Diskriminierung: Ich werde (beim Fliegen) nicht diskriminiert!


Selektion und Privilegien-Vergabe: Unter dem Deckmantel der Terrorismus-Bekämpfung wollen die Flughafen-Gesellschaften und die Airlines das Drei-Klassen-Flugrecht einführen, erst einmal jedenfalls bei den Sicherheitskontrollen.

Die erste, also Luxus-Klasse: Das sind die bekannten Viel-Flieger, die Lieblings-Gäste der Fluggesellschaften, also die, die man dann so gut wie unkontrolliert an Bord lässt.

Die dritte Klasse sind die als gefährlich angesehenen Passagiere, die potenziellen Terroristen. Und da bei denen ja kein „T“ in den Pass gestempelt ist, erkennt man sie an ganz objektiven Kriterien. Das oberste Kriterium: Sie gehören, anders als vielleicht der internationale Waffenhändler mit dem Miles-und-More-Bonus, nicht zur ersten Klasse.

Andere Merkmale für die Zugehörigkeit zur dritten Klasse: Herkunft und Geschlecht, dazu womöglich noch die Religion und in jedem Fall das Alter.

Denn: Der Orientale (oder: der Bürger eines EU-Landes mit entsprechendem Migrationshintergrund, Vor- oder Nachnamen) ist gefährlicher als der geborene West., Mittel- oder Nord-Europäer. Wobei: Diese Regel gilt wg. ETA und IRA nicht unbedingt für Passagiere mit baskischen oder irischen Namen bei Flügen nach Großbritannien oder Spanien.

In jedem Fall ist aber klar: Männer sind gefährlicher als Frauen. Wobei: Diese Regel gilt wg. „Schwarzer Witwen“ nicht unbedingt für dunkel gekleidete Frauen mit kaukasischer Herkunft bei Flügen nach Moskau.

Also, was sollen wir drum herum reden: Wir reden hier von Islam-Terroristen. Und damit ist der Moslem generell gefährlicher als der Angehörige eines anderen Glaubens. Wobei: Diese Regel gilt wg. IRA und Tamil Tigers wie schon gehabt nicht für irische Katholiken auf dem Weg nach Großbritannien und auch nicht für Hindus auf Sri-Lanka-Flug.

Und angesichts der vielen Sonderfälle kommen wir nun zum wesentlichen Merkmal: Dem Alter. Denn getreu der Shaw-Erkennntis, dass, wer mit 20 kein Kommunist ist, kein Herz habe, aber derjenige, der mit 30 immer noch einer sei, keinen Verstand, gilt da wohl die Regel: Terrorismus wächst sich irgendwann aus.

Und damit haben wir als Gruppe aller Hauptverdächtigen: Per se irgendwie alle, aber vor allem Männer zwischen 20 und 35 (ausgenommen Angehörige der ersten Klasse), und ganz besonders, wenn sie Achmed oder Ali heißen, oder aussehen, als könnten sie so heißen.

Dann bleibt natürlich noch Rest, die ganz normalen Normalos, die Angehörigen der zweiten, der Mittel-Klasse: Die dürfen sich dann wahrscheinlich wie bisher durchleuchten und abtasten lassen,, Schuhe aus, Gürtel auf, voll Neid zusehen, wie Herr Peter S., Traktoren, Kugellager und manchmal Panzer en gros, lässig und unkontrolliert von der VIP-Lounge in den Flieger steigt. Vielleicht kann der Normalo sich darüber auch empören, sich dazu mit Ali M., 23, Austausch-Student aus Deutschland auf dem Weg zu seiner neuen Uni, solidarisch erklären, weil der zur mehrstündigen Sonderdurchsuchung und Befragung aus der Schlange der Wartenden herausgefischt wird – aber auch das wird den Normalo nicht von seiner zweiten Klasse in die Gruppe der Privilegierten oder Selektierten bringen.

Um von Terroristen angeworben zu werden, bin ich erkennbar ein zu alter Knacker – und schon mein Äußeres beweist, dass ich in keinem Terrorcamp zur Fitness-Woche war. Dabei bin ich nicht wesentlich älter als Osama bin Laden, sogar um einiges jünger als die meisten Hamas-Terroristen-Prediger. Dennoch: Ich bin so peinlich harmlos-unverdächtig, dass sich bei einer meiner letzten Reisen nicht einmal die israelischen Sicherheitskräfte für die arabischen Stempel in meinem Pass interessieren wollten.

Was für eine Schmach, was für eine Demütigung!

Dabei war das auch mal anders. In den 70-er Jahren, in der Zeit der RAF, da passte auch ich vom Alter her noch in das terroristische Täter-Profil, durfte bei jeder Grenzkontrolle, bei jeder Verkehrskontrolle der besonderen staatlichen Aufmerksamkeit sicher sein. Das brachte die Terroristen-Fahndung zwar nicht wirklich weiter, gab mir aber – mit erhobenen Händen vor den Beamten mit gezückten Waffen – ein Gefühl besonderer Wichtigkeit.

Darum meine Forderung: Keine Diskriminierung, gleiches Recht auf strengste Kontrollen für alle – Passagiere aus der ersten Klasse inbegriffen.

Antikes aus der Sicht der Moderne oder: Schwierigkeiten eines historischen Romans


Zum Buch

Einen packenderen, fesselnderen und schlüssiger erzählten historischen Roman als „Die Schule der Gladiatoren“ von Wolfram zu Mondfeld und Barbara zu Werheim muss man wohl lange suchen.

Da wird auf über 800 Seiten dem Leser bewiesen: Keine Geschichte ist spannender als die reale Geschichte. Dennoch: Gerade das zeigt auch, wie schwer, vielleicht sogar unmöglich es uns ist, diese Geschichte aus der Sicht ihrer jeweiligen Zeitgenossen zu verstehen. Was der Leser wohl auch viel eher will: Römische Cäsaren, Gladiatoren oder auch Ritter, die sich wie Menschen des 21. Jahrhunderts durch eine vergangene Epoche bewegen.

Die Geschichte: Ein „Barbaren-Junge“ wird als Sklave an eine Gladiatoren-Schule verkauft, bewährt sich in der Arena, steigt, wegen einer Verletzung gelähmt und nun selbst kampfunfähig, an die Spitze der Gladiatorenschule auf, verkehrt mit Kaisern und Senatoren.

Um den Fluss ihrer eigenen Erzählung in Schwung zu halten ein beliebter Trick vieler Autoren historischer Romane: Historische Ereignisse werden einige Jahre vor- oder zurück verlegt, tatsächliche Personen der Geschichte tauchen an Orten auf, an denen sie nie waren. Mondfeld und Wertheim kommen ohne diese Tricks aus – und lassen ihre Romanhelden trotzdem mit den Cäsaren Nero, Titus, Vespasasian, ja, sogar mit dem Aposten Paulus zusammen treffen. Doch da liegt auch die Schwäche des Romans: Es ist „zu Viel des Guten“, zu schön, um wahr zu sein.

Die überall auftauchenden Christen, vertreten in allen Gesellschaftsschichten, hier vor allem im direkten Umfeld der Gladiatoren-Schule dürften einer historischen Prüfung dann allerdings kaum noch Stand halten: Im realen Rom des ersten Jahrhunderts war, so sagt zumindestens die Forschung, war das frühe Christentum eine kaum wahrnehmbare Randerscheinung.

Und dann die Helden, die Gladiatoren selbst: Gebildete Profi-Sportler, die sich zwar der Risiken ihres Berufs bewusst sind, aber weniger an den Tod in der Arena denken als philosophische Debatten zu führen oder sich als Kunstsammler betätigen – also eher als Henry Maskes in Gladiatorenrüstung denn als reale historische Figuren erscheinen.

Aber vielleicht ist das ja genau das, was ein Leser vom historischen Roman will: Keine reale Geschichte, sondern sehen, wie wir uns mit unserem heutigen Bewusstsein unter anderen historischen Umständen vielleicht verhalten hätten. Und vieleicht kann ein historischer Roman, der packend und mitreißend sein soll, auch gar nichts anderes leisten. Der einzige Haken an der Sache ist, dass sich kein damaliger Zeitgenosse hätte so verhalten können.

Aus ihrer eigenen Zeit auszubrechen ist wohl für Autoren, Leser und selbst Romanfiguren schlicht unmöglich.