Vergessene Jahrestage: Nachrichten aus früheren Jahrzehnten


Zum Buch

Jahrestage, die im öffentlichen Bewusstsein durchaus berechtigt so gut wie keine Rolle spielen: Im Februar 1970 gründeten meist ehemige SDS-Mitglieder in West-Berlin die KPD/AO (das AO zunächst noch für Aufbau-Organisation), im März 1980 löste sich die inzwischen zur KPD gemauserte „K-Gruppe“ dann wieder auf. Doch der 40. bzw. 30. Jahrestag dieser immerhin zweitgrößten K-Gruppe (korrekter wäre: Organisationen. Lockere Gruppen waren da ja nicht), also einer der Erben-Organisationen der 68-er-Bewegegung sind, anders als 2008, als allgemein „1968“ gewürdigt wurde oder 2007, als man an RAF und „Deutschen Herbst“ von 1977 erinnerte, keine großen Beiträge im Fernsehen und den Zeitschriften wert.

Dabei spielten diese untereinander meist verfeindeten „K-Gruppen“, vor allem KBW, KPD, und KB-Nord, dazu die lokalen „Sponti-Zirkel“ sowie etliche trotzkistische Gruppen in den 70-er Jahren von den Vietnam-Demonstrationen bis Brokdorf eine wohl weit wichtigere Rolle als die Hand voll versprengter selbsternannter Guerilla-Kämpfer von der RAF. K-Gruppen und Spontis bewegten zwar nie die Massen, aber zusammen einige Hunderttausend waren es dann schon.

Und: einige Fragen von damals sind noch immer aktuell, wenn auch in anderer Form.

„Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 – 1977“ lautet der Untertitel von Gerd Koenens Buch „Das rote Jahrzehnt„, das mir vor einigen Wochen in die Hände fiel, keine wirkliche Neuerscheinung, aber wegen der aktuellen Jahrestage mit aktuell kalendarischem Bezug.

Um eine ausführliche Beschäftigung mit der RAF kommt Koenen bedauerlicherweise zwar auch nicht herum, aber anders als andere Autoren reduziert er sie auf ihre reale Größe, widmet sich vor allem den Vorläufern der 68-er, den 68-ern selbst – und dann vor allem der damaligen Sponti-Szene und eben den K-Gruppen als Haupt-Erben von 1968.

Und in mitunter schwer verdaulicher sozial-psycholgischer Sprache erinnert Koehnen da an etwas, was mehr oder weniger alle Beteiligten vergessen oder auch verdrängt hatten: Die 68 vorausgegangenen Protest- und Oppositionsbewegungen der alten Bundesrepublik – gegen Wiederbewaffnung, gegen Atom-Rüstung u.a. – brachten in der Regel mehr Menschen auf die Straße als die 68-er. Und auch die unpolitische „Halbstarken-Szene“ de 50-er Jahre bewegte einige Leute mehr.

Das besondere an 68 und den daraus folgenden Bewegungen und Organisationen war also die bis dahin zumindest im Nachkriegs-Europa unbekannte Radikalität, von Koenen recht schlüssig begründet mit der Generation, die damals Bühne betrat: Denn die – wenigen – Jahrgänge, die für „68 und die Folgen“ die Szene bestimmten, meist geboren zwischen 1948 und 1955, waren die ersten echten Nachkriegs-Geborenen, die Jahrgänge, die weder Krieg noch materielle Not aus eigenem Erleben kannten, sich also ihren persönlichen Existenzkampf in der Theorie zurechtzimmerten – und dann darauf brannten, das ganze in der Praxis nachzuspielen.

Und auch da weist Koenen auf eine interessante deutsche und auch japanische Besonderheit hin. Zwar gab es diese Generationenbewegung in allen Ländern der westlichen Welt, aber in Deutschland und Japan eben besonders radikal. In den anderen Ländern lautete der Generationen-Vorwurf nämlich: Ihr habt im Krieg gegen den Faschismus zwar die gerechte Sache vertreten, aber niemals konsequent genug – und habt die gerechte Sache oft genug verraten. In Deutschland und Japan lautete der vorgetrage Vorwurf dagegen: Ihr ward die Faschisten, die die ungerechte Sache vertreten haben. Und dazu, so Koenen, kam noch der unterbewusste, aber natürlich nie vorgetragene Zusatz: Und ward nicht konequent genug, habt eure Sache verraten und alles verloren.

Egal, ob einst Sponti, Trotzkist, Maoist oder zu welcher der Fraktionen man damals immer gehörte: Dieses Gedanken-Konstrukt bestimmte alles Handeln. Man stand gegen den Faschismus und was immer ihm auch folgte, also Imperialismus, Kolonialismus, war natürlich anti-amerikanisch und, was im nachhinein besonders erschrecken lässt, auch anti-zionistisch. Wobei, und das macht dann besonders erschrocken: Mit dem Anti-Amerikanismus und vor allem dem Anti-Zionismus war man auch damals wirklich mehrheitsfähig.

Das alles war gezeichnet nicht nur von jugendlichem Größenwahn, sondern auch von einem Schuss deutschem Größenwahn – ganz nach dem Motto: Heute besetzen wir die Uni – und morgen die ganze Welt.

Koenen zeichnet das nun nach, erzählt – da allerdings mit Augenzwinkern und fast wehmütiger Erinnerung – von seiner eigenen Zeit beim KBW, der zahlenmäßig größten dieser K-Gruppen, von dem Größenwahn, der sich in diesen Organisatione mit Verfolgungswahn (man war ja von Feinden umgeben) und Hang zur Tyrannei gegenüber den eigenen Genossen (denn auch der Verrat lauerte ja überall) paarte.

Nur: K-Gruppen und Sponti-Initiativen lösten sich ab 1980 auf, hinterließen letzlich lediglich jede Menge bedrucktes Papier – und einen Haufen Leute, die, diszipliniertes, zielgerichtetes politisches Arbeiten gelernt hatten, das, wenn sie überhaupt noch aktiv sind, bei Grünen, Sozialdemokraten, Gewerkschaften oder anderen Organisationen nun weit sinnvoller anwenden, die Gesellschaft so ab 1980 tatsächlich veränderten.

Doch warum soll das heute noch jemanden interessieren? Wenn die Akteure des „Roten Jahrzehnts“ ihre Erfolge erst danach erzielten, spielt das doch alles keine Rolle mehr…

…gäbe es da nicht die Wiedergänger, die Wiederholung der Geschichte.
Wer in den Großstädten aufmerksam durch die Straßen geht, kommt an den kleinen Aufklebern, auf denen dem Kapitalismus der Kampf geschworen wird, nicht drum herum. Durch die Kieze geistert eine „Autonome Szene“, die regelmäßig vermeintliche „Luxus-Karossen“ abfackelt, der Kaufhaus-Brandstiftung von Andreas Baader nicht unähnlich. Die Nacht des 1. Mai wird wohl nicht nur in Berlin vermutlich wieder ziemlich heftig. Und schließlich: Auch die islamistische Sauerland-Zelle, die jungen, militanten Konvertiten von heute zeigen manche Parallele zu den 68-ern, Anti-Amerikanismus und Anti-Zionismus im Besonderen.

Im Grunde wissen wir nicht einmal, welche Jahrgänge gerade ihr ganz persönliches rotes oder schwarzes oder wie auch immer gefärbtes Jahrzehnt durchleben. Wie sehen nur die Pointe der Geschichte: Die Protagonisten von „68 und Folgen“ stehen inzwischen als biedere Repräsentanten der Gesellschaft, gleich ob grün, ob rot, manche auch liberal diesem Phänomen so verständis- und sprachlos gegenüber wie das Establishment anno 1968 ihnen selbst.

Lobby-Arbeit oder: Eine Nachricht wird gemacht


Eine unabhängige, objektive News, nur mit Fakten bestückt, im Nachrichtenblock eines (privaten) Berliner Radiosenders: Der Vorsitzende einer Berliner Wirtschaftsvereinigung wird künftig keine Mitarbeiter mehr über die Arbeitsagentur mehr suchen. Grund: Von 130 Bewerbern, die ihm das Jobcenter zur Besetzung von 100 Stellen schickte, konnten nur fünf die freien Stellen antreten.

So weit so klar, so nüchtern: Keine Schelte gegen eine offenbar unfähige Behörde, keine Häme über arbeitsunwillige Arbeitslose. Nur Zahlen, Daten, Fakten, so wie eine Nachricht sein soll. Die Schlussfolgerungen bleiben ganz allein dem Hörer überlassen: Die Arbeitsagentur schickt einem Unternehmen, dass dringend freie Stellen zu besetzen hat, nur Leute, die gar nicht arbeiten wollen, aber den Vermitlungstermin wahrnehmen müssen, weil ihnen ansonsten die Unterstützung gekürzt wird. Das aber, wie gesagt, muss der Hörer schon selber schlussfolgern.

Aber muss er das?

Hinterfragen wir einmal, was nicht in der Nachricht gesagt wurde!

Zunächst: Woher kam sie eigentlich? Die Erfahrung, dass das Jobcenter mitunter auch ungeeignete Bewerber schickt, macht wohl jedes Unternehmen – ohne, damit gleich an die Öffentlichkeit zu gehen oder der Arbeitsagentur die Zusammenarbeit aufzukündigen. Hier aber hat ein Unternehmer, der gleichzeitig an der Spitze eines Verbandes steht, offensichtlich dazu gleich eine Presseerklärung verfasst, und dabei, ganz nebenbei bemerkt, auch noch Arbeitsagentur (zuständig für die Vermittlung von Arbeitslosengeld-I-Empfängern, also in der Regel Kurzzeit-Arbetslosen) und Jobcenter (zuständig für die Vermittlungs von Arbeitslosengeld-II-Empfängern, also in der Regel Langzeit-Arbeitslosen) durcheinandergeworfen. Aber das macht ja nichts, wenn man im Verbands-Interesse Stimmung machen will.

Und nund die nächste Frage: Was waren das eigentlich für 100 Jobs, die doch nur ein „kleiner“ Unternehmer hier mal auf die Schnelle schaffen wollte. Und was gedachte unser rühriger Verbandsfunktionär seinen künftigen Mitarbeitern für ihre Arbeit eigentlich zu zahlen.

Nein, wir wollen ihm nichts unterstellen: Vielleicht hat er in seinem aktuellen Ärger nur vergessen, dass bei seinem Schritt in die Öffentlichkeit auch gleich kund zu tun, nämlich, dass er ganz normale Jobs ordentlich nach dem üblichen Tarifgehalt besetzen wollte.

Nur, hätte dann nicht jemand aus der Redaktion bei ihm anrufen müssen, um da mal etwas nachzufragen? Nein, für solche Nachfragen hat man in den Redaktionen nur noch wenig Zeit. Und welcher Redakteur ruft schon wegen einer Nachfrage irgendwo an, wenn aus der Marketing- oder Anzeigenabteilung de Pressemitteilung eines Werbekunden hineingereicht wird, mit der ganz bescheidenen Bitte, man möge die doch auch berücksichtigen.

Dann wird das wohl schon seine Richtigkeit so haben.

Ich bin nicht wirlich ein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aber Nachrichten wie diese und die Art, wie sie Verbreitung finden, machen ihn wohl doch unverzichtbar.