Gesellschaft und Politik

Geschichtslosigkeit mal wieder Trumpf – oder: ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, um Verständnis für Flüchtlinge zu werben


Im Internet macht ein Bonmot die Runde, das nach Sascha Lobos Auftritt im ZDF nun in aller Munde ist: nennen wir die Flüchtlinge doch einfach Vertriebene – dann kann sich selbst die CSU mit ihnen anfreunden. Das klingt logisch, freundlich zu den Flüchtlingen, ist aber, näher betrachtet, absolut daneben. Keine Ahnung von Geschichte zu haben, ist nicht nur rechten Dumpfbacken vorbehalten, sondern wohl auch unter „Linken“ Trumpf. Continue reading

Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu. Continue reading

Lob der Armut – Was Touristiker an fernen Ländern so toll finden


Vom fotogenen Charme der Armut – jedenfalls unter Palmen, wenn man sie so als Tourist bei anderen sieht: Wer das zum Beispiel noch auf Kuba sehen möchte, sollte bald fahren, also, so lange das derzeitige Regime dort noch an der Macht ist.
Gerade gesehen beim Switchen auf dem Reise-Verkaufssender Sonnenklar.TV: Bilige Kuba-Reisen.
Und was macht Kuba so reizvoll? Für den Reise-Verkäufer ganz klar: Die vielen Oldtimer dort auf den Straßen, die meisten mittlerweile an die 60 Jahre alt, von ihren Besitzern immer wieder mühevoll zusammen geflickt, weil es keinen Nachschub gibt. Dazu die sorgenvolle Zukunftsvision des Verkäufers: Man stelle sich mal vor, unter einer neuen Regierung würden die alle neue Autos fahren. Continue reading

Verbraucherschutz bei Banken – oder: Wie man Kunden entmündigt und neue Verkaufsstrategien entwickelt


Theoretisch funktioniert der Verbraucherschutz doch so: Irgendwelche Firmen entwickeln einen schlauen Trick, ihre Kunden über den Tisch zu ziehen, die Verbraucher werden dagegen rebellisch, die Politik bringt ein Gesetz auf den Weg oder ein Gericht befindet diese Variante für unzulässig – und zumindest vor dieser Masche ist die Öffentlichkeit nun ein wenig besser als zuvor geschützt.

Und bei den Banken ging es dem Verbraucherschutz darum, die von provisionshungrigen Finanzberatern getäuschten Kunden davor zu bewahren, ihr Geld in Schrott-Investments zu stecken. Darum also die klare Regel durch Gesetz und etliche Gerichtsurteile: Vor einem Geld-Geschäft muss der Kunde ausführlich über alle Risiken aufgeklärt werden, hat der Berater das in einem Beratungsprotokoll genauestens festzuhalten. Kommt die Bank nicht allen ihren Pflichten nach, muss sie – wenn der Kunde sein Geld dadurch verliert – dafür auch haften.

Und was machen die Banken daraus?

Neulich, morgens in einer Filiale „meiner“ Hausbank: Continue reading

Jeder muss es schaffen können! Darum: Ehrensold für Wulff!


Und wieder diese deutsche Neiddebatte, angestachelt von Dumpfmedien, deren Chefredakteure für das kümmerliche Salär eines Spitzenpolitikers morgens nicht einmal ihr Haus verlassen würden! Dabei ist der Ehrensold für Wulff genau das Signal, was die Frustrierten und Gedemütigten dieses Landes brauchen, nämlich das Signal: Auch Du kannst es schaffen!

Denn darum geht es doch: Das Sagen in der Wirtschaft haben die, die ohnehin schon mit goldenem Löffel im Mund geboren wurden. (Wer das für eine Phrase hält: Tatsächlich hatte bei den meisten Vorstandsmitgliedern deutscher DAX-Firmen schon der Vater eine Spitzenposition in einem großen Konzern inne.) Und wenn ein Angehöriger dieser Top-Manager-Kaste auf seinem durch Beziehung erlangten Posten so viel wirtschaftlichen Schaden angerichtet hat, dass auch das größte Unternehmen mehr Schaden nicht verkraften würde, trennt man sich mit goldenem Handschlag, kassiert der Verabschiedete für künftiges Gar-Nichts-Tun Beträge, die unseren Ehrensold wohl um Vielfaches übersteigen. Für die Opfer der Fehlentscheidungen unserer so in den Ruhestand geschickten Spitzenkräfte gibt es irgendwann einmal die Regelsätze von Hartz IV. Continue reading

Von Neocons, Mumien, Linksradikalen und vergessenen Visionen: Lese-Tipp für Joschka Fischers „Der Irakkrieg und die rot-grünen Jahre“


Zum Buch

Technokratisch, rechthaberisch, die Biographie eines Emporkömmlings, der nun aus dem Ruhestand seinen Zeitgenossen und der Nachwelt sagen will: Schaut her, da bin ich dabei gewesen, den und den hab‘ ich getroffen. Das ist bei den ersten Sätzen der erste Eindruck dieser Biographie von Joschka Fischer über den „Irakkkrieg und die rotgrünen Jahre„. Und der zweite Eindruck: Am schwersten zu ertragen sind die Rechthaber, die auch noch tatsächlich Recht hatten. Doch es lohnt sich, diese Antipathie gegen diese zunächst scheinbar geradezu typische Politiker-Biographie zu überwinden.

Denn hier erfährt man, was man über die rot-güne Zeit vielleicht geahnt, aber nicht wirklich gewusst hat, versteht, warum diese Jahre nötig waren – und wie haarscharf die deutsche Politik in dieser Zeit am politischen GAU vorbeigeschrammt ist, von den quälenden innergrünen Debatten über die Reaktion auf den 11. September, über die Weltfremdheit, die dabei selbst „Spitzengrüne“ an den Tag legten, über einen Kanzler Gerhard Schröder, der in der Auseinandersetzung um den bevorstehenden Irak-Krieg voll auf die nationale Karte setzte, der wohl auch bereit gewesen wäre, Deutschland an die Seite Russlands und Chinas und in die Isolation von den westlichen Partnern zu führen. Aber: Das alles hat man irgenwie auch schon woanders gelesen, das ist zwar interessant, aber noch nicht das eigentlich Lohnende an diesem Buch.

Wirklich spannend ist aber, was Fischer über die amerikanischen Neokonservativen, die Neocons der Bush-Administration sagt. Denn was die nach dem 11. September und vor dem Irak-Krieg über den „globalen Anti-Terror-Krieg“ zum besten gaben, erinnerte in der Diktion ja irgendwie an die bolschewistische Sprache der 1920-er Jahre und späterer Epigionen, an die Losung von der proletarischen Weltrevolution mit der Sowjetunion als Zentrum, nur, dass eben in der Sicht der Neokonservativen nun die „demokratische Wekltrevolution“ anstand, gestützt nun nicht auf die Rote, sondern auf die US-Armee. Eine Liste von 60 Staaten, so erinnert sich Fischer, hatten die Neocons im US-Außenministerium zusammen gestellt, Länder, in denen mit Hilfe der US-Armee die „demokratische Revolution“ durchgesetzt werden sollte.

Leider bleibt Fischer hier zwar immer noch der diskret-diplomatische Ex-Außenminister, der nicht sagt, um welche Länder es sich dabei handelte – aber einige kann man sich ja denken.

Der entscheidene Punkt jedoch: Fischer fühlt sich bei seiner Debatte mit diesen Vertretern der US-Politik an seine eigene, linksradikale Vergangenheit erinnert – und, etwas zeitversetzt, sind das auch tatsächlich „die Genossen von einst“. Denn, so dröselt Fischer auf, die linksradikal anmutende Theorie der Neocons – von einem revolutionären Zentrum aus wird die bewaffnete Revolution in die ganze Welt getragen – ist in der Biographie ihrer Protagonisten begründet. Die kommen nämlich wirklich aus einer kleinen ehemals trotzkistischen Splittergruppe, wanderten dann auf den linken Flügel der Demokraten, entwickelten sich immer weiter nach rechts – und landeten schließlich alle gemeinsam am rechten Flügel der Republikaner. So gesehen: Interessante Biographien, wie wir sie in Deutschland ja auch teilweise haben…

Die Frage, die man sich in Bezug auf Fischers Amt als Außenminister aber unabhängig davon stellt: Gab es da irgendetwas „Grünes“, etwas, was z. B. ein FDP-Außenminister mit einigermaßen Verstand und Geschick nicht auch gemacht hätte? Ja, da gab es dieser Biographie nach etwas ganz spezifisch Grünes, nämlich das Aufräumen mit der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, der – wenn auch meist posthume – Rauswurf einstiger Nazigrößen, die auch noch das Diplomatische Korps der Nachkriegszeit beherrschten, bis zu Fischers Zeit in allen Ehren in der Ahnengalerie gefeiert wurden. Die Deutsche Politik von diesen „Mumien“ befreit, 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit der Bewältigung dieses Teils der Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, das sich in seiner eigenen Geschichtsschreibung gern als „Hort des Widerstandes“ präsentierte, zumindest begonnen zu haben – das ist das ganz Besondere an Fischers Zeit als Minister, das, was ihn von allen seinen Vorgängern unterscheidet. Seinen „liberalen“ Vorgängern mögen diese Nazi-Diplomaten suspekt gewesen sein – aber sie hatten sich mit ihnen arrangiert. Fischer nicht!

Und die Visionen? Die kommen ganz zum Schluss, werden bei Fischer auch ganz unvisionär pragmatisch-vernünftig begründet, vor allem mit wirtschaftlichen und geopolitischen Notwendigkeiten. Das ändert aber nichts daran, dass es fortschrittliche Visionen sind, nämlich die von den Vereinigten Staaten von Europa, fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika, gemeinsam eine globale Kraft der Demokratie, der Menschrechte, eines für alle zugänglichen Wohlstandes.

Irgendwie scheint Fischer da fast schon wieder als selbst einstiger Linksradikaler an der Seite der US-Neokonservativen – nur eben mit dem Unterschied, dass er nicht deren Traum von der Allmacht der Waffen mitträumt, dass er auf die Politik setzt, auf eine Realpolitik, die sich von Visionen leiten lässt.

Und daran mangelt es in Deutschland seit dem Abgang von rot-grün.

Lese-Tipp, leider etwas schwerfällig: Von den barbarischen Wurzeln des Abendlandes – „Invasion der Barbaren“


Zum Buch

So macht man wohl aus Büchern zu Fragen der Geschichte Bestseller: Man nehme einen griffigen Titel, zum Beispiel „Invasion der Barbaren„, suche dazu ein actionreiches Cover. Das Buch von Peter Heather hat dazu zwar noch einen erklärenden Untertitel, nämlich „Die Entstehung Europas im ersten Jahrzausen nach Christus“, aber der tut der Erwartung spannungsreicher Action keinen Abbruch. Zumal der Klappentext ja dazu noch verspricht: „Der Autor (…) untersucht – auch mit Hilfe der Erkenntnisse der modernen Migrationsforschung – die Dynamik der europäischen Wanderbewegungen vom Hunnensturm bis zu den Wikingern.“

Da hat man doch auch noch den Bogen geschlagen, von dem sich manch Sarrazin-Anhänger die historische Bestätigung seiner Vorurteile erhofft: Barbarische Hunnenhorden ziehen in das dekadente römische Reich, machen sich dort breit, holen schließlich ihre Stammesbrüder nach – und Rom geht im Strudel der gewaltsamen Usurpation endgültig unter. Damit wäre dann der Bogen zu den „Türken“, zu den „Moselms“, zu den afrikanischen Bootsflüchtlingen von Lampedusa auch geschlagen.

Das Gute an diesem umfangreichen, detaillierten Werk von Heather ist:

Genau dieses erhoffte Geschichtsbild wird hier nicht bedient. Statt dessen schildert Heather sehr genau, wie vielfältig, wie differenziert die unterschiedlichen Migrationsbewegungen gestaltet waren, dass sich da auch nicht unbedingt „Völker“ auf den Weg machten, sondern Einzelpersonen und Familienverbände, Strukturen, die sich erst auf der „Reise“ oder auch erst am Zielort „vereinigten“, die zum Teil auch erst deshalb zu „Völkern“ wurden, weil die alteingesessenen römischen Chronisten eine genauere Unterscheidung zwischen den einzelnen „Barbaren“ nicht für nötig hielten.

Aber wie das nun mal ist mit Vorurteilen: meistens hat man deren mehrere – die auch nicht unbedingt zusammen passen müssen, die sich auch gerne wiedersprechen dürfen. Und neben der Mär von den zu Hunderttausenden auf das Römische Reich einstürmenden Germanen und Hunnen erzählt die andere Mär in reaktionären Kreisen gern von den „christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes“ (oder auch umgekehrt – wobei man das „jüdisch“ eigentlich auch nur pro forma aufgenommen hat). Dass in der Zeit der „Völkerwanderung“ kein Mensch vom Abendland sprach, muss ja bei der Mär von seinen vermeintlichen Wurzeln nicht weiter stören.

Nun schildert Heather zwar durchaus, wie sich die einzelnen Anführer der eingewanderten Clans und Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel des rascheren sozialen Aufstieges gerne auch christlich taufen ließen – doch dass sie ihre alten Gewohnheiten, ihren Wotan-Glauben wirklich an den Nagel hängten, ist hier nicht zu finden. Was bei der Schilderung aber deutlich wird: Da, wo die Einwanderer in großer Zahl eintrafen, mitunter auch ein Territorium gewaltsam in Besitz nahmen, hielten sie um einiges länger an ihrem alten Glauben fest. Von den „odinschen Wurzeln des Abendlandes“, also seinen vermeintlich „barbarischen Wurzeln“ wollen unsere konservativen Migrations-Skeptiker trotzdem nicht reden.

Was wir am Ende aus dem, leider schwerfällig zu lesenden, Buch aber tatsächlich lernen können: Wer in seiner eigenen Familiengeschichte einen solchen „Migrationshintergrund“ hat, ist eher als andere geneigt, sich – wie schon seine Eltern oder Großeltern – ebenfalls einen neuen Lebensstandort zu suchen. Und: Dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen das Land ihrer Geburt verlassen und woanders ihr Glück suchen, ist eine der großen Konstanten der Geschichte.

Lese-Tipp für historische Querdenker: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei


Zum Buch

Die Sklaverei ist abgeschafft, zumindst in ihrer klassischen Form weltweit Geschichte? Sklaverei gab es in der Antike, in der Neuzeit dann noch in Amerika, als Produkt des europäischen Kolonialismus? Die Völker Afrikas waren das Opfer der Sklaverei? So in etwa sehen sie aus, die gängigen Geschichtsbilder in (europäischen) Köpfen. Wenn man sein eigenes Geschichtsbild da auch mal infrage stellen will, sollte man zu diesem Büchlein eines Alt-Historikers greifen: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei.

Die Geschichte des europäischen Kolonialismus und des Imperialismus ist sicher alles andereals ein Ruhmesblatt des „Abendlandes“, und es steht den Europäern gut an, sich dafür zu schämen! Das bestreitet Flaig auch nicht. Nur: Diese Geschichte muss nicht allein den Europäern peinlich sein.

Zunächst einmal räumt Flaig als Alt-Historiker mit dem wohl am weitesten verbreiteten Vorurteil auf, nämlich, dass Rassismus und Sklaverei zusammen gehören. Eigentlich auf der Hand: Die Sklaverei im antiken Rom war rein merkantil, hatte mit der ethnischen Herkunft eines Sklaven nichts zu tun. Sklave wurde, wer in einem Krieg gefangen genommen wurde, wer seine Schulden nicht bezahlte. Das konnte auch den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie treffen. Und der mögliche Freikauf eines Sklaven war auch nur eine Frage des Geldes, nicht seiner Hautfarbe…

Doch dieser Teil der Sklaverei ist nun tatsächlich „Geschichte“, ein anderer spielt in der aktuellen politischen Debatte noch immer eine Rolle, etwa, wenn es um Entschädigungsforderungen für erlittenes Unrecht geht, Europa und die USA für aktuelle afrikanische Miseren (an denen sie wahrhaftig auch nicht unschuldig sind) in Haftung genommen werden sollen.

Und da lautet das Vorurteil: Europäische Sklavenhändler haben den afrikanischen Kontinent ausbluten lassen, seine Entwicklung abgeschnitten. Dass europäische Sklavenhändler an diesem Verbrechen beteiligt waren, steht auch für Flaig ganz außer Frage – nur waren sie eher Randfiguren, wie der Historiker empirisch zeigt.

Denn, so belegen es die Zahlen, der Sklavenstrom von Afrika in die europäischen Kolonien machte nur einen Bruchteil des gesamten Sklavenhandels aus. Europäische Sklavenhändler (fast ausschließlich Portugiesen, in Europa selbst meist gesellschaftlich geächtet, Leute, mit denen man nichts zu tun haben wollte) hatten ihre Handelsstationen an der afrikanischen Westküste, kauften ihre „Ware“ von afrikanischen und arabischen Sklavenjägern. Und der weitaus größere Teil dieser lebenden Ware ging nicht nach Amerika – sondern in die islamisch-arabischen Länder und nach Asien. Die wirklich großen Handeslstützpunkte waren an Ostküste, etwa Sansibar, fest in arabischer Hand.

Womit Flaig dann aber wirklich verblüfft, ist seine – einleuchtende – Sicht auf den heute so gefeierten „antikolonialen Kampf der von Europa unterworfenen Völker“: Denn die erste Maßnahme, die zumindestens die Briten in ihren Kolonien und kontrollierten Gebieten durchsetzten, war das Verbot der Sklaverei (zugestanden: um sie durch andere Formen der Zwangsarbeit zu ersetzen, aber der private Handel mit Menschen war erst einmal untersagt). Und die ersten Aufstände gegen die Kolonialherren richteten sich genau gegen diese Abschaffung der Sklaverei.

Dazu allen Anti-Amerikanern ins Strammbuch geschrieben: Der amerikanische Bürgerkrieg, den die USA gegen den abtrünnigen Süden führten, hatte zwar sicher noch eine Reihe weiterer Aspekte – aber er war und ist bis heute der einzige Krieg, der jemals mit dem erklärten Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt wurde.

Und heute? Da gesteht Flaig zu, dass es auch in den westlichen Gesellschaften Menschenhandel (insebsondere bei der Zwangsprostiton) gibt – was aber mit der klassischen Sklaverei nichts zu tun hat. Denn die „Gehandeltelten“ könnten sich, zumindest theoretisch, jederzeit an Staat und Gesellschaft wenden, wären dann frei. In manchen Ländern Westafrikas und der Sahel-Zone gilt das so aber immer noch nicht. Auch wenn dort die Sklaverei formell zwar ebenfalls abgeschafft ist, wird sie vielerorts eben staatlich und gesellschaftlich zumindestens geduldet, bringt der Polizist den „entlaufenen Sklaven“ dem Herren zurück.

Und so spricht Flaig Europa (und Amerika) zwar nicht frei für seine historischen Verfehlungen, aber zeigt doch eines auf: es waren allein die vielgescholtenen „westlichen Werte“, die die Sklaverei eindämmten, Werte. die man deshalb auch verteidigen sollte.

Der Reaktoren der Frau Merkel oder: Die Ehrenrettung Bertolt Brechts. Ein Lehrstück


Großes Drama im wahren Leben! Nur: Hätte jemand wie Bertolt Brecht, ein stadtbekannter Kommunist, sich eine Story wie den Japan-GAU und seine Folgen so als Lehrstück für die Bühne ausgedacht, mit eben den Charaktermasken, wie wir sie jetzt erleben – die Kritik hätte ihn einhellig der plakativen Übertreibung, der plumpen Propaganda gescholten, unfähig, ein echtes Drama mit echten Charakteren zu entwickeln.

Also zerlegen wir den Lauf der Ereignisse in die einzelnen Akte, ganz so, als wollten wir sie inszenieren:

Der Prolog: Noch niemand weiß genau, was in Japan eigentlich genau passiert ist, nur, dass Erdbeben und Tsnuami einige Tausend Menschenleben forderten, da melden sich in Deutschland (und sicherlich auch andernorts) die ersten besorgten Stimmen, nämlich die Stimmen der Kernkraft-Fans zu Wort. Die fürchten nämlich: Sollte es in Japan zu einem Reaktorunfall kommen, würde es künftig sehr schwer, neue Kernkraftwerke zu bauen. Und das müsse doch die Energiepreise nach oben jagen… (Wer das nicht glaubt: Nachzulesen auf der Webseite „Achse des Guten“, www.achgut.com, eine Propaganda-Seite, die ich hier nicht wirklich verlinken möchte).

Erster Akt: Auftritt Japanischer Krisenstab, in Deutschland Kanzlerin Merkel – man hat die Lage, im Großen und Ganzen, rund um den Reaktor unter Kontrolle, und in Deutschland, wo Tsunamis eher selten sind, sind die Kernkraftwerke auch viel sicherer, worüber man nun aber doch gern noch einmal drei Monate lang sinnieren möchte. Und wenn als Ergebnis dieses Denkens die Reaktoren doch nicht mehr so sicher scheinen, lässt man sich eben halt was neues einfallen. Das Volk, der Chor, bleibt skeptisch.

Zweiter Akt: Abtritt Japanischer Krisenstab, Auftritt AKW-Befürworter in Deutschland (und anderswo) – nun hat es, aber sicher nur vorübergehend, im Unglücksreaktor wohl doch eine Kernschmelze gegeben, stellt der Japanische Krisenstab fest, bevor seine Mitglieder die Overalls ausziehen und wieder im dunklen Anzug zur Tagesordnung übergehen. Naja, was sollen sie denn auch tun? Achso, einige der Arbeiter im Kraftwerk sind leider verstrahlt, aber daran selber Schuld. Hätten eben besser aufpassen müssen. Der Herr des Kraftwerks, der Vorstandsvorsitzende der Betreibergsellschaft, begibt sich wegen Überarbeitung erst einmal ins Sanatorium. Und in Deutschland, wo die Energie-Bosse wegen der Drei-Monats-Pause beim Geldscheffeln grummeln, stimmt der Wirtschaftsminister die Herren milde: Das mit der Abschaltung ist doch halb so schlimm, nur vorübergehend wegen der Wahlen, man hat ja alles unter Kontrolle…

Dritter Akt: Abtritt Merkel, Auftritt Kernenergie-Profiteure – das Volk bleibt dem vermeintlichen Sinneswandel gegenüber skeptisch, die Wahlen enden trotz Denkpause und vorübergehend sillgelegter AKW für Merkel und Co. erst einmal verloren, die Regierung verfällt in tiefe Depression. Da stellen die Kernkraft-Profiteure fest: Dieses Schmierentheater kostet unsere Konzerne Geld, Geld, das uns die Regierung doch vor einigen Monaten erst noch garantiert hat. Da will man von den einstigen Freunden Schadensersatz, setzt solche Forderung dann auch mit Bravour wohl durch…

Erwarteter Epilog: Der Unglücksreaktor ist von Beton umhüllt, die verstrahlten Opfer sterben still – denn die im Dunkeln sieht man nämlich nicht. Die alte Regierung mit einigen neuen Gesichtern hat nun gründlich nachgedacht, sich mit den Bossen der Konzerne wieder ausgesöhnt, die Reaktoren, abgesehen von einem oder zweien vielleicht, sind wieder allesamt am Netz. Denn nun ist alles wieder unter Kontrolle…

Fazit, im Brechtschen Sinn vielleicht vorzutragen durch den Chor: Gefährlich mag die Kernkraft sein, gefährlicher für die demokratische Gesellschaft aber noch sind ihre Profiteure. Wer also nicht über die Stilllegung der Energie-Konzerne reden will, soll auch über die Reaktoren schweigen.

Köche und Kellner im Regierungs-Restaurant oder: Wie visiönär war Gerhard Schröder?


Wie richtig Gerhard Schröder doch zu früher rot-grüner Zeit noch lag: Der Große, damals die SPD, macht im Regierungs-Restaurant den Koch, der Kleine, damals Grün, begnügt sich mit der Rolle des Kellners. Was Schröder selbst wohl nicht so ahnte: Seine Analogie griff dem wahren Leben voll voraus.

Wenn das Essen schmeckte, strich der Kellner ordentliches Trinkgeld ein. War das Gericht mal angebrannt, lag die Verantwortlung ganz klar beim Koch.

Im realen Wirtschaftsleben ginge die Geschichte so weiter: Der Kellner spart sein Tringeld, kauft sich eines Tages ein eigenes Restaurant, holt sich den Koch von einst vielleicht als Angestellten.

Kein Wunder, dass die SPD an den Schröder-Spruch von Koch und Kellner nicht mehr erinnert werden will, er heute angeblich keine Gültigkeit mehr haben soll. Aber treffend war er doch – und irgendwie auch visionär…