Schreiber, Flieger, Steine aus dem Glashaus und die Neid-Debatte


Ein monatliches Tarifgehalt von einigem über 5000 Euro, das im Jahr aber nicht einfach mal 12, sondern mit 13 bis 14 Monatsgehältern, natürlich 30 Urlaubstage, manchmal auch noch 35, dazu über ein eigenes Versorgungswerk eine Altersversorgung, die selbst die vielgescholtenen Pensionäre vor Neid erblassen lassen dürfte: Ob das die materielle Grundausstattung der Lufthansa-Piloten ist, die laut allgemeiner Presse-Schelte gerade mit ihrem „Luxus-Streik“ alles ins Chaos stürzen, kann ich nicht sagen. Jedenfalls vermute ich: Viel mehr dürfte ein Lufthansa-Pilot kaum haben. (Und mit Sicherheit hat er nicht das, was ein Lufthansa-Vorstandsmitglied so nach Hause trägt).

Nein, solche Saläre bekommt die zugegeben höchste, aber dennoch „normale“ Tarifgruppe, die ein Tageszeitungsredakteur nach 15 Berufsjahren so erreichen kann. Ein Ressortchef liegt noch einmal drüber, selten unter 20 Prozent mehr – und wer einer Chefredaktion angehört, bekommt dazu mindestens weitere 20 Prozent extra, dazu natürlich noch Tantieme, also Umsatz- und Gewinnbeteiligung, wenn man fleißig Kosten drückte.

Wie sich solche Gehälter erklären, wüssten da wohl nicht nur die Piloten gern.

Da gibt es einige Varianten. Zum Beispiel, so meinen gerne die Verleger: Mit den Gehältern macht man Journalisten weitgehend immun gegen Bestechungsversuche… Nun, angesichts der weit verbreiteten Korruption in der Branche (die, wenn es die öffentlich-rechtlichen Medien trifft, auch gern Gegenstand der Berichterstattung privater Tageszeitungen ist) kann man dieses Arument mal einfach so unkommentiert stehen lassen. Was die Berufsorganisationen gerne anführen: Redakteure haben einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und sind schließlich auch besonderem Stress ausgesetzt. Das mit dem Organisationsgrad war einmal – und das mit der beruflichen Belastung merken wir uns vor, wenn es um Piloten und andere geht.

Die pathetische Erklärung wäre: Solche Gehälter entsprechen der gesellschaftlichen Bedeutung einer freien Presse, der besonderen journalistischen Verantwortung. Welche gesellschaftliche Bedeutung die Berichterstattung über die Gespielinnen der Herren Bohlen und Co. haben, die bei einem Gutteil der Presse ja die meisten Spalten füllen, müsste da noch hinterfragt werden. Schreibt der Film-Rezensent Unfug, ärgern sich eventuell einige Kinobesucher, die an sein unbestechliches Urteil glaubten. Macht ein Pilot (oder auch Lok-Führer, Busfahrer oder andere) einen folgenschweren Fehler, hat sich unter Umständen für eine ganze Reihe von Leuten der nächste Kinobesuch erledigt. Ginge Bezahlung nach dem gesellschaftlichen Wert, wären Krankenschwestern Millionärinnen.

Also schließlich, die böse, gemeine Erklärung: Das ist Schweigegeld für Leute, die es eigentlich besser wissen – aber jeden Mist schreiben, den Verleger und Anzeigenkunden lesen wollen. Und da sich in der Journaille immer mehr Leute tummeln, die mit Pisa-Halbwissen ausgestattet den Mist, den sie da schreiben, auch noch selber glauben, sind solche Schweigegelder nicht mehr gerechtfertigt, bröckeln auch die Gehälter der Schreiberlinge.

Aber noch werden sie ja gezahlt – und weil ich selbst davon auch profitiere, stört’s mich eigentlich nicht. Ich will auch keine Neid-debatte. Was mich aber stört, ist, wenn hochbezahlte Schreiberlinge gegen Streiks und Lohnforderungen von anderen zu Felde ziehen, bei denen es meist um Beträge geht (denn in der Regel sind es ja nicht die Piloten, Medienschelte kennen auch streikende Verkäuferinnen und Krankenschwestern), für die die Verantwortlichen solcher Propaganda keinen Finger rühren würden.

Also, Piloten und andere: Lasst Euch von dem Geschreibsel in den Zeitungen nicht beirren, haltet durch – und demonstriert ruhig ganz egoistisch Eure Stärke.

Denn letzlich richtet sich die Bezahlung einer Berufsgruppe nur nach dem, was sie durchzusetzen in der Lage ist. Und Zeitungsschreiber und Verleger haben das Gemeinwohl da auch nur im Auge, wenn es die eigenen Pfründe nicht betrifft.