Keine Wahrheit im System der Lüge


Zum Buch

Ein diktatorisches Regime, aufgebaut auf Terror und einer verlogenen Propaganda, kennt keine Wahrheit: Selbst da, wo sich das Regime scheinbar zum besseren wandelt, hat sich nur die propagandische Lüge gewandelt. Das wäre das historische Fazit von „Kolyma„, des neuen Thrillers von Tim Rob Brown.

Nachdem er uns in seinem Erstling „Kind 44“ in die letzten Wochen des stalinschen Terrors führte, handelt das Nachfolgewerk nun im Jahr des scheinbaren Aufbruchs der Sowjetunion, der „Entstalinisierung“, im Jahr 1956 nach dem 20. Parteitag der KPdSU, in den Monaten nach der Geheimrede Chruschtows.

Die Handlung knüpft an „Kind 44“ an: Ex-Geheimagent Leo ist inzwischen Chef der Moskauer Mordkommission – und wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Um seine Adoptivtochter aus den Händen von Entführern zu befreien, lässt er sich als Strafgefangener in den Gulag von Kolyma einschleusen, wird von den Häftlingen als Geheimpolizist erkannt, gerät zwischen die Fronten von Häftlingen und Wachpersonal, die längst – offizielle Entstalinisierung hin oder her – ihr eigenes dikatorisches Terror-Regime errichtet haben und sich dies weder von den Gefangenen noch von „Moskau zerstören lassen wollen – und nach seiner Flucht aus Kolyma schließlich in die Machtkämpfe der Herrschenden untereinander. Da erweisen sich scheinbare Verbündete plötzlich als Feinde – und kann der schuldbeladene Held schließlich selbst mehr sagen, für welche Sache er eigentlich noch steht.

Brown setzt die nun nicht mehr verbflüffende szenische Erzählweise seines Erstlings fort, legt aber – wohl für den Publikumsgeschmack – an Action-Szenen zu, doch das nimmt dem Buch auch irgendwie die inhaltliche Spannung. Wohl das Problem aller Fortsetzungen!

Aber er verblüfft mit seinen Wendungen, geht mit viel Phantasie an die Erklärung historischer Ereignisse: Der Ungarn-Aufstand 1956 das Ergebnis einer Falken-Intrige im Kreml, um die von Churschtow propagierte Abristung zu stoppen? Sicher eine gewagte These – die Brown in seinen eigenen Handlungssträngen duchaus logisch entwickelt.

Und auch, wenn dem wohl nicht so war: So hätte es gewesen sein können. Denn terroristische Regime, so die sicher richtige Lehre, sterben nicht mit dem Diktator und ein verbrecherisches System lässt sich nicht „von innen“, durch die „weniger schlimmen“ Verbrecher beseitigen.

„Kolyma“ ist sicherlich – eben Fortsetzung -schwächer als „Kind 44“. Allemal lesenswert und fesselnd ist der neue Roman von Tim Ron Brown aber immer noch.