Medien

Lob der Armut – Was Touristiker an fernen Ländern so toll finden


Vom fotogenen Charme der Armut – jedenfalls unter Palmen, wenn man sie so als Tourist bei anderen sieht: Wer das zum Beispiel noch auf Kuba sehen möchte, sollte bald fahren, also, so lange das derzeitige Regime dort noch an der Macht ist.
Gerade gesehen beim Switchen auf dem Reise-Verkaufssender Sonnenklar.TV: Bilige Kuba-Reisen.
Und was macht Kuba so reizvoll? Für den Reise-Verkäufer ganz klar: Die vielen Oldtimer dort auf den Straßen, die meisten mittlerweile an die 60 Jahre alt, von ihren Besitzern immer wieder mühevoll zusammen geflickt, weil es keinen Nachschub gibt. Dazu die sorgenvolle Zukunftsvision des Verkäufers: Man stelle sich mal vor, unter einer neuen Regierung würden die alle neue Autos fahren. Continue reading

Copy-and-Paste-Guttenberg: Von BILD lernen, heißt Solidarität zu lernen


Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich
Zitat-Hinweis, auch ohne Fußnote: Bertolt Brecht, Solidaritätslied

Nun sitzen sie mit im Boot und werden dafür wieder mal von allen anderen scharf gescholten: In der großen medialen Empörung über Abschreiber und Hochstapler wagte (fast) nur die BILD, sich auf die Seite des angeklagten Dr. nun a.A. zu stellen, kassierte dafür den heiligen Zorn der anderen Blätter.

Nanu, hat die BILD da etwa die Grundlage jedes Rechtssystems erkannt, nämlich, dass niemand als schuldig gelten darf, bevor nicht in einem ordentlichen Verfahren seine Schuld einwandfrei festgestellt wurde? Argumentiert sie etwa nach dem Leitsatz: Im Zweifel für den Angeklagten? Oder schützt sie einfach nur einen wichtigen Informanten, vielleicht den Auftraggeber lukrativer Anzeigen?

Nicht unbedingt, vielleicht gar nichts von alledem! Aber bei der BILD weiß man schlicht und einfach, wie man heute Zeitung macht, kennt die Grundlage des eigenen Broterwerbs, steht zu dem, was die anderen gerne leugnen und verdrängen.

Was hat Dr. a.D. zu Guttenberg denn bitteschön getan? Ein wenig abgeschrieben und das erst mal verheimlicht, so, wie es (fast) schon jeder Schüler tut, natürlich dabei wohl wissend, dass er nicht erwischt werden darf. Ergaunert man sich so dann sogar noch akademische Würden, ist das natürlich nicht korrekt, der Titel, wenn es rauskommt, allemal verloren – und anstandshalber verschwindet der Ertappte in der Regel auch erst einmal von allen Bildflächen.

Doch: Was wissenschaftlich unsauber und tadelswert, ist bei den Medien der normale Alltag. Waren vor wenigen Jahrzehnten noch Schere und Klebstoff den meisten Redakteuren wichtiger als Kugelschreiber oder Schreibmaschine, ersetzt heute das Kopieren aus dem Internet und Einfügen in das eigene Dokument mühselige Recherche-Arbeiit, die ja doch nichts bringt, im Zweifel sogar eine schöne Geschichte kaputt macht, wenn man dabei feststellen muss, dass da leider gar nichts dran war. Also, da schreibt doch lieber einer von dem anderen ab, rundet dabei leicht noch oben auf, kommt so zu den besten Storys.

Und hat man mehr als eine Quelle abgeschrieben, gibt man die Geschichte noch als eigene großartige Enthüllung aus.

Angesichts solch gängiger Praxis besonders pietätlos: Wenn nun auch noch jene Blätter gegen Guttenberg und BILD zu Felde ziehen, die selber sonst andauernd von der BILD abkupfern, natürlich, ohne je die Quelle zu nennen.

Da ist die BILD doch wirklich ehrlich: Sie hält zu ihresgleichen, die Abschreiber stehen einander bei. Denn, wie heißt es schon bei Bertotd Brecht (in der Annahme, das ist auch wirklich so von ihm): Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nir sich selbst im Stich.

Charity oder: Die Heuchler am Werk


Lob der Wohltätigkeit: Da fließen bei einer Gala für Multimillionäre ein paar Tausend Euro an Obdachlose, arme Kinder oder andere Notleidende – und die edlen Spender dürfen sich der wohlmeindenden Berichterstattung sicher sein, sonnen sich im Gefühl, was für gute Menschen sie doch sind.

Ganz besonders großzügig war da doch der Vorstand der Firma X: Wie der da lächelnd vor der Kamera seinen Scheck überreicht, läuft groß auf allen Kanälen, ist in allen Zeitungen zu sehen. Das ist beste Image-Werbung! Das als Werbekampagne aufgezogen, wäre einiges teurer geworden.

Vergessen wir also nie die Grundlage jeder Wohltätigkeit: Wer keine Armen vor der Auffahrt zu seiner Villa sehen will, spendet für ein Armenhaus…

…und zwar von dem Geld, das er denen, die für ihn schuften müssen, vorenthalten hat.

Entschleunigter Genuss – Beschleunigter Verfall des Intellekts


Lust, mal etwas Neues etwa über andere Länder zu erfahren? Da muss man Zeitungen (gilt auch für Wochenblätter, Privat-Radio und Privat-TV erst recht) nicht immer und zwangsläufig meiden, macht aber nichts verkehrt, wenn man es sicherheitshalber dennoch tut.

Denn wo immer es um so genannte Freizeitthemen, um angeblichen Service geht, geht’s meist nicht um überprüfte Fakten, sondern dreht sich’s in der Regel einzig und allein darum, dem Leser, Hörer, Zuschauer irgendetwas aufzuschwatzen – ein Auto, eine Pauschalreise oder auch eine neue Versicherung…

Dass in Medien geworben, also Reklame gemacht wird, ist ja ganz normal und muss so sein: Für den korrekt erworbenen Reklame-Platz zahlen die Firmen einen ordentlichen Preis, die Zeitungen leben davon – und der Medienkonsument wird (meist noch) darauf hingewiesen, dass er es hier mit Werbung/Reklame zu tun hat, er also objektive Informationen nicht erwarten darf.

Nur: So überschaubar läuft das Spiel schon lange nicht mehr. Da gibt es in den Zeitungen zum Beispiel die „Verlagsbeilagen“. Dass bei denen auch die scheinbar nicht zur Reklame gehörenden Texte „gekauft“ sind, zumindest dem Reklametreibenden ein „freundliches Umfeld“, garantiert aber nichts Kritisches liefern, kann sich der kritischere Medienkonsument vermutlich schon denken…

Allerdings: So wie in den „Verlagsbeilagen“ läuft es inzwischen weitestgehend auch auf anderen Seiten, die sich als „redaktionell“ ausgeben. Haben da die Autoren etwa wirklich all die Computerprogramme, die Autos getestet, die sie so fleißig loben? Darauf verlässt sich der Leser besser nicht.

Wahrscheinlicher: Die „Test-Berichte“ wurden angeliefert, und sollen die Redaktion am besten gar nichts kosten. Doch da der Test auch von etwas leben muss, hat ihn wohl irgendwer bezahlt. Wer da den Getesteten als Finanzier vermutet, dürfte ziemlich richtig liegen.

Aber immerhin: Die „Tester“, sagen wir besser die PR-Autoren oder auch Reklame-Schreiber, machen es dem aufmerksamen Leser verhältnismäßig leicht: An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen.

Wie beschreibt der Reklame-Schreiber die Insel, die zum Ziel eines Pauschalurlaubes werden soll – und auf der nach der letzten Sturmflut die Hotelplätze verramscht werden? Richtig: Das ist ein Insel-Paradies, am besten noch eines, in dem alle Robinson- und Natur-Träume wahr werden…

Und was soll der Gast dort treiben? Die Seele baumeln lassen! Und, wenn’s geht, das Ganze im entschleunigten Genuss – eine der jüngsten Entwicklungen auf dem Markt der Reklame-Dumm-Sprech-Floskeln.

Und so muss man der PR- oder auch Reklame-Schreibern geradezu noch dankbar sein: Denn so, wie es bei Arbeitszeugnissen den Geheimcode der Chefs gibt, den jeder etwas clevere Arbeitnehmer problemlos knacken kann, so gibt es in der Reklamesprache, entwickelt nicht im entschleunigten Genuss sondern im beschleunigten Verfall des Intellekts, eben auch erkennbare Codes, die untrüglichen Zeichen, dass wir es hier eben nicht mit Fakten, sondern nur mit Reklame, und dazu noch dummer, zu tun haben.

Also, Leser: Wenn in irgendeinem Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel in irgendwelchen traumhaften Paradiesen entschleunigt genießende Seelen baumeln, schanpp‘ Dir ein ordentliches Buch.

Das Ende der Geduld: Lob der Differenziertheit


Zum Buch

Nachdem der erste Medienrummel vorbei, der Applaus verklungen ist, kann man dieses Buch empfehlen mit dem Satz: Das hat Kirsten Heisig nicht verdient!
Denn was von den Dumpfmedien hervorgehoben und immer wieder zitiert wurde, wofür sie den Applaus der Rechten und der Ultra-Rechten einkassierte, ohne – da verstorben – sich dagegen wehren zu können, war der ständig gleiche Bruchteil ihres viel komplexeren Werkes „Das Ende der Geduld„, waren die Passagen, die sich mit der Kriminalität jugendlicher Ausländer befassen.

Da nimmt sie, und das ist gut so, kein Blatt vor den Mund, berichtet sie von ihren Erfahrungen, nur macht sie das alles eben nicht zur Kronzeugin der Rassisten. Denn die Jugendrichterin macht eben nicht die Gene, die Rasse oder ähnliches verantwortlich, sondern benennt die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Kriminalität entstehen lassen, sagt, was der Staat ihrer Meinung nach dagegen tun kann. Und da geht es dann um Bildung, sozialen Aufstieg und mehr – während Abschiebung und Ausweisung eben nicht zu Heisigs Vokubalar zählen, auch, wenn ihre vermeintlichen Fans diese Begriffe am liebsten im Mund führen.

Und sie führt als Beispiel gelungener Gewalt-Abwehr das staatliche Vorgehen gegen Neonazis an, sagt, dass man da nicht nachlassen, aber auch für andere Bereiche davon lernen könne. Offenkundig scheinen, so sagen es jedenfalls die von Heisig zitierten Beispiele, im Kampf gegen die Neo-Nazis die von manchen mutigen Richtern verhängten harten Strafen gefruchtet zu haben, nicht nur zur Erziehung der Verurteilten, sondern auch zur Abschreckung des Umfeldes.

Wer Kirsten Heisig jedenfalls zur Vorkämpferin gegen „Ausländerkriminalität“ reduziert, hat ihr Buch nicht gelesen oder (bewusst?) falsch verstanden.

Was das Buch dagegen ist: Eine Aufforderung, sich zum Rechtsstaat zu bekennen – und ihn mit den Mitteln zu verteidigen, die dem Rechtsstaat dafür zur Verfügung stehen.

Lobby-Arbeit oder: Eine Nachricht wird gemacht


Eine unabhängige, objektive News, nur mit Fakten bestückt, im Nachrichtenblock eines (privaten) Berliner Radiosenders: Der Vorsitzende einer Berliner Wirtschaftsvereinigung wird künftig keine Mitarbeiter mehr über die Arbeitsagentur mehr suchen. Grund: Von 130 Bewerbern, die ihm das Jobcenter zur Besetzung von 100 Stellen schickte, konnten nur fünf die freien Stellen antreten.

So weit so klar, so nüchtern: Keine Schelte gegen eine offenbar unfähige Behörde, keine Häme über arbeitsunwillige Arbeitslose. Nur Zahlen, Daten, Fakten, so wie eine Nachricht sein soll. Die Schlussfolgerungen bleiben ganz allein dem Hörer überlassen: Die Arbeitsagentur schickt einem Unternehmen, dass dringend freie Stellen zu besetzen hat, nur Leute, die gar nicht arbeiten wollen, aber den Vermitlungstermin wahrnehmen müssen, weil ihnen ansonsten die Unterstützung gekürzt wird. Das aber, wie gesagt, muss der Hörer schon selber schlussfolgern.

Aber muss er das?

Hinterfragen wir einmal, was nicht in der Nachricht gesagt wurde!

Zunächst: Woher kam sie eigentlich? Die Erfahrung, dass das Jobcenter mitunter auch ungeeignete Bewerber schickt, macht wohl jedes Unternehmen – ohne, damit gleich an die Öffentlichkeit zu gehen oder der Arbeitsagentur die Zusammenarbeit aufzukündigen. Hier aber hat ein Unternehmer, der gleichzeitig an der Spitze eines Verbandes steht, offensichtlich dazu gleich eine Presseerklärung verfasst, und dabei, ganz nebenbei bemerkt, auch noch Arbeitsagentur (zuständig für die Vermittlung von Arbeitslosengeld-I-Empfängern, also in der Regel Kurzzeit-Arbetslosen) und Jobcenter (zuständig für die Vermittlungs von Arbeitslosengeld-II-Empfängern, also in der Regel Langzeit-Arbeitslosen) durcheinandergeworfen. Aber das macht ja nichts, wenn man im Verbands-Interesse Stimmung machen will.

Und nund die nächste Frage: Was waren das eigentlich für 100 Jobs, die doch nur ein „kleiner“ Unternehmer hier mal auf die Schnelle schaffen wollte. Und was gedachte unser rühriger Verbandsfunktionär seinen künftigen Mitarbeitern für ihre Arbeit eigentlich zu zahlen.

Nein, wir wollen ihm nichts unterstellen: Vielleicht hat er in seinem aktuellen Ärger nur vergessen, dass bei seinem Schritt in die Öffentlichkeit auch gleich kund zu tun, nämlich, dass er ganz normale Jobs ordentlich nach dem üblichen Tarifgehalt besetzen wollte.

Nur, hätte dann nicht jemand aus der Redaktion bei ihm anrufen müssen, um da mal etwas nachzufragen? Nein, für solche Nachfragen hat man in den Redaktionen nur noch wenig Zeit. Und welcher Redakteur ruft schon wegen einer Nachfrage irgendwo an, wenn aus der Marketing- oder Anzeigenabteilung de Pressemitteilung eines Werbekunden hineingereicht wird, mit der ganz bescheidenen Bitte, man möge die doch auch berücksichtigen.

Dann wird das wohl schon seine Richtigkeit so haben.

Ich bin nicht wirlich ein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aber Nachrichten wie diese und die Art, wie sie Verbreitung finden, machen ihn wohl doch unverzichtbar.

Schreiber, Flieger, Steine aus dem Glashaus und die Neid-Debatte


Ein monatliches Tarifgehalt von einigem über 5000 Euro, das im Jahr aber nicht einfach mal 12, sondern mit 13 bis 14 Monatsgehältern, natürlich 30 Urlaubstage, manchmal auch noch 35, dazu über ein eigenes Versorgungswerk eine Altersversorgung, die selbst die vielgescholtenen Pensionäre vor Neid erblassen lassen dürfte: Ob das die materielle Grundausstattung der Lufthansa-Piloten ist, die laut allgemeiner Presse-Schelte gerade mit ihrem „Luxus-Streik“ alles ins Chaos stürzen, kann ich nicht sagen. Jedenfalls vermute ich: Viel mehr dürfte ein Lufthansa-Pilot kaum haben. (Und mit Sicherheit hat er nicht das, was ein Lufthansa-Vorstandsmitglied so nach Hause trägt).

Nein, solche Saläre bekommt die zugegeben höchste, aber dennoch „normale“ Tarifgruppe, die ein Tageszeitungsredakteur nach 15 Berufsjahren so erreichen kann. Ein Ressortchef liegt noch einmal drüber, selten unter 20 Prozent mehr – und wer einer Chefredaktion angehört, bekommt dazu mindestens weitere 20 Prozent extra, dazu natürlich noch Tantieme, also Umsatz- und Gewinnbeteiligung, wenn man fleißig Kosten drückte.

Wie sich solche Gehälter erklären, wüssten da wohl nicht nur die Piloten gern.

Da gibt es einige Varianten. Zum Beispiel, so meinen gerne die Verleger: Mit den Gehältern macht man Journalisten weitgehend immun gegen Bestechungsversuche… Nun, angesichts der weit verbreiteten Korruption in der Branche (die, wenn es die öffentlich-rechtlichen Medien trifft, auch gern Gegenstand der Berichterstattung privater Tageszeitungen ist) kann man dieses Arument mal einfach so unkommentiert stehen lassen. Was die Berufsorganisationen gerne anführen: Redakteure haben einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und sind schließlich auch besonderem Stress ausgesetzt. Das mit dem Organisationsgrad war einmal – und das mit der beruflichen Belastung merken wir uns vor, wenn es um Piloten und andere geht.

Die pathetische Erklärung wäre: Solche Gehälter entsprechen der gesellschaftlichen Bedeutung einer freien Presse, der besonderen journalistischen Verantwortung. Welche gesellschaftliche Bedeutung die Berichterstattung über die Gespielinnen der Herren Bohlen und Co. haben, die bei einem Gutteil der Presse ja die meisten Spalten füllen, müsste da noch hinterfragt werden. Schreibt der Film-Rezensent Unfug, ärgern sich eventuell einige Kinobesucher, die an sein unbestechliches Urteil glaubten. Macht ein Pilot (oder auch Lok-Führer, Busfahrer oder andere) einen folgenschweren Fehler, hat sich unter Umständen für eine ganze Reihe von Leuten der nächste Kinobesuch erledigt. Ginge Bezahlung nach dem gesellschaftlichen Wert, wären Krankenschwestern Millionärinnen.

Also schließlich, die böse, gemeine Erklärung: Das ist Schweigegeld für Leute, die es eigentlich besser wissen – aber jeden Mist schreiben, den Verleger und Anzeigenkunden lesen wollen. Und da sich in der Journaille immer mehr Leute tummeln, die mit Pisa-Halbwissen ausgestattet den Mist, den sie da schreiben, auch noch selber glauben, sind solche Schweigegelder nicht mehr gerechtfertigt, bröckeln auch die Gehälter der Schreiberlinge.

Aber noch werden sie ja gezahlt – und weil ich selbst davon auch profitiere, stört’s mich eigentlich nicht. Ich will auch keine Neid-debatte. Was mich aber stört, ist, wenn hochbezahlte Schreiberlinge gegen Streiks und Lohnforderungen von anderen zu Felde ziehen, bei denen es meist um Beträge geht (denn in der Regel sind es ja nicht die Piloten, Medienschelte kennen auch streikende Verkäuferinnen und Krankenschwestern), für die die Verantwortlichen solcher Propaganda keinen Finger rühren würden.

Also, Piloten und andere: Lasst Euch von dem Geschreibsel in den Zeitungen nicht beirren, haltet durch – und demonstriert ruhig ganz egoistisch Eure Stärke.

Denn letzlich richtet sich die Bezahlung einer Berufsgruppe nur nach dem, was sie durchzusetzen in der Lage ist. Und Zeitungsschreiber und Verleger haben das Gemeinwohl da auch nur im Auge, wenn es die eigenen Pfründe nicht betrifft.

Twitter, Facebook und Co.


Zumindest während der demokratischen iranischen Erhebung konnte Twitter ja seine positiven Seiten zeigen. Wobei: Der Fortschritt gegenüber den bisherigen Blogs ist mir immer noch nicht klar. Und von Facebook und Co. ist vor allem bekannt, dass sich da den Datenschützern ein weites Tätigkeitsfeld erschließt.

Dennoch: Ohne Twitter und Facebook läuft im Internet wohl kaum noch was – weswegen ich es jetzt ebenfalls nutze. Und dabei habe ich gleich eines gelernt: Der Grundsatz, dss sich das einfachere System stets durchsetzt, kann da wohl nicht so richtig gelten. In Facebook jedenfalls muss man sich richtig einarbeiten – und ganz so, wie ich es will, läuft es da immer noch nicht.

Und ob das so sinnvoll ist,seine Seite mit vermeintlichen „Freunden“ zu zieren, die man oft nicht einmal vom sehen kennt – wer weiß. Dem einen oder anderen dürfte es wohl peinlich sein, mit wem er da auf einer Seite verbandelt ist.

Aber das hat ja auch was Gutes: Solche, mitunter unfrewillige Offenheit macht Seilschaften doch ziemlich transparent. Und man sieht, wer sich an wen anbiedert.

Und solche Seilschaften transparent zu machen sollte doch die eine oder andere Verletzung des Datenschutzes rechtfertigen…

Zum Teufel mit der RAF-Debatte


Zum Buch

Ein Buch, das immerhin rund 700 Seiten zählt, sollte von einem wichtigen Thema handeln. Und ein „Sachbuch“, das sogar verfilmt wird, muss sogar von einem extrem wichtigen Thema handeln. Den Film habe ich nicht gesehen, aber – mit Verspätung von etlichen Jahren – nun das Buch gelesen: Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex.

Ich habe dieses Buch zügig gelesen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit: Denn das ist bester Journalismus, Fakten ohne Schnörkel aufbereitet, so präzise wie irgendmöglich, ohne Pathos in der einen oder anderen Richtung, ohne moralinsaure Wertungen, nur dem Recherche-Ergebnis verpflichtet. So weit, so gut – nur macht das auch das Thema wichtig? Wie wichtig war die RAF, die Baader-Meinhof-Gruppe, die Baader-Meinhof-Bande, wie sie je nach politischem Standpunkt genannt wurde, denn wirklich?

Meine ganz persönliche Erinnerung an die RAF und den „Deutschen Herbst“: Von der Entführung Hans-Martin Schleyers hörte ich in Kabul, damals eines der Ziele der internationalen Traveller-Bewegung, der Globetrotter, der Aussteiger. Und die deutschen Traveller, die damals im „Friends“ und den anderen einschlägigen Kabuler Hotels zusammen saßen, nahmen die Nachricht von der Entführung hell begeistert auf. Nur der Freund, mit dem ich damals unterwegs war und ich selber, wir waren über die Geschichte nicht so glücklich.

Das war eben in weiten Kreisen der westdeutschen Nachkriegs-Geborenen die Stimmung: Man verabscheute das System, in dem man aufgewachsen war und seine Repräsentanten. Und für diesen Abscheu hatte man auch durchaus Gründe: Ein großer Teil der Lehrer, die uns in der Schule erzählten, der „Westen“ stünde für die Freiheit, hatten 15 oder 20 Jahre zuvor ihre Schüler darauf gedrillt, für Führer, Volk und Vaterland zu sterben und zu töten. Und zu dem „freien Westen“, zu dessen Stärkung wir erzogen werden sollten, zählten eben faschistische Folterregime wie das Franco-Regime in Spanien, da putschten faschistische Generäle mit Unterstützung der Nato in Griechenland, da wurde ein Massenmörder wie der Schah von Persien beim Staatsempfang von der bundesdeutschen Regierung hofiert, da wurde jeder Protest dagegen blutig niedergeküppelt und niedergeschossen.

Diese simple Zustandsbeschreibung bundesdeutscher Realität vor 1970 sollte übrigens in keiner 68’er-, RAF- oder anderen zeitgeschichtlichen Diskussion fehlen.

Kurz: Wir hatten begriffen, dass wir belogen worden waren – und gerade diejenigen, die von der Freiheit etwas hielten, verabscheuten das „System“ nun besonders. Und was immer die Vertreter dieses Systems nun noch erzählten: Wir glaubten Ihnen nicht, auch nicht, wenn es mal die Wahrheit war.

Nur: Die wenigsten, die damals als „Aussteiger“ irgendwo in der Welt unterwegs waren, zogen daraus irgendwelche politischen Konsequenzen. Man begnügte sich mit dem Beifall für diejenigen, von denen man glaubte, dass sie es den Vertretern des Systems mal richtig gezeigt hatten. Wobei ich übrigens der festen Überzeugung bin: Die meisten dieser früheren Aussteiger, wie wir sie damals in Kabul trafen, sind heute brave, biedere Bürger – deren politische Protesthaltung sich darin äußert, alle vier Jahre nicht die CDU zu wählen.

Auch mein Reisebgleiter und ich hegten damals für den entführten Schleyer weder Sympathien oder Mitleid. Offen gestanden: Der war uns völlig egal. Nur: Wir waren eben keine „Aussteiger“ aus dem System, hatten uns nur eine Auszeit von der „Revolution“ gegönnt. Wir waren schließlich organisiert im Rahmen dessen, was sich selbst als „revolutionäre Linke“ definierte, maoistisch ausgerichtet, in dem (irrigen) Glauben, eines Tages die proletarischen Massen siegreich zur Revolution zu führen. Doch dazu musste man die erst mal agitieren – und aus den Agitationsversuchen wussten wir, dass die „Massen“ von Terroristen nun mal gar nichts hielten, die Wut, die sie auf die empfanden, ganz gerne auch auf uns übertrugen. Die RAF passte deshalb schlicht und ergreifend nicht in unser Konzept.

Doch irgend etwas muss ja dran gewesen sein an der RAF. Inzwischen gibt es schließlich beinahe mehr Schauspieler, die in irgendeinem Film über 68 und die Folgen einen Terroristen gespielt haben als die RAF je aktive Mitglieder gehabt hat. Und im Vergleich dazu gibt es über die zahlenmäßig viel bedeutenderen „K-Gruppen“ oder auch die „Basisgruppen“, die „Undogmatischen“ und andere Strömungen der Nach-68-Phase nicht einmal eine nennenswerte Zahl ernst zunehmender Sachbücher (von den damaligen Verfassungsschutzberichten abgesehen). Hatte die RAF also nicht doch irgendwelchen Einfluss?

Diesen tatsächlichen Einfluss hätten wir damals aber wohl geleugnet: Denn wer gibt schon gerne zu, ein Gefangener zu sein? Die Angehörigen der „Linken“ waren „Gefangene der RAF“, und sind es in vielen Diskussionen heute noch. Denn auch, wenn beispielsweise innerhalb der K-Gruppe, in der ich mich damals tummelte, die meisten Mitglieder und Sympathisanten die RAF zum Teufel wünschten, hätten wir als Organisation das nie so gesagt. Wir wären innerhalb dieser „Linken“ nämlich sofort als Verräter abgestempelt gewesen. Kurz: Die RAF zwang uns zu einem Opportunismus der besonderen Art. Wir hatten mit den Lügen des Systems gebrochen, waren nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ anderen Lügen, die wir nun selbst verbreiteten, aufgesessen – und hielten in Punkto RAF aus „taktischen Gründen“ die Klappe.

Joschka Fischer war – wenn er in seiner Biographie tatsächlich schreibt, wie es war – schon um einiges weiter: Der hat, nach eigenem Bekunden, im heißen Wohngemeinschafts-Streit um die von deutschen und palästinensischen Terroristen entführte Air-France-Maschine, deren Passagiere dann von einem israelischen Kommando in Entebbe glücklich befreit wurden, sich auf die Seite des israelischen Kommandos gestellt, eben klipp und klar gesagt: Wenn Deutsche irgendwo daran beteiligt sind, dass jüdische Geiseln zur „Sonderbehandlung“ selektiert werden – dann ist es völlig in Ordnung, dass diese Deutschen von einem israelischen Kommando über den Haufen geschossen werden.

Für die Linke insgesamt wäre es jedenfalls deutlich besser gewesen, hätte sich diese Haltung schon damals als ihr Allgemeingut durchgesetzt. Denn da stellt sich schon die Frage: Was war an der RAF denn eigentlich „links“? Vielleicht, dass Horst Mahler seinen Antisemitismus damals als Anti-Zionismus ausgab, wie es ja auch heute noch manche vermeintlich Linken tun? Nein, Horst Mahler, einer der Köpfe der RAF, hat sich mit seinem Weg zu den NPD-Nazis nicht gewandelt – ein Judenhasser ist sich konsequent treu geblieben.

Das jedenfalls wird ziemlich klar, wenn man im Buch von Aust die Abschnitte über die Kooperation zwischen RAF und ihren palästinensischen Bündnispartnern liest. Da geht es nicht um irgendwelche Befreiungen, da geht es schlicht darum, im Nahen Osten keine Juden zu wollen. Ja, die Linke war in der Geiselhaft erpresster Solidarität mit einer Truppe, die sich als „links“ bezeichnete, aber längst in die Fußstapfen der Nationalsozialisten getreten war. Und auch, wenn wir dagegen aufgestanden waren: Die Erziehung durch Nazi-Lehrer wirkte auch bei etliche von uns noch nach…

Liest man in Austs Buch schließlich über das Gebaren eines Andreas Baader, selbst seine Genossinnen als Fotzen zu bezeichnen, kann man nur noch feststellen: Mit solchen Sprüchen hätte er Stammheim wahrleichlich überleben können – aber keine studentische linke „Vollversammlung“ an welcher Uni auch immer.

Doch das ist eben das Problem mit dem Buch von Stefan Aust: Es erweckt – zumindest wohl bei unbefangenen Lesern – den Anschein, als sei die Auseinandersetzung der Jahre nach 1968 die Auseinandersetzung zwischen RAF und „Staat“ gewesen. Und das ist eben auch der Stoff für einen spannenden Action-Thriller.

Und so wirkt die RAF bis heute nach, nimmt andere Alt- und Spät-68’er, deren Geschichten eben nicht so „spannend“ waren, noch immer in Geiselhaft. Diskutiert wird wieder über die RAF und ihre Motive. Die eigentlich viel relevantere Frage, warum sich zig Tausende andere damals in vermeintlich revolutionären Organisationen zusammenfanden und vor allem, wie sie da wieder herausfanden, sich in den Folgejahren zu in der Regel kritischen, aber eben doch Stützen der Gesellschaft (um nicht zu sagen: des Systems) entwickelten, sich dabei meist auch heute noch als links betrachten – die ist kein Stoff für Dramen.

So, wie man damals eigentlich hätte klar sagen müssen „Zum Teufel mit der RAF“, so müsste man heute also endlich sagen: Zum Teufel mit der RAF-Debatte.