlich nicht, dafür aber dann doch so packend, dass man den Roman als Schmöker im besten Sinn des Wortes ungern aus der Hand legt, bevor man auch die letzte Seite gelesen hat.

Und dann gibt es ja auch noch die durchaus realen historischen Bezüge, zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen dem alten Götterglauben und dem Christentum. Nicht sehr schmeichelhaft unbedingt auch für das Christentum: Denn wenn einer der “heidnischen” Häuptlinge zum neuen Glauben übertrat, steckte da meist politische Berechnung dahinter. Und man erfährt auch einiges über die Zeit der Sachsen, die vor den Normannen über England herrschten, immer im Streit nicht nur mit den Dänen auf Eroberungszug, sondern auch mit Walisern, Schotten und untereinander. Genau das war es natürlich, was England zum bevorzugten Ziel der beutesuchenden Wikinger machte.

Doch vor allem geht es im “Brennenden Land” um die Schilderung blutiger Kämpfe, um das Hohelied auf Kraft und Mut. Das ist bestimmt nicht jedermanns und erst recht nicht jederfraus Sache - aber, ich gestehe, für mich allemal spannender als die vorherrschenden auf feministisch gebürsteten “Historischen Romane” aus korrekter politischer Feder.

An den Wurzeln des Königreiches

Mai 13th, 2010


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Sie zeigt sich wieder einmal als literarische Chronisten des englichen Mittelalters: Rebecca Gablé mit “Hiobs Brüder”, einem Buch, das uns zurückführt in die Anfänge des normannischen Königreiches.

Da mögen die Schurken vielleicht etwas zu schurkig und durchsichtig, die Helden etwas zu gut und ihr regelmäßiges Glück in ausweglosen Situationen schon zu überzogen sein, aber den Lesefluss mindert das nicht im Geringsten - vielleicht sogar im Gegenteil.

Denn hier stimmt vor allem die Story!

Eine abgelegene Insel dient den Mönchen eines Klosters als “geschlossene Anstalt” für die Außenseiter der (an dieser Stelle nie ganz überwundenen) mittelalterlichen Gesellschaft: der geistig und körperlich Behinderten oder solcher, die man dafür hält. Und so fristen die aus einem winzigen Dorf stammenden siamesischen Zwillinge, ein Schwertkämpfer ohne Gedächtnis, ein psychotischer Massenmörder, ein Greis, der sich für einen verstorbenen Märtyrerkönig hält und andere auf diesem Eiland ein kümmerliches Leben - bis sie nach einem Unwetter gemeinsam von der Insel fliehen können.

Und auf ihrem Zug durch England geraten sie in die Fronten des Bürgerkrieges, der das Land zerreißt, den die adeligen Angänger von König Stephen und seiner Rivalin Maud auf Kosten des Volkes führen. Als Behinderte werden sie dabei weiter begafft, ausgestoßen und verfolgt, bis…

…eben bis der Schwertkämpfer sein Gedächtnis zurück erlangt, sich erinnert, dass er einst als “Schwert der Kaiserin” einer der führenden Köpfe in der Partei von Maud war, die gane Truppe unter abenteuerlichen Umständen mit Henry, dem Sohn von Maud, zusammentrifft, ihn auf den Thoin von England verhilft.

Und diese Geschichte ist so packend geschrieben, dass man das Buch nur ungerne aus der Hand legt, die Hunderte von Seiten fast verschlingt.

Ein Muss für alle Freunde des historischen Romans.

Multikulturelle Folklore ganz global

Mai 9th, 2010


Das unterhält die Touristen: Folklore-Shows im Vier-Sterne-Hotel - also Massai-Tänze in Kenia, Salsa in der Karbik oder meinetwegen, wie zuletzt gesehen, Sega auf Mauritius.

Nun sind die Massai, die sich da in kenianischen Strandhotels präsentieren, in der Regel nicht unbedingt Massais, leben auch nicht wirklich als Viehzüchter. Und die heißblütige Salsa-Tänzerin in der Karbik kann dem Feeling von Strand und Palmen womöglich gar nichts abgewinnen, versucht gerade, sich mit solchen Shows ihr Betriebswirtschaftsstudium in USA zu finanzieren.

Aber auch, wenn man selbst nicht so genau erkennen kann, worin denn nun der Unterschied bestehen soll zwischen Salsa, Sega, Samba und den anderen Kulturen, so lässt man sich von solchen Betrachtungen vor Ort doch nicht die Faszination “fremder Kulturen” verhageln. Zumal: Solche Folklore-Shows sind ja in Zeiten des Massentourismus für viele Reisende überhaupt die einzige Variante, mit der vermeintlich fremden Kulturen in Berührung zu kommen.

Und: Während man sich von der so ganz exotisch fesseln lässt, kann man sich doch herrlich abheben von all den tümlichen Musikantenstadl-Fans daheim.

Dann aber das: Während der heißen Sega-Show am Strand von Mauritius erklingen plötzlich wohlbekannte Klänge von daheim, und was die Sängerin da auf kreolisch von sich gibt, ist womöglich nur der übersetzte Text dazu. Wie fand denn hier Roland Kaisers dümmlicher Schlager von den sieben Fässern Wein Einzug in die doch so ursprüngliche und unverfälschte Kultur einer ostafrikanischen Insel?

Der deutsche Tourist mag da entstetzt sein - doch zum Glück für die Folklore-Macher gibt es ja noch Japaner, Chinesen, Inder unter all den Gästen. Und die finden auch den übersetzen deutschen Schlager immer noch authentisch.

Was solls? Folklore ist eben überall so ziemlich gleichermaßen tümelnd. Und das Volk zum Glück, wie Brecht schon sagte, eben nicht so tümlich.

Cäsars Visionen, römische Dekadenz und die Machtfrage

April 11th, 2010


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Dank an Guido Westerwelle! Der (wirtschafts)liberale Kenner der römischen Dekadenz schafft Anlass, sich mit historischer Literatur zu befassen - und verhilft so dem lesenswerten Roman Titan” von Robert Harris zu einer besonderen Aktualität.

Nun spielt der Roman zwar nicht in der Phase des Untergangs des Reiches, sondern “nur” des Unterganges der Republik, aber auch dabei geht’s reichlich dekadent zu, auch, wenn gerade aus den Ruinen der Republik das viel mächtigere römische Kaiserreich entsteht.

Die Helden des Romans, die Helden der Geschichte:

Im Mittelpunkt geht es da um Cicero, dessen Leben und Wirken aus der Sicht seines Sklaven und Schreibers Tiro geschildert wird. Und was will der Staatsmann, dessen Reden immerhin Jahrtausende überstanden haben? Vordergründig vor allem, dass die Republik so erhalten bleibt wie sie ist, eine Republik, in der jeder seinen angestammten Platz hat - mit der Chance des Aufstiegs, so, wie er selbst ja ein Aufsteiger ist. Übertragen auf heute ist unser Held also ein Konservativer, der aber auch nichts dagegen hat, wenn seine politischen Zweckbündnisse ihm etwa eine neue Villa bringen.

Da sind natürlich Catalina und seine Freunde, die Aufrührer gegen die Ordnung. Was die meisten von ihnen eint, sind finanzielle Schulden - die sich durch einen Machtwechsel gerne loswerden würden, zu dem Zweck auch gern den allgemeinen Schuldenerlass fürs Volk verlangen. Von ihren Worten her stehen sie also eher “links”.

Da ist Crassus, der Banker und reichste Mann von Rom. Völlig wertfrei arbeitet er mit allen, die sein Geld nehmen - gleich ob Cicero, Catalina oder…

natürlich Cäsar: der denkt aber weniger an die Schaffung eines Weltreiches, als vielmehr daran, in Rom die unangefochtene Nummer Eins zu sein. Viel Alternativen dazu hat er ja auch nicht - denn ansonsten droht ihm der absolute finanzielle Ruin.

Politik im antiken Rom: Auch, wenn sich die “Parteien” entweder zu Patrizieren oder Plebejern bekennen (natürlich nie zu denen, die den Reichtum der Antike wirklich schufen, nämlich den Sklaven), geht es ihren Protagonisten um nicht viel mehr als um ihre persönlichen Belange.

Und dekadedent sind sie dabei natürlich alle, inklusive der Plebejer, die stets dem folgen, der am meisten von allen verspricht.

Nun, lieber Guido Westerwelle: Wo sehen wir uns in diesem alten Spiel?

Aber zum Glück ist Dekadenz im Licht der Geschichte ja nicht wirklich schlimm: Der dekadente Cäsar, auf der Flucht avor seinen Schulden, schuf so am Ende ja doch ein Weltreich, das einigen Bestand hatte… Und welcher “welt-Verbeserer” kann das von sich schon sagen?