Bildung und Erinnerung

Wo liegt Deutschland?

Richtig, in Mitteleuropa! Und darauf folgt, was auch folgerichtig ist: In Deutschland gilt die MEZ, die Mitteleuropäische Zeit. Läge Deutschland weiter westlich, hätte es die Greenwich-Zeit, die Westeuropäische Zeit, weiter im Osten die Osteuropäische Zeit. So weit ist noch alles klar.

Wir erinnern uns: Da wurde irgendwann einmal, um Energiekosten zu sparen, zusätzlich die Sommerzeit eingeführt. Also: Im März werden die Uhren eine Stunde vorgestellt, damit es abends (jedenfalls nach angezeigter Uhrzeit) eine Stunde länger hell ist. Das nennt sich Mitteleuropäische Sommerzeit. Im Herbst ist der Sommer dann vorbei, wir stellen die Uhren zurück – und haben wieder die ganz normale MEZ.

Und nun ergibt eine Umfrage: Die Mehrheit der Deutschen will die Winterzeit abschaffen! Na gut, den Sommer mögen die meisten sicher lieber als den Winter – aber eine „Winterzeit“ hatten wir noch nie. Das war eben immer die ganz normale Mitteleuropäische Zeit. Oder möchte die Mehrheit der Deutschen lieber Deutschland verlegen?

Das Problem ist nicht, dass bei einer Umfrage die Mehrheit auf eine dämliche Frage eine dämliche Antwort gibt. Das Problem ist: Für viel Geld wird eine unsinnige Umfrage mit einer falschen Grundannahme durchgeführt – und offensichtlich merkt das keiner.

Siehe dazu den vorigen Beitrag: Was wundern wir uns über das Maß an Unbildung unter den so genannten Meinungsmachern…


Recht auf Ignoranz

Gestern gesehen bei „Wer wird Millionär?“:

 Eine Geschichtslehrerin und eine Frage aus dem Bereich Literatur/Geschichte.

 Die Frage: Hieß ein Roman des französischen Schriftstellers Stendhal (19. Jahrhundert!) nun „Große Koalition“, „SPD und CDU“, „“Angie und Münte“ oder schlicht „Rot und Schwarz“? Die gute Frau nimmt den 50:50-Joker, entscheidet sich dann – voller Zweifel – für „Rot und Schwarz“. Theoretisch hätte das mit etwas Halbbildung und einem kleinen Schuss Nachdenken jeder ihrer Schüler auch so wissen müssen.

Aber immerhin: Bei der nächsten Frage wusste die Stütze unseres Bildungssystems dann sofort, dass Julia Roberts die Mutter von Zwillingen ist. Und war damit weiter…

Wäre nicht gleich danach bei der 16.000-Euro-Hürde noch eine Geschichtsfrage gekommen. Wurden die bedeutendsten italienischen Rennaissance-Maler wie Michelangelo, Boticelli, Raffael unc Co. nun im 15., 16., 17. oder 18. Jahrhundert geboren. Zumindest weiß sie nun ganz sicher: Das 17. und 18. Jahrhundert waren es wohl eher nicht.

Zweifel, die man haben kann, die Frau ruft ihren Mann, ebenfalls Geschichtslehrer, an. Ergebnis: Beide unsicher, aber gemeinsame Tendenz – bei der 16.000-Euro-Frage wird es wohl das 16. Jahrhundert gewesen sein.

Tja, das 15. Jahrhundert wär’s gewesen. Julia Roberts hätte das nicht wissen müssen. Aber zwei Geschichtslehrer auf einmal?

Was wundern wir uns über PISA?

Und was wundere ich mich über das Maß an Unbildung, auf das ich immer wieder bei Leuten stoße, die sich im Medienbereich für die großen Meinungsmacher halten?

Es gibt offensichtlich ein Grundrecht auf Ignoranz. Belassen wir es dabei…