Gesellschaft und Politik

Gündogan und Özil – Posieren für die wahren deutschen Werte


Zwei hochbezahlte deutsche Fußball-Profis, Gündogan und Özil, posieren für ein Foto mit dem türkischen Diktator, feiern ihn als „ihren Präsidenten“, und Volkes Stimme, die alles, was es für türkisch hält, meist ohnehin nicht mag, gibt sich empört: Vom Verrat an deutschen Werten ist die Rede, gefordert wird der Kopf der beiden oder wenigstens der Rauswurf aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Fußballbund, ob der Publicity pikiert, spricht von einem Fehler, den die beiden da gemacht haben, betont, dass ansonsten aber doch das ganze deutsche Fußball-Team voll für die deutsche Werte, also Menschenrechte, Demokratie und andere solche Sachen steht. Aber gerade für die wahren deutschen Werte haben die beiden, bestens integriert in das System, den Tyrannen aus Ankara doch hofiert. Bei anderen gilt das nicht als Fehler, die bekommen dafür das Verdienstkreuz. Continue reading

Reingefallen auf Fake News – das passiert leider nicht nur rechten Tölpeln


Ich bekenne: Ich bin auf Fake News hereingefallen. Ich bin nicht nur hereingefallen, ich habe darauf reagiert. Ich habe wie etliche andere empörte User einen vermutlich unschuldigen Restaurantbesitzer auf seiner Facebook-Seite des Antisemitismus bezichtigt, ihm den Entzug der Konzession gewünscht. Wie es dazu kam? Es sah ja alles glaubhaft und seriös aus. Continue reading

Ein „Sorry“ nimmt doch jedem Witz die Würze!


Die heute-show war auch schon besser. Die neuen Witze sind meist platt, die Pointen stets vorhersehbar. Und nun nimmt man auch dem platten Witz noch seine Würze – mit völlig unangebrachten Entschuldigungen. So tricksen nur vielgescholtene Gutmenschen sich mit ihrer political correctness selber aus. Denn natürlich ist ein Rasssist mit Sprachfehler, der über mangelnde Sprachkenntnisse von Flüchtlingen sabbert, eine ideale Zielscheibe für verdienten Spott. Klar: Man macht sich – im Normalfall – nicht über Behinderte lustig. Doch hier haben wir die Ausnahme von allen Regeln. Continue reading

AfD wirkt: So wird Rassismus im TV hoffähig


Erinnert sich noch wer an den namenlosen Pseudo-Promi, der vor Jahren bei RTL aus dem Dschungelcamp flog, weil er mit ausgestrecktem Arm die Nazis imitierte. Die Szene wurde nie ausgestrahlt, seine Motive, ob er wirklich Nähe zu irgendwelchen Rechtsextremisten hatte oder einfach nur gegen die rüde Behandlung der Dschungelcamp-Kandidaten protestieren wollte, blieben ungeklärt. Doch die Botschaft war klar: Wer oder was auch nur im leisesten Verdacht des Rechtsextremismus steht, hat bei RTL, dem ansonsten so geschmähten Trash-Kommerz-Sender, keine Chance. Und: Das waren noch die Zeiten, als sich RTL an vielleicht hilflosen, aber sicher gut gemeinten Anti-Rassismus-Aktivitäten beteiligte. Doch diese Zeiten scheinen nun vorbei, rassistische Sprüche werden auch bei RTL unkommentiert ausgestrahlt, und niemand schreitet ein. AfD wirkt. Continue reading

Trash gegen Trash: Wie sich der rechte Pöbel über nackte Pseudo-Promis ereifert


Für den Grimme-Preis vorgeschlagen wird die RTL-Trash-Show „Adam sucht Eva“ sicher nicht. Aber Einschaltquoten bringt das allemal: Nackte Z-Promis, mehr oder weniger unbekannt geblieben nach Auftritten in anderen Trash-Formaten, treffen sich auf einer Palmeninsel mit dem Ziel der späteren Begattung, mehr oder weniger diskret vor laufender Kamera. Das zielt auf Massenpublikum, gibt aber auch den seriöseren Medien/Online-Plattformen ausreichend Gelegenheit, sich über den ausgestrahlten Trash publikumswirksam zu mokieren. Denn: Ganz egal, was man darüber schreibt, in jedem Fall darf das Geschriebene mit Szenenfotos von den Nackedeis geschmückt werden – und Nacktfotos bringen ja nun mal, wie man weiß, Auflage bzw. Klicks. Wirklich faszinierend wird das alles aber erst, wenn das trashige Publikum, das im Fernsehen die Nackedeis begaffte, sich nun in den Kommentarspalten von T-Online, Welt und anderen Medien über eben diese Show ereifert – und dabei auch noch messerscharf analysiert, warum das Fernsehen das überhaupt bringt. Continue reading

Österreich und Co.: Kein Trinkgeld für Rassisten


Österreich zählte noch nie zu meinen bevorzugten Reisezielen, ein Österreich-Urlaub stand auch nicht an, aber nach dieser Wahl muss ich nun sagen: Die Alpen-Republik ist aus meiner privaten Reiseliste bis auf weiteres gestrichen, so wie zuvor schon Ungarn und, was ich tastsächlich bedaure, die Türkei. Dabei würde ich wohl auch in Zukunft in Österreich kaum mit meiner willkürlichen Inhaftierung rechnen müssen. In der Türkei wäre ich mir da nicht so sicher. Bei einem zufälligen Zusammenstoß mit der Staatsmacht, etwa wegen eines Verkehrsproblems, hätte ich in Österreich keine Sorge wegen erwarteter Polizeiwillkür. In Ungarn würde ich zumindest damit rechnen. Mein Problem mit Österreich: Ich fühle mich unter Rassisten einfach unwohl. Und ich mag einem rassistischen Kellner, einem rassistischen Taxifahrer kein Trinkgeld geben, auch, wenn er mir den besten Service bot. Continue reading

Palmers „Wir können nicht allen helfen“ – viel diskutiert, kaum gelesen


Zum Buch

Manche Bücher erzielen breite Aufmerksamkeit weniger durch Inhalt oder besonders brillanten Stil, als vielmehr durch die Empörung, die der Autor und sein Werk hervorrufen, bevor es denn überhaupt veröffentlicht ist. In diese Kategorie fällt auch Boris Palmers „Wir können nicht allen helfen“. Aus Sicht des Verlages waren da die grünen Partei“freunde“ des Verfassers, die dem Bürgermeister aus Tübingen den Rat gaben, er solle „einfach mal die Klappe halten“, die besten Werbe-Helfer für einen angehenden Bestseller. Denn wer hätte sich ansonsten schon für ein Buch mit solch einem eher sperrigen Titel interessiert, wer hätte denn lesen wollen, wie ein biederer Kommunalpolitiker in seiner Gemeinde für eine unerwartete Zahl von Flüchtlingen Wohnraum schafft, um so wenigstens die Grundlagen der verlangten Integration zu legen?
Nun ist das Buch da, zeigt keine Spur des vorab unterstellten Rassismus, wehrt sich im Gegenteil fast in jedem Kapitel gegen befürchteten Beifall von der falschen rechten Seite – doch die Empörung der Dauerempörten hält ungebremst an. Motto: Ich muss doch nicht lesen, was mein moralisches Weltbild ankratzen könnte. Continue reading

Geschichtslosigkeit mal wieder Trumpf – oder: ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, um Verständnis für Flüchtlinge zu werben


Im Internet macht ein Bonmot die Runde, das nach Sascha Lobos Auftritt im ZDF nun in aller Munde ist: nennen wir die Flüchtlinge doch einfach Vertriebene – dann kann sich selbst die CSU mit ihnen anfreunden. Das klingt logisch, freundlich zu den Flüchtlingen, ist aber, näher betrachtet, absolut daneben. Keine Ahnung von Geschichte zu haben, ist nicht nur rechten Dumpfbacken vorbehalten, sondern wohl auch unter „Linken“ Trumpf. Continue reading

Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu. Continue reading