Charity oder: Die Heuchler am Werk


Lob der Wohltätigkeit: Da fließen bei einer Gala für Multimillionäre ein paar Tausend Euro an Obdachlose, arme Kinder oder andere Notleidende – und die edlen Spender dürfen sich der wohlmeindenden Berichterstattung sicher sein, sonnen sich im Gefühl, was für gute Menschen sie doch sind.

Ganz besonders großzügig war da doch der Vorstand der Firma X: Wie der da lächelnd vor der Kamera seinen Scheck überreicht, läuft groß auf allen Kanälen, ist in allen Zeitungen zu sehen. Das ist beste Image-Werbung! Das als Werbekampagne aufgezogen, wäre einiges teurer geworden.

Vergessen wir also nie die Grundlage jeder Wohltätigkeit: Wer keine Armen vor der Auffahrt zu seiner Villa sehen will, spendet für ein Armenhaus…

…und zwar von dem Geld, das er denen, die für ihn schuften müssen, vorenthalten hat.

Entschleunigter Genuss – Beschleunigter Verfall des Intellekts


Lust, mal etwas Neues etwa über andere Länder zu erfahren? Da muss man Zeitungen (gilt auch für Wochenblätter, Privat-Radio und Privat-TV erst recht) nicht immer und zwangsläufig meiden, macht aber nichts verkehrt, wenn man es sicherheitshalber dennoch tut.

Denn wo immer es um so genannte Freizeitthemen, um angeblichen Service geht, geht’s meist nicht um überprüfte Fakten, sondern dreht sich’s in der Regel einzig und allein darum, dem Leser, Hörer, Zuschauer irgendetwas aufzuschwatzen – ein Auto, eine Pauschalreise oder auch eine neue Versicherung…

Dass in Medien geworben, also Reklame gemacht wird, ist ja ganz normal und muss so sein: Für den korrekt erworbenen Reklame-Platz zahlen die Firmen einen ordentlichen Preis, die Zeitungen leben davon – und der Medienkonsument wird (meist noch) darauf hingewiesen, dass er es hier mit Werbung/Reklame zu tun hat, er also objektive Informationen nicht erwarten darf.

Nur: So überschaubar läuft das Spiel schon lange nicht mehr. Da gibt es in den Zeitungen zum Beispiel die „Verlagsbeilagen“. Dass bei denen auch die scheinbar nicht zur Reklame gehörenden Texte „gekauft“ sind, zumindest dem Reklametreibenden ein „freundliches Umfeld“, garantiert aber nichts Kritisches liefern, kann sich der kritischere Medienkonsument vermutlich schon denken…

Allerdings: So wie in den „Verlagsbeilagen“ läuft es inzwischen weitestgehend auch auf anderen Seiten, die sich als „redaktionell“ ausgeben. Haben da die Autoren etwa wirklich all die Computerprogramme, die Autos getestet, die sie so fleißig loben? Darauf verlässt sich der Leser besser nicht.

Wahrscheinlicher: Die „Test-Berichte“ wurden angeliefert, und sollen die Redaktion am besten gar nichts kosten. Doch da der Test auch von etwas leben muss, hat ihn wohl irgendwer bezahlt. Wer da den Getesteten als Finanzier vermutet, dürfte ziemlich richtig liegen.

Aber immerhin: Die „Tester“, sagen wir besser die PR-Autoren oder auch Reklame-Schreiber, machen es dem aufmerksamen Leser verhältnismäßig leicht: An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen.

Wie beschreibt der Reklame-Schreiber die Insel, die zum Ziel eines Pauschalurlaubes werden soll – und auf der nach der letzten Sturmflut die Hotelplätze verramscht werden? Richtig: Das ist ein Insel-Paradies, am besten noch eines, in dem alle Robinson- und Natur-Träume wahr werden…

Und was soll der Gast dort treiben? Die Seele baumeln lassen! Und, wenn’s geht, das Ganze im entschleunigten Genuss – eine der jüngsten Entwicklungen auf dem Markt der Reklame-Dumm-Sprech-Floskeln.

Und so muss man der PR- oder auch Reklame-Schreibern geradezu noch dankbar sein: Denn so, wie es bei Arbeitszeugnissen den Geheimcode der Chefs gibt, den jeder etwas clevere Arbeitnehmer problemlos knacken kann, so gibt es in der Reklamesprache, entwickelt nicht im entschleunigten Genuss sondern im beschleunigten Verfall des Intellekts, eben auch erkennbare Codes, die untrüglichen Zeichen, dass wir es hier eben nicht mit Fakten, sondern nur mit Reklame, und dazu noch dummer, zu tun haben.

Also, Leser: Wenn in irgendeinem Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel in irgendwelchen traumhaften Paradiesen entschleunigt genießende Seelen baumeln, schanpp‘ Dir ein ordentliches Buch.