Gesellschaft und Politik

Lese-Tipp, leider etwas schwerfällig: Von den barbarischen Wurzeln des Abendlandes – „Invasion der Barbaren“


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So macht man wohl aus Büchern zu Fragen der Geschichte Bestseller: Man nehme einen griffigen Titel, zum Beispiel „Invasion der Barbaren„, suche dazu ein actionreiches Cover. Das Buch von Peter Heather hat dazu zwar noch einen erklärenden Untertitel, nämlich „Die Entstehung Europas im ersten Jahrzausen nach Christus“, aber der tut der Erwartung spannungsreicher Action keinen Abbruch. Zumal der Klappentext ja dazu noch verspricht: „Der Autor (…) untersucht – auch mit Hilfe der Erkenntnisse der modernen Migrationsforschung – die Dynamik der europäischen Wanderbewegungen vom Hunnensturm bis zu den Wikingern.“

Da hat man doch auch noch den Bogen geschlagen, von dem sich manch Sarrazin-Anhänger die historische Bestätigung seiner Vorurteile erhofft: Barbarische Hunnenhorden ziehen in das dekadente römische Reich, machen sich dort breit, holen schließlich ihre Stammesbrüder nach – und Rom geht im Strudel der gewaltsamen Usurpation endgültig unter. Damit wäre dann der Bogen zu den „Türken“, zu den „Moselms“, zu den afrikanischen Bootsflüchtlingen von Lampedusa auch geschlagen.

Das Gute an diesem umfangreichen, detaillierten Werk von Heather ist:

Genau dieses erhoffte Geschichtsbild wird hier nicht bedient. Statt dessen schildert Heather sehr genau, wie vielfältig, wie differenziert die unterschiedlichen Migrationsbewegungen gestaltet waren, dass sich da auch nicht unbedingt „Völker“ auf den Weg machten, sondern Einzelpersonen und Familienverbände, Strukturen, die sich erst auf der „Reise“ oder auch erst am Zielort „vereinigten“, die zum Teil auch erst deshalb zu „Völkern“ wurden, weil die alteingesessenen römischen Chronisten eine genauere Unterscheidung zwischen den einzelnen „Barbaren“ nicht für nötig hielten.

Aber wie das nun mal ist mit Vorurteilen: meistens hat man deren mehrere – die auch nicht unbedingt zusammen passen müssen, die sich auch gerne wiedersprechen dürfen. Und neben der Mär von den zu Hunderttausenden auf das Römische Reich einstürmenden Germanen und Hunnen erzählt die andere Mär in reaktionären Kreisen gern von den „christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes“ (oder auch umgekehrt – wobei man das „jüdisch“ eigentlich auch nur pro forma aufgenommen hat). Dass in der Zeit der „Völkerwanderung“ kein Mensch vom Abendland sprach, muss ja bei der Mär von seinen vermeintlichen Wurzeln nicht weiter stören.

Nun schildert Heather zwar durchaus, wie sich die einzelnen Anführer der eingewanderten Clans und Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel des rascheren sozialen Aufstieges gerne auch christlich taufen ließen – doch dass sie ihre alten Gewohnheiten, ihren Wotan-Glauben wirklich an den Nagel hängten, ist hier nicht zu finden. Was bei der Schilderung aber deutlich wird: Da, wo die Einwanderer in großer Zahl eintrafen, mitunter auch ein Territorium gewaltsam in Besitz nahmen, hielten sie um einiges länger an ihrem alten Glauben fest. Von den „odinschen Wurzeln des Abendlandes“, also seinen vermeintlich „barbarischen Wurzeln“ wollen unsere konservativen Migrations-Skeptiker trotzdem nicht reden.

Was wir am Ende aus dem, leider schwerfällig zu lesenden, Buch aber tatsächlich lernen können: Wer in seiner eigenen Familiengeschichte einen solchen „Migrationshintergrund“ hat, ist eher als andere geneigt, sich – wie schon seine Eltern oder Großeltern – ebenfalls einen neuen Lebensstandort zu suchen. Und: Dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen das Land ihrer Geburt verlassen und woanders ihr Glück suchen, ist eine der großen Konstanten der Geschichte.

Lese-Tipp für historische Querdenker: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei


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Die Sklaverei ist abgeschafft, zumindst in ihrer klassischen Form weltweit Geschichte? Sklaverei gab es in der Antike, in der Neuzeit dann noch in Amerika, als Produkt des europäischen Kolonialismus? Die Völker Afrikas waren das Opfer der Sklaverei? So in etwa sehen sie aus, die gängigen Geschichtsbilder in (europäischen) Köpfen. Wenn man sein eigenes Geschichtsbild da auch mal infrage stellen will, sollte man zu diesem Büchlein eines Alt-Historikers greifen: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei.

Die Geschichte des europäischen Kolonialismus und des Imperialismus ist sicher alles andereals ein Ruhmesblatt des „Abendlandes“, und es steht den Europäern gut an, sich dafür zu schämen! Das bestreitet Flaig auch nicht. Nur: Diese Geschichte muss nicht allein den Europäern peinlich sein.

Zunächst einmal räumt Flaig als Alt-Historiker mit dem wohl am weitesten verbreiteten Vorurteil auf, nämlich, dass Rassismus und Sklaverei zusammen gehören. Eigentlich auf der Hand: Die Sklaverei im antiken Rom war rein merkantil, hatte mit der ethnischen Herkunft eines Sklaven nichts zu tun. Sklave wurde, wer in einem Krieg gefangen genommen wurde, wer seine Schulden nicht bezahlte. Das konnte auch den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie treffen. Und der mögliche Freikauf eines Sklaven war auch nur eine Frage des Geldes, nicht seiner Hautfarbe…

Doch dieser Teil der Sklaverei ist nun tatsächlich „Geschichte“, ein anderer spielt in der aktuellen politischen Debatte noch immer eine Rolle, etwa, wenn es um Entschädigungsforderungen für erlittenes Unrecht geht, Europa und die USA für aktuelle afrikanische Miseren (an denen sie wahrhaftig auch nicht unschuldig sind) in Haftung genommen werden sollen.

Und da lautet das Vorurteil: Europäische Sklavenhändler haben den afrikanischen Kontinent ausbluten lassen, seine Entwicklung abgeschnitten. Dass europäische Sklavenhändler an diesem Verbrechen beteiligt waren, steht auch für Flaig ganz außer Frage – nur waren sie eher Randfiguren, wie der Historiker empirisch zeigt.

Denn, so belegen es die Zahlen, der Sklavenstrom von Afrika in die europäischen Kolonien machte nur einen Bruchteil des gesamten Sklavenhandels aus. Europäische Sklavenhändler (fast ausschließlich Portugiesen, in Europa selbst meist gesellschaftlich geächtet, Leute, mit denen man nichts zu tun haben wollte) hatten ihre Handelsstationen an der afrikanischen Westküste, kauften ihre „Ware“ von afrikanischen und arabischen Sklavenjägern. Und der weitaus größere Teil dieser lebenden Ware ging nicht nach Amerika – sondern in die islamisch-arabischen Länder und nach Asien. Die wirklich großen Handeslstützpunkte waren an Ostküste, etwa Sansibar, fest in arabischer Hand.

Womit Flaig dann aber wirklich verblüfft, ist seine – einleuchtende – Sicht auf den heute so gefeierten „antikolonialen Kampf der von Europa unterworfenen Völker“: Denn die erste Maßnahme, die zumindestens die Briten in ihren Kolonien und kontrollierten Gebieten durchsetzten, war das Verbot der Sklaverei (zugestanden: um sie durch andere Formen der Zwangsarbeit zu ersetzen, aber der private Handel mit Menschen war erst einmal untersagt). Und die ersten Aufstände gegen die Kolonialherren richteten sich genau gegen diese Abschaffung der Sklaverei.

Dazu allen Anti-Amerikanern ins Strammbuch geschrieben: Der amerikanische Bürgerkrieg, den die USA gegen den abtrünnigen Süden führten, hatte zwar sicher noch eine Reihe weiterer Aspekte – aber er war und ist bis heute der einzige Krieg, der jemals mit dem erklärten Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt wurde.

Und heute? Da gesteht Flaig zu, dass es auch in den westlichen Gesellschaften Menschenhandel (insebsondere bei der Zwangsprostiton) gibt – was aber mit der klassischen Sklaverei nichts zu tun hat. Denn die „Gehandeltelten“ könnten sich, zumindest theoretisch, jederzeit an Staat und Gesellschaft wenden, wären dann frei. In manchen Ländern Westafrikas und der Sahel-Zone gilt das so aber immer noch nicht. Auch wenn dort die Sklaverei formell zwar ebenfalls abgeschafft ist, wird sie vielerorts eben staatlich und gesellschaftlich zumindestens geduldet, bringt der Polizist den „entlaufenen Sklaven“ dem Herren zurück.

Und so spricht Flaig Europa (und Amerika) zwar nicht frei für seine historischen Verfehlungen, aber zeigt doch eines auf: es waren allein die vielgescholtenen „westlichen Werte“, die die Sklaverei eindämmten, Werte. die man deshalb auch verteidigen sollte.

Der Reaktoren der Frau Merkel oder: Die Ehrenrettung Bertolt Brechts. Ein Lehrstück


Großes Drama im wahren Leben! Nur: Hätte jemand wie Bertolt Brecht, ein stadtbekannter Kommunist, sich eine Story wie den Japan-GAU und seine Folgen so als Lehrstück für die Bühne ausgedacht, mit eben den Charaktermasken, wie wir sie jetzt erleben – die Kritik hätte ihn einhellig der plakativen Übertreibung, der plumpen Propaganda gescholten, unfähig, ein echtes Drama mit echten Charakteren zu entwickeln.

Also zerlegen wir den Lauf der Ereignisse in die einzelnen Akte, ganz so, als wollten wir sie inszenieren:

Der Prolog: Noch niemand weiß genau, was in Japan eigentlich genau passiert ist, nur, dass Erdbeben und Tsnuami einige Tausend Menschenleben forderten, da melden sich in Deutschland (und sicherlich auch andernorts) die ersten besorgten Stimmen, nämlich die Stimmen der Kernkraft-Fans zu Wort. Die fürchten nämlich: Sollte es in Japan zu einem Reaktorunfall kommen, würde es künftig sehr schwer, neue Kernkraftwerke zu bauen. Und das müsse doch die Energiepreise nach oben jagen… (Wer das nicht glaubt: Nachzulesen auf der Webseite „Achse des Guten“, www.achgut.com, eine Propaganda-Seite, die ich hier nicht wirklich verlinken möchte).

Erster Akt: Auftritt Japanischer Krisenstab, in Deutschland Kanzlerin Merkel – man hat die Lage, im Großen und Ganzen, rund um den Reaktor unter Kontrolle, und in Deutschland, wo Tsunamis eher selten sind, sind die Kernkraftwerke auch viel sicherer, worüber man nun aber doch gern noch einmal drei Monate lang sinnieren möchte. Und wenn als Ergebnis dieses Denkens die Reaktoren doch nicht mehr so sicher scheinen, lässt man sich eben halt was neues einfallen. Das Volk, der Chor, bleibt skeptisch.

Zweiter Akt: Abtritt Japanischer Krisenstab, Auftritt AKW-Befürworter in Deutschland (und anderswo) – nun hat es, aber sicher nur vorübergehend, im Unglücksreaktor wohl doch eine Kernschmelze gegeben, stellt der Japanische Krisenstab fest, bevor seine Mitglieder die Overalls ausziehen und wieder im dunklen Anzug zur Tagesordnung übergehen. Naja, was sollen sie denn auch tun? Achso, einige der Arbeiter im Kraftwerk sind leider verstrahlt, aber daran selber Schuld. Hätten eben besser aufpassen müssen. Der Herr des Kraftwerks, der Vorstandsvorsitzende der Betreibergsellschaft, begibt sich wegen Überarbeitung erst einmal ins Sanatorium. Und in Deutschland, wo die Energie-Bosse wegen der Drei-Monats-Pause beim Geldscheffeln grummeln, stimmt der Wirtschaftsminister die Herren milde: Das mit der Abschaltung ist doch halb so schlimm, nur vorübergehend wegen der Wahlen, man hat ja alles unter Kontrolle…

Dritter Akt: Abtritt Merkel, Auftritt Kernenergie-Profiteure – das Volk bleibt dem vermeintlichen Sinneswandel gegenüber skeptisch, die Wahlen enden trotz Denkpause und vorübergehend sillgelegter AKW für Merkel und Co. erst einmal verloren, die Regierung verfällt in tiefe Depression. Da stellen die Kernkraft-Profiteure fest: Dieses Schmierentheater kostet unsere Konzerne Geld, Geld, das uns die Regierung doch vor einigen Monaten erst noch garantiert hat. Da will man von den einstigen Freunden Schadensersatz, setzt solche Forderung dann auch mit Bravour wohl durch…

Erwarteter Epilog: Der Unglücksreaktor ist von Beton umhüllt, die verstrahlten Opfer sterben still – denn die im Dunkeln sieht man nämlich nicht. Die alte Regierung mit einigen neuen Gesichtern hat nun gründlich nachgedacht, sich mit den Bossen der Konzerne wieder ausgesöhnt, die Reaktoren, abgesehen von einem oder zweien vielleicht, sind wieder allesamt am Netz. Denn nun ist alles wieder unter Kontrolle…

Fazit, im Brechtschen Sinn vielleicht vorzutragen durch den Chor: Gefährlich mag die Kernkraft sein, gefährlicher für die demokratische Gesellschaft aber noch sind ihre Profiteure. Wer also nicht über die Stilllegung der Energie-Konzerne reden will, soll auch über die Reaktoren schweigen.

Köche und Kellner im Regierungs-Restaurant oder: Wie visiönär war Gerhard Schröder?


Wie richtig Gerhard Schröder doch zu früher rot-grüner Zeit noch lag: Der Große, damals die SPD, macht im Regierungs-Restaurant den Koch, der Kleine, damals Grün, begnügt sich mit der Rolle des Kellners. Was Schröder selbst wohl nicht so ahnte: Seine Analogie griff dem wahren Leben voll voraus.

Wenn das Essen schmeckte, strich der Kellner ordentliches Trinkgeld ein. War das Gericht mal angebrannt, lag die Verantwortlung ganz klar beim Koch.

Im realen Wirtschaftsleben ginge die Geschichte so weiter: Der Kellner spart sein Tringeld, kauft sich eines Tages ein eigenes Restaurant, holt sich den Koch von einst vielleicht als Angestellten.

Kein Wunder, dass die SPD an den Schröder-Spruch von Koch und Kellner nicht mehr erinnert werden will, er heute angeblich keine Gültigkeit mehr haben soll. Aber treffend war er doch – und irgendwie auch visionär…

Copy-and-Paste-Guttenberg: Von BILD lernen, heißt Solidarität zu lernen


Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich
Zitat-Hinweis, auch ohne Fußnote: Bertolt Brecht, Solidaritätslied

Nun sitzen sie mit im Boot und werden dafür wieder mal von allen anderen scharf gescholten: In der großen medialen Empörung über Abschreiber und Hochstapler wagte (fast) nur die BILD, sich auf die Seite des angeklagten Dr. nun a.A. zu stellen, kassierte dafür den heiligen Zorn der anderen Blätter.

Nanu, hat die BILD da etwa die Grundlage jedes Rechtssystems erkannt, nämlich, dass niemand als schuldig gelten darf, bevor nicht in einem ordentlichen Verfahren seine Schuld einwandfrei festgestellt wurde? Argumentiert sie etwa nach dem Leitsatz: Im Zweifel für den Angeklagten? Oder schützt sie einfach nur einen wichtigen Informanten, vielleicht den Auftraggeber lukrativer Anzeigen?

Nicht unbedingt, vielleicht gar nichts von alledem! Aber bei der BILD weiß man schlicht und einfach, wie man heute Zeitung macht, kennt die Grundlage des eigenen Broterwerbs, steht zu dem, was die anderen gerne leugnen und verdrängen.

Was hat Dr. a.D. zu Guttenberg denn bitteschön getan? Ein wenig abgeschrieben und das erst mal verheimlicht, so, wie es (fast) schon jeder Schüler tut, natürlich dabei wohl wissend, dass er nicht erwischt werden darf. Ergaunert man sich so dann sogar noch akademische Würden, ist das natürlich nicht korrekt, der Titel, wenn es rauskommt, allemal verloren – und anstandshalber verschwindet der Ertappte in der Regel auch erst einmal von allen Bildflächen.

Doch: Was wissenschaftlich unsauber und tadelswert, ist bei den Medien der normale Alltag. Waren vor wenigen Jahrzehnten noch Schere und Klebstoff den meisten Redakteuren wichtiger als Kugelschreiber oder Schreibmaschine, ersetzt heute das Kopieren aus dem Internet und Einfügen in das eigene Dokument mühselige Recherche-Arbeiit, die ja doch nichts bringt, im Zweifel sogar eine schöne Geschichte kaputt macht, wenn man dabei feststellen muss, dass da leider gar nichts dran war. Also, da schreibt doch lieber einer von dem anderen ab, rundet dabei leicht noch oben auf, kommt so zu den besten Storys.

Und hat man mehr als eine Quelle abgeschrieben, gibt man die Geschichte noch als eigene großartige Enthüllung aus.

Angesichts solch gängiger Praxis besonders pietätlos: Wenn nun auch noch jene Blätter gegen Guttenberg und BILD zu Felde ziehen, die selber sonst andauernd von der BILD abkupfern, natürlich, ohne je die Quelle zu nennen.

Da ist die BILD doch wirklich ehrlich: Sie hält zu ihresgleichen, die Abschreiber stehen einander bei. Denn, wie heißt es schon bei Bertotd Brecht (in der Annahme, das ist auch wirklich so von ihm): Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nir sich selbst im Stich.

Warnung der Tourismus-Industrie: Meiden Sie Demokratien


Das

Vielleicht ist es für Touristen momentan ja wirklich nicht empfehlenswert, locker durch die Medina zu bummeln und sich die Sehenswürdigkeiten von Tunis anzuschauen. Und als die Kämpfe zwischen paramilitärischer Polizei und Demonstranten ihren Höhepunkt erreichten, war es vielleicht auch nicht einmal unvernünftig, Tunesien-Reisen vorübergehend auszusetzen.

Doch was die Tourismusindustrie dafür an Erklärungen lieferte, war entweder einfach unbedacht oder dumm oder zynisch – in jedem Fall aber skandalös.

Denn wie sind Fomulierungen zu interpretieren, wenn es da etwa heißt: Wir werden Tunesien wieder anbieten, wenn sich die Lage stabilisiert und normalisiert hat.

In den Jahrzehnten der Diktatur gab es mit dem Tourismus in Tunesien jedenfalls keine Probleme. Die Diktatur war „stabil“ und auch „normal“. Soll das also etwa heißen: Wir nehmen Tunesien wieder ins Programm, wenn die alte Diktatur zurück ist (oder sich eine neue als stabil erwiesen hat)?

Und welche Umbuchungsmöglichkeiten bietet man den Kunden an? Etwa eine Reise nach Ägypten? Pech natürlich, wenn sich die Tunesien-Flüchtlinge ausgerechnet dann an den Stränden des Roten Meeres sonnen wollen, wenn auch dort die Diktatur gestürzt wird und die Demokratie ausbricht.

Rein pragmatisch betrachtet haben die Tourismus-Unternehmen vermutlich ganz logisch gehandelt. Aber was sie darüber dann an Begründungen verbreiteten, war eine allgemeine Reisewarnung vor Reisen in junge, im Aufbruch begriffene Demokratien.

Übrigens: Ereignet sich am Reiseziel eine Naturkatastrophe, darf der Tourismus-Kunde kostenfrei stornieren. Hat sich der Tourismus-Kunde dagegen ganz bewusst entschieden, in ein freies und demokratisches Land zu reisen, wird dort aber die demokratische Regierung dann durch einen Putsch gestürzt, gibt es dieses Stornierungs-Recht nicht. Denn die Verhältnisse sind ja stabil…

Da ist bei Kunden-Rechten und demokratischem Bewusstsein nicht nur in der Tourismus-Industrie noch einiges nachzubessern.

Diskriminierung: Ich werde (beim Fliegen) nicht diskriminiert!


Selektion und Privilegien-Vergabe: Unter dem Deckmantel der Terrorismus-Bekämpfung wollen die Flughafen-Gesellschaften und die Airlines das Drei-Klassen-Flugrecht einführen, erst einmal jedenfalls bei den Sicherheitskontrollen.

Die erste, also Luxus-Klasse: Das sind die bekannten Viel-Flieger, die Lieblings-Gäste der Fluggesellschaften, also die, die man dann so gut wie unkontrolliert an Bord lässt.

Die dritte Klasse sind die als gefährlich angesehenen Passagiere, die potenziellen Terroristen. Und da bei denen ja kein „T“ in den Pass gestempelt ist, erkennt man sie an ganz objektiven Kriterien. Das oberste Kriterium: Sie gehören, anders als vielleicht der internationale Waffenhändler mit dem Miles-und-More-Bonus, nicht zur ersten Klasse.

Andere Merkmale für die Zugehörigkeit zur dritten Klasse: Herkunft und Geschlecht, dazu womöglich noch die Religion und in jedem Fall das Alter.

Denn: Der Orientale (oder: der Bürger eines EU-Landes mit entsprechendem Migrationshintergrund, Vor- oder Nachnamen) ist gefährlicher als der geborene West., Mittel- oder Nord-Europäer. Wobei: Diese Regel gilt wg. ETA und IRA nicht unbedingt für Passagiere mit baskischen oder irischen Namen bei Flügen nach Großbritannien oder Spanien.

In jedem Fall ist aber klar: Männer sind gefährlicher als Frauen. Wobei: Diese Regel gilt wg. „Schwarzer Witwen“ nicht unbedingt für dunkel gekleidete Frauen mit kaukasischer Herkunft bei Flügen nach Moskau.

Also, was sollen wir drum herum reden: Wir reden hier von Islam-Terroristen. Und damit ist der Moslem generell gefährlicher als der Angehörige eines anderen Glaubens. Wobei: Diese Regel gilt wg. IRA und Tamil Tigers wie schon gehabt nicht für irische Katholiken auf dem Weg nach Großbritannien und auch nicht für Hindus auf Sri-Lanka-Flug.

Und angesichts der vielen Sonderfälle kommen wir nun zum wesentlichen Merkmal: Dem Alter. Denn getreu der Shaw-Erkennntis, dass, wer mit 20 kein Kommunist ist, kein Herz habe, aber derjenige, der mit 30 immer noch einer sei, keinen Verstand, gilt da wohl die Regel: Terrorismus wächst sich irgendwann aus.

Und damit haben wir als Gruppe aller Hauptverdächtigen: Per se irgendwie alle, aber vor allem Männer zwischen 20 und 35 (ausgenommen Angehörige der ersten Klasse), und ganz besonders, wenn sie Achmed oder Ali heißen, oder aussehen, als könnten sie so heißen.

Dann bleibt natürlich noch Rest, die ganz normalen Normalos, die Angehörigen der zweiten, der Mittel-Klasse: Die dürfen sich dann wahrscheinlich wie bisher durchleuchten und abtasten lassen,, Schuhe aus, Gürtel auf, voll Neid zusehen, wie Herr Peter S., Traktoren, Kugellager und manchmal Panzer en gros, lässig und unkontrolliert von der VIP-Lounge in den Flieger steigt. Vielleicht kann der Normalo sich darüber auch empören, sich dazu mit Ali M., 23, Austausch-Student aus Deutschland auf dem Weg zu seiner neuen Uni, solidarisch erklären, weil der zur mehrstündigen Sonderdurchsuchung und Befragung aus der Schlange der Wartenden herausgefischt wird – aber auch das wird den Normalo nicht von seiner zweiten Klasse in die Gruppe der Privilegierten oder Selektierten bringen.

Um von Terroristen angeworben zu werden, bin ich erkennbar ein zu alter Knacker – und schon mein Äußeres beweist, dass ich in keinem Terrorcamp zur Fitness-Woche war. Dabei bin ich nicht wesentlich älter als Osama bin Laden, sogar um einiges jünger als die meisten Hamas-Terroristen-Prediger. Dennoch: Ich bin so peinlich harmlos-unverdächtig, dass sich bei einer meiner letzten Reisen nicht einmal die israelischen Sicherheitskräfte für die arabischen Stempel in meinem Pass interessieren wollten.

Was für eine Schmach, was für eine Demütigung!

Dabei war das auch mal anders. In den 70-er Jahren, in der Zeit der RAF, da passte auch ich vom Alter her noch in das terroristische Täter-Profil, durfte bei jeder Grenzkontrolle, bei jeder Verkehrskontrolle der besonderen staatlichen Aufmerksamkeit sicher sein. Das brachte die Terroristen-Fahndung zwar nicht wirklich weiter, gab mir aber – mit erhobenen Händen vor den Beamten mit gezückten Waffen – ein Gefühl besonderer Wichtigkeit.

Darum meine Forderung: Keine Diskriminierung, gleiches Recht auf strengste Kontrollen für alle – Passagiere aus der ersten Klasse inbegriffen.

Stellwerkmeister und andere VIP’s


Nur scheinbar eine Meldung aus dem Tollhaus: In Berlin bricht auf einer wichtigen Linie für mehrere Stunden der S-Bahn-Verkehr zusammen, weil der Stellwerkmeister wegen einer Erkrankung nicht an seinem Arbeitsplatz erschien.

Was für eine Meldung hätte es gegeben, wäre der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn 14 Tage nicht zur Arbeit erschienen? Wären die Züge deswegen noch unpünktlicher als sonst gewesen? Nein, wohl nicht einmal pünktlicher…

Eine kleine Meldung und eine Nicht-Meldung, die zeigen, wer wirklich wichtig ist in diesem Land. Die Vorstandsvorsitzenden jedenfalls scheinen irgendwie verzichtbar.

Charity oder: Die Heuchler am Werk


Lob der Wohltätigkeit: Da fließen bei einer Gala für Multimillionäre ein paar Tausend Euro an Obdachlose, arme Kinder oder andere Notleidende – und die edlen Spender dürfen sich der wohlmeindenden Berichterstattung sicher sein, sonnen sich im Gefühl, was für gute Menschen sie doch sind.

Ganz besonders großzügig war da doch der Vorstand der Firma X: Wie der da lächelnd vor der Kamera seinen Scheck überreicht, läuft groß auf allen Kanälen, ist in allen Zeitungen zu sehen. Das ist beste Image-Werbung! Das als Werbekampagne aufgezogen, wäre einiges teurer geworden.

Vergessen wir also nie die Grundlage jeder Wohltätigkeit: Wer keine Armen vor der Auffahrt zu seiner Villa sehen will, spendet für ein Armenhaus…

…und zwar von dem Geld, das er denen, die für ihn schuften müssen, vorenthalten hat.