Medien

Trash gegen Trash: Wie sich der rechte Pöbel über nackte Pseudo-Promis ereifert


Für den Grimme-Preis vorgeschlagen wird die RTL-Trash-Show „Adam sucht Eva“ sicher nicht. Aber Einschaltquoten bringt das allemal: Nackte Z-Promis, mehr oder weniger unbekannt geblieben nach Auftritten in anderen Trash-Formaten, treffen sich auf einer Palmeninsel mit dem Ziel der späteren Begattung, mehr oder weniger diskret vor laufender Kamera. Das zielt auf Massenpublikum, gibt aber auch den seriöseren Medien/Online-Plattformen ausreichend Gelegenheit, sich über den ausgestrahlten Trash publikumswirksam zu mokieren. Denn: Ganz egal, was man darüber schreibt, in jedem Fall darf das Geschriebene mit Szenenfotos von den Nackedeis geschmückt werden – und Nacktfotos bringen ja nun mal, wie man weiß, Auflage bzw. Klicks. Wirklich faszinierend wird das alles aber erst, wenn das trashige Publikum, das im Fernsehen die Nackedeis begaffte, sich nun in den Kommentarspalten von T-Online, Welt und anderen Medien über eben diese Show ereifert – und dabei auch noch messerscharf analysiert, warum das Fernsehen das überhaupt bringt. Continue reading

Mario Barth: Ein FDP-Zotenreißer auf AfD-Kurs


Eigentlich hatte sich der zum Comedian hochstilisierte Zotenreißer Mario Barth auf seiner letzten USA-Reise, als er bemerkte, da er keine gesehen habe, gebe es auch keine Anti-Trump-Proteste, selbst für seine eigenen dümmliche Possenshows disqualifiziert. Dass ihn die Berliner FDP später dennoch zum Werbeträger ihrer nicht minder dümmlichen Flughafen-Tegel-Kampagne mit Ryanair und Co. machte, verrät zwar einiges über das Niveau der Berliner Pseudo-Liberalen, steigert aber nicht den Gehalt von Barths stammelnd erzählten Witzen. Und eigentlich war Barths vermeintliche Enthüllungssendung „Mario Barth deckt auf“ auf RTL bereits mit ihrem Titel eine Beleidigung für jeden Lokalreporter einer Kleinstadtzeitung, der einmal eine tatsächlich selbst recherchierte Enthüllungsgeschichte veröffentlichte. Doch was Barth nun nach der viel zu kurzen Pause dieser angeblichen Aufdeckungs-Reihe präsentierte, war eine Steigerung all dessen, was wir von ihm kannten – also kaum zu unterbieten. Continue reading

Palmers „Wir können nicht allen helfen“ – viel diskutiert, kaum gelesen


Zum Buch

Manche Bücher erzielen breite Aufmerksamkeit weniger durch Inhalt oder besonders brillanten Stil, als vielmehr durch die Empörung, die der Autor und sein Werk hervorrufen, bevor es denn überhaupt veröffentlicht ist. In diese Kategorie fällt auch Boris Palmers „Wir können nicht allen helfen“. Aus Sicht des Verlages waren da die grünen Partei“freunde“ des Verfassers, die dem Bürgermeister aus Tübingen den Rat gaben, er solle „einfach mal die Klappe halten“, die besten Werbe-Helfer für einen angehenden Bestseller. Denn wer hätte sich ansonsten schon für ein Buch mit solch einem eher sperrigen Titel interessiert, wer hätte denn lesen wollen, wie ein biederer Kommunalpolitiker in seiner Gemeinde für eine unerwartete Zahl von Flüchtlingen Wohnraum schafft, um so wenigstens die Grundlagen der verlangten Integration zu legen?
Nun ist das Buch da, zeigt keine Spur des vorab unterstellten Rassismus, wehrt sich im Gegenteil fast in jedem Kapitel gegen befürchteten Beifall von der falschen rechten Seite – doch die Empörung der Dauerempörten hält ungebremst an. Motto: Ich muss doch nicht lesen, was mein moralisches Weltbild ankratzen könnte. Continue reading

Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu. Continue reading

Rückkehr der Reportage – zu Marc Fischers „Die Sache mit dem Ich“


Zum Buch

Die meisten Sachen von Marc Fischer hätte ich in den Zeitungen und Magazinen, in denen er veröffentlichte, wahrscheinlich nie gelesen. Hochglanz- und Lifestyle-Blätter wie „Vanity Fair“ interessieren mich nicht, in der „Bild am Sonntag“ hätte ich nichts wirklich Lesenswertes erwartet. Und seine Themen waren, von Ausnahmen abgesehen, nicht meine Themen. Der Hintern von Jennifer Lopez ist meines Erachtens nichts, über was man unbedingt schreiben muss – und der gescheiterte Versuch eines Reporters, sie dazu zu befragen, ist für mich auch kein berichtenswertes Ereignis (Mal abgesehen davon: Ich glaube Marc Fischer diese Geschichte nicht).

Dennoch: Seinen Reportage-Band „Die Sache mit dem Ich“ habe ich, durchaus gefesselt, fast in einem Zug durchgelesen. Dabei…
Continue reading

Lob der Armut – Was Touristiker an fernen Ländern so toll finden


Vom fotogenen Charme der Armut – jedenfalls unter Palmen, wenn man sie so als Tourist bei anderen sieht: Wer das zum Beispiel noch auf Kuba sehen möchte, sollte bald fahren, also, so lange das derzeitige Regime dort noch an der Macht ist.
Gerade gesehen beim Switchen auf dem Reise-Verkaufssender Sonnenklar.TV: Bilige Kuba-Reisen.
Und was macht Kuba so reizvoll? Für den Reise-Verkäufer ganz klar: Die vielen Oldtimer dort auf den Straßen, die meisten mittlerweile an die 60 Jahre alt, von ihren Besitzern immer wieder mühevoll zusammen geflickt, weil es keinen Nachschub gibt. Dazu die sorgenvolle Zukunftsvision des Verkäufers: Man stelle sich mal vor, unter einer neuen Regierung würden die alle neue Autos fahren. Continue reading

Copy-and-Paste-Guttenberg: Von BILD lernen, heißt Solidarität zu lernen


Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich
Zitat-Hinweis, auch ohne Fußnote: Bertolt Brecht, Solidaritätslied

Nun sitzen sie mit im Boot und werden dafür wieder mal von allen anderen scharf gescholten: In der großen medialen Empörung über Abschreiber und Hochstapler wagte (fast) nur die BILD, sich auf die Seite des angeklagten Dr. nun a.A. zu stellen, kassierte dafür den heiligen Zorn der anderen Blätter.

Nanu, hat die BILD da etwa die Grundlage jedes Rechtssystems erkannt, nämlich, dass niemand als schuldig gelten darf, bevor nicht in einem ordentlichen Verfahren seine Schuld einwandfrei festgestellt wurde? Argumentiert sie etwa nach dem Leitsatz: Im Zweifel für den Angeklagten? Oder schützt sie einfach nur einen wichtigen Informanten, vielleicht den Auftraggeber lukrativer Anzeigen?

Nicht unbedingt, vielleicht gar nichts von alledem! Aber bei der BILD weiß man schlicht und einfach, wie man heute Zeitung macht, kennt die Grundlage des eigenen Broterwerbs, steht zu dem, was die anderen gerne leugnen und verdrängen.

Was hat Dr. a.D. zu Guttenberg denn bitteschön getan? Ein wenig abgeschrieben und das erst mal verheimlicht, so, wie es (fast) schon jeder Schüler tut, natürlich dabei wohl wissend, dass er nicht erwischt werden darf. Ergaunert man sich so dann sogar noch akademische Würden, ist das natürlich nicht korrekt, der Titel, wenn es rauskommt, allemal verloren – und anstandshalber verschwindet der Ertappte in der Regel auch erst einmal von allen Bildflächen.

Doch: Was wissenschaftlich unsauber und tadelswert, ist bei den Medien der normale Alltag. Waren vor wenigen Jahrzehnten noch Schere und Klebstoff den meisten Redakteuren wichtiger als Kugelschreiber oder Schreibmaschine, ersetzt heute das Kopieren aus dem Internet und Einfügen in das eigene Dokument mühselige Recherche-Arbeiit, die ja doch nichts bringt, im Zweifel sogar eine schöne Geschichte kaputt macht, wenn man dabei feststellen muss, dass da leider gar nichts dran war. Also, da schreibt doch lieber einer von dem anderen ab, rundet dabei leicht noch oben auf, kommt so zu den besten Storys.

Und hat man mehr als eine Quelle abgeschrieben, gibt man die Geschichte noch als eigene großartige Enthüllung aus.

Angesichts solch gängiger Praxis besonders pietätlos: Wenn nun auch noch jene Blätter gegen Guttenberg und BILD zu Felde ziehen, die selber sonst andauernd von der BILD abkupfern, natürlich, ohne je die Quelle zu nennen.

Da ist die BILD doch wirklich ehrlich: Sie hält zu ihresgleichen, die Abschreiber stehen einander bei. Denn, wie heißt es schon bei Bertotd Brecht (in der Annahme, das ist auch wirklich so von ihm): Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nir sich selbst im Stich.

Charity oder: Die Heuchler am Werk


Lob der Wohltätigkeit: Da fließen bei einer Gala für Multimillionäre ein paar Tausend Euro an Obdachlose, arme Kinder oder andere Notleidende – und die edlen Spender dürfen sich der wohlmeindenden Berichterstattung sicher sein, sonnen sich im Gefühl, was für gute Menschen sie doch sind.

Ganz besonders großzügig war da doch der Vorstand der Firma X: Wie der da lächelnd vor der Kamera seinen Scheck überreicht, läuft groß auf allen Kanälen, ist in allen Zeitungen zu sehen. Das ist beste Image-Werbung! Das als Werbekampagne aufgezogen, wäre einiges teurer geworden.

Vergessen wir also nie die Grundlage jeder Wohltätigkeit: Wer keine Armen vor der Auffahrt zu seiner Villa sehen will, spendet für ein Armenhaus…

…und zwar von dem Geld, das er denen, die für ihn schuften müssen, vorenthalten hat.

Entschleunigter Genuss – Beschleunigter Verfall des Intellekts


Lust, mal etwas Neues etwa über andere Länder zu erfahren? Da muss man Zeitungen (gilt auch für Wochenblätter, Privat-Radio und Privat-TV erst recht) nicht immer und zwangsläufig meiden, macht aber nichts verkehrt, wenn man es sicherheitshalber dennoch tut.

Denn wo immer es um so genannte Freizeitthemen, um angeblichen Service geht, geht’s meist nicht um überprüfte Fakten, sondern dreht sich’s in der Regel einzig und allein darum, dem Leser, Hörer, Zuschauer irgendetwas aufzuschwatzen – ein Auto, eine Pauschalreise oder auch eine neue Versicherung…

Dass in Medien geworben, also Reklame gemacht wird, ist ja ganz normal und muss so sein: Für den korrekt erworbenen Reklame-Platz zahlen die Firmen einen ordentlichen Preis, die Zeitungen leben davon – und der Medienkonsument wird (meist noch) darauf hingewiesen, dass er es hier mit Werbung/Reklame zu tun hat, er also objektive Informationen nicht erwarten darf.

Nur: So überschaubar läuft das Spiel schon lange nicht mehr. Da gibt es in den Zeitungen zum Beispiel die „Verlagsbeilagen“. Dass bei denen auch die scheinbar nicht zur Reklame gehörenden Texte „gekauft“ sind, zumindest dem Reklametreibenden ein „freundliches Umfeld“, garantiert aber nichts Kritisches liefern, kann sich der kritischere Medienkonsument vermutlich schon denken…

Allerdings: So wie in den „Verlagsbeilagen“ läuft es inzwischen weitestgehend auch auf anderen Seiten, die sich als „redaktionell“ ausgeben. Haben da die Autoren etwa wirklich all die Computerprogramme, die Autos getestet, die sie so fleißig loben? Darauf verlässt sich der Leser besser nicht.

Wahrscheinlicher: Die „Test-Berichte“ wurden angeliefert, und sollen die Redaktion am besten gar nichts kosten. Doch da der Test auch von etwas leben muss, hat ihn wohl irgendwer bezahlt. Wer da den Getesteten als Finanzier vermutet, dürfte ziemlich richtig liegen.

Aber immerhin: Die „Tester“, sagen wir besser die PR-Autoren oder auch Reklame-Schreiber, machen es dem aufmerksamen Leser verhältnismäßig leicht: An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen.

Wie beschreibt der Reklame-Schreiber die Insel, die zum Ziel eines Pauschalurlaubes werden soll – und auf der nach der letzten Sturmflut die Hotelplätze verramscht werden? Richtig: Das ist ein Insel-Paradies, am besten noch eines, in dem alle Robinson- und Natur-Träume wahr werden…

Und was soll der Gast dort treiben? Die Seele baumeln lassen! Und, wenn’s geht, das Ganze im entschleunigten Genuss – eine der jüngsten Entwicklungen auf dem Markt der Reklame-Dumm-Sprech-Floskeln.

Und so muss man der PR- oder auch Reklame-Schreibern geradezu noch dankbar sein: Denn so, wie es bei Arbeitszeugnissen den Geheimcode der Chefs gibt, den jeder etwas clevere Arbeitnehmer problemlos knacken kann, so gibt es in der Reklamesprache, entwickelt nicht im entschleunigten Genuss sondern im beschleunigten Verfall des Intellekts, eben auch erkennbare Codes, die untrüglichen Zeichen, dass wir es hier eben nicht mit Fakten, sondern nur mit Reklame, und dazu noch dummer, zu tun haben.

Also, Leser: Wenn in irgendeinem Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel in irgendwelchen traumhaften Paradiesen entschleunigt genießende Seelen baumeln, schanpp‘ Dir ein ordentliches Buch.