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Palmers „Wir können nicht allen helfen“ – viel diskutiert, kaum gelesen


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Manche Bücher erzielen breite Aufmerksamkeit weniger durch Inhalt oder besonders brillanten Stil, als vielmehr durch die Empörung, die der Autor und sein Werk hervorrufen, bevor es denn überhaupt veröffentlicht ist. In diese Kategorie fällt auch Boris Palmers „Wir können nicht allen helfen“. Aus Sicht des Verlages waren da die grünen Partei“freunde“ des Verfassers, die dem Bürgermeister aus Tübingen den Rat gaben, er solle „einfach mal die Klappe halten“, die besten Werbe-Helfer für einen angehenden Bestseller. Denn wer hätte sich ansonsten schon für ein Buch mit solch einem eher sperrigen Titel interessiert, wer hätte denn lesen wollen, wie ein biederer Kommunalpolitiker in seiner Gemeinde für eine unerwartete Zahl von Flüchtlingen Wohnraum schafft, um so wenigstens die Grundlagen der verlangten Integration zu legen?
Nun ist das Buch da, zeigt keine Spur des vorab unterstellten Rassismus, wehrt sich im Gegenteil fast in jedem Kapitel gegen befürchteten Beifall von der falschen rechten Seite – doch die Empörung der Dauerempörten hält ungebremst an. Motto: Ich muss doch nicht lesen, was mein moralisches Weltbild ankratzen könnte. Continue reading

Geschichtslosigkeit mal wieder Trumpf – oder: ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, um Verständnis für Flüchtlinge zu werben


Im Internet macht ein Bonmot die Runde, das nach Sascha Lobos Auftritt im ZDF nun in aller Munde ist: nennen wir die Flüchtlinge doch einfach Vertriebene – dann kann sich selbst die CSU mit ihnen anfreunden. Das klingt logisch, freundlich zu den Flüchtlingen, ist aber, näher betrachtet, absolut daneben. Keine Ahnung von Geschichte zu haben, ist nicht nur rechten Dumpfbacken vorbehalten, sondern wohl auch unter „Linken“ Trumpf. Continue reading

Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu. Continue reading

Lese-Tipp „Kindersucher“ – der Aufstieg der Nationalsozialisten als spannender Horror-Krimi


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Ein jüdischer Kriminalbeamter, umgeben von antisemitischen Kollegen, die sich nicht einmal Mühe geben, ihre Verachtung für den Juden zu verbergen, esoterische Sekten, Massenelend, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und den Nationalsozialisten, die ungehindert die staatlichen Behörden infiltrieren, brutal nach der Macht greifen: Paul Grossmann zeichnet in „Kindersucher“ das Endzeit-Szenario der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie.
Und die erzählt er in Form eines packenden Horror-Krimis, dessen Held eben jener verfemte jüdische Kriminalsekretär ist, zwar ein erfolgreicher Ermittler, aber wegen seiner Herkunft auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten. Continue reading

Lese-Empfehlung für Daniel Wolfs „Das Salz der Erde“ – von der städtischen Revolution im Mittelalter


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Endlich wieder einmal ein historischer Roman, der diese Genre-Bezeichnung auch verdient hat: Daniel Wolf führt mit seinem „Das Salz der Erde“ tatsächlich in die Welt des Hochmittelalters, in die Zeit der aufstrebenden Städte und des allmählichen Niederganges des Ritterstandes.
Was Wolf hier schildert, ist die frühbürgerliche Revolution, der Emanzipationskampf von Händlern und Handwerkern gegen die Bevormundung durch Adel und Klerus, aufgezeigt am Beispiel einer kleinen, gerade 3000 Einwohner zählenden Stadt in Lothringen. Dabei will der Protagonist des Romans hier eigentlich nichts anderes tun als Handel treiben, aber weil Klerus und Adel mit ihren Zöllen und Abgabeforderungen den freien Handel fast unmöglich machen, muss er – wieder Willen – auch den Kampf gegen die Obrigkeit aufnehmen. Continue reading

Im Jahr vor dem Ende – Lesetipp: „1913“ von Florian Illies


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Man weiß nicht, ob es so passierte, aber möglich wäre es schon, sogar relativ wahrscheinlich, auch, wenn davon nichts bekannt ist: Immer wieder begegnen sich zwei Männer beim Spaziergang im Park von Schloss Schönbrunn. Zwar werden sie sich nie einander vorstellen, nie über irgendetwas reden, aber irgendwann fangen sie an, sich einander wortlos zuzunicken, sich zu grüßen, wenn sie sich wieder einmal über den Weg laufen – solange, bis beide aus Wien verschwinden, der erfolglose Postkartenmaler nach München, der ehemalige Jesuitenschüler und Berufsrevolutionär zurück nach Russland.
Florian Illies erzählt die Anekdote dieser möglichen Begegnung von Adolf Hitler und Josef Stalin in seinem „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts„. Und das ist kein Roman, keine Erzählung, kein Sachbuch, das ist eigentlich nicht mehr als die mitunter zufällig und willkürlich erscheinende Aneinanderreihung von Episoden, Geschichten und Geschichtchen, die nicht einmal unbedingt einen Zusammenhang zu haben scheinen… Continue reading

Lese-Tipp „Der Thron der Welt“ von Robert Lyndon – Geschichte einer großen Reise


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Stationen einer großen Reise Ende des 11. Jahrhunderts: Italien, das gerade von den Normannen eroberte England, Island, Grönland, wieder Richtung Osten vorbei am Nordkap in das Weiße Meer, quer durch Russland, Schwarzes Meer und schließlich Anatlolien: Ob eine solche Reise tatsächlich von einem Wagemutigen dieser Zeit unternommen wurde, er diese Route dann in nur etwas mehr als einem Jahr bewältigt haben kann – das ist mehr als fraglich.

Aber „Der Thron der Welt“ von Robert Lyndon ist ja auch kein vermeintlicher Tatsachenbericht, sondern der packende Roman einer großen Reise, die so zumindest statt gefunden haben könnte. Continue reading

Lese-Tipp: Intrigen-Stunden im „Winterpalast“


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Russische Geschichte muss nicht jedermanns Sache sein – aber die Geschichte von Zarin Katharina, der „Großen“, fasziniert so ziemlich jeden, der auch nur am Rande von dieser historischen Frauengestalt gehört hat. Denn zwiespältiger können historische Figuren kaum sein: mal erscheint die Zarin als über Leichen gehende, männerverschlingende Tyrannin, mal als die aufgeklärte Herrscherin, die mit Voltaire und anderen Philosophen ihrer Zeit kommuniziert – und eigentlich nichts anderes will, als Russland in die Moderne führen.

Der Winterpalast“ von Eva Stachniak erzählt von den frühen Jahren, die Katharina in Russland verbrachte, noch nicht als die gefürchtete Zarin, sondern erst als die aus Deutschland geholte Verlobte und dann ungeliebte Ehefrau des regulären Thronfolgers, als junges Mädchen, dass lernen muss, den tödlichen Intrigen-Kampf am Zarenhof erst einmal nur zu überleben und dann zu gewinnen. Continue reading

Kommissar Kappe: Lese-Empfehlung für Krimis aus interessanten Zeiten zwischen den Kriegen


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Bereits etrwas länger auf dem Markt, inzwischen schon aus einer ganzen Reihe von Büchern unterschiedlicher Autoren, darunter zum Beispiel Krimi-Größe Horst Bosetzky bestehend, mir leider erst in Gestalt des Bändchens „Novembertod“ von Iris Leister vor wenigen Tagen in die Hände gefallen: Die Kriminalroman-Serie „Es geschah in Berlin“ um die Fälle des Kriminalkommissars Hermann Kappe, Fälle, aufzuklären in den Jahren 1910 bis 1944, also Kriminalromane aus „interssanten Zeiten“, von denen man vielleicht gerne liest, sich dann aber über das Glück freut, doch später, in weniger „interessanten Zeiten“ geboren zu sein.

„Novembertod“ spielt dabei zu den besonders interssanten Tagen, im November 1918, in den Tagen, als in Deutschland der erste Weltkrieg teilweise in einen Bürgerkrieg überging, die Monarchie gestürzt wurde, die zerbrechliche Republik ihren Überlebenskampf antrat. Continue reading