Antikes aus der Sicht der Moderne oder: Schwierigkeiten eines historischen Romans


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Einen packenderen, fesselnderen und schlüssiger erzählten historischen Roman als „Die Schule der Gladiatoren“ von Wolfram zu Mondfeld und Barbara zu Werheim muss man wohl lange suchen.

Da wird auf über 800 Seiten dem Leser bewiesen: Keine Geschichte ist spannender als die reale Geschichte. Dennoch: Gerade das zeigt auch, wie schwer, vielleicht sogar unmöglich es uns ist, diese Geschichte aus der Sicht ihrer jeweiligen Zeitgenossen zu verstehen. Was der Leser wohl auch viel eher will: Römische Cäsaren, Gladiatoren oder auch Ritter, die sich wie Menschen des 21. Jahrhunderts durch eine vergangene Epoche bewegen.

Die Geschichte: Ein „Barbaren-Junge“ wird als Sklave an eine Gladiatoren-Schule verkauft, bewährt sich in der Arena, steigt, wegen einer Verletzung gelähmt und nun selbst kampfunfähig, an die Spitze der Gladiatorenschule auf, verkehrt mit Kaisern und Senatoren.

Um den Fluss ihrer eigenen Erzählung in Schwung zu halten ein beliebter Trick vieler Autoren historischer Romane: Historische Ereignisse werden einige Jahre vor- oder zurück verlegt, tatsächliche Personen der Geschichte tauchen an Orten auf, an denen sie nie waren. Mondfeld und Wertheim kommen ohne diese Tricks aus – und lassen ihre Romanhelden trotzdem mit den Cäsaren Nero, Titus, Vespasasian, ja, sogar mit dem Aposten Paulus zusammen treffen. Doch da liegt auch die Schwäche des Romans: Es ist „zu Viel des Guten“, zu schön, um wahr zu sein.

Die überall auftauchenden Christen, vertreten in allen Gesellschaftsschichten, hier vor allem im direkten Umfeld der Gladiatoren-Schule dürften einer historischen Prüfung dann allerdings kaum noch Stand halten: Im realen Rom des ersten Jahrhunderts war, so sagt zumindestens die Forschung, war das frühe Christentum eine kaum wahrnehmbare Randerscheinung.

Und dann die Helden, die Gladiatoren selbst: Gebildete Profi-Sportler, die sich zwar der Risiken ihres Berufs bewusst sind, aber weniger an den Tod in der Arena denken als philosophische Debatten zu führen oder sich als Kunstsammler betätigen – also eher als Henry Maskes in Gladiatorenrüstung denn als reale historische Figuren erscheinen.

Aber vielleicht ist das ja genau das, was ein Leser vom historischen Roman will: Keine reale Geschichte, sondern sehen, wie wir uns mit unserem heutigen Bewusstsein unter anderen historischen Umständen vielleicht verhalten hätten. Und vieleicht kann ein historischer Roman, der packend und mitreißend sein soll, auch gar nichts anderes leisten. Der einzige Haken an der Sache ist, dass sich kein damaliger Zeitgenosse hätte so verhalten können.

Aus ihrer eigenen Zeit auszubrechen ist wohl für Autoren, Leser und selbst Romanfiguren schlicht unmöglich.