Der Reaktoren der Frau Merkel oder: Die Ehrenrettung Bertolt Brechts. Ein Lehrstück


Großes Drama im wahren Leben! Nur: Hätte jemand wie Bertolt Brecht, ein stadtbekannter Kommunist, sich eine Story wie den Japan-GAU und seine Folgen so als Lehrstück für die Bühne ausgedacht, mit eben den Charaktermasken, wie wir sie jetzt erleben – die Kritik hätte ihn einhellig der plakativen Übertreibung, der plumpen Propaganda gescholten, unfähig, ein echtes Drama mit echten Charakteren zu entwickeln.

Also zerlegen wir den Lauf der Ereignisse in die einzelnen Akte, ganz so, als wollten wir sie inszenieren:

Der Prolog: Noch niemand weiß genau, was in Japan eigentlich genau passiert ist, nur, dass Erdbeben und Tsnuami einige Tausend Menschenleben forderten, da melden sich in Deutschland (und sicherlich auch andernorts) die ersten besorgten Stimmen, nämlich die Stimmen der Kernkraft-Fans zu Wort. Die fürchten nämlich: Sollte es in Japan zu einem Reaktorunfall kommen, würde es künftig sehr schwer, neue Kernkraftwerke zu bauen. Und das müsse doch die Energiepreise nach oben jagen… (Wer das nicht glaubt: Nachzulesen auf der Webseite „Achse des Guten“, www.achgut.com, eine Propaganda-Seite, die ich hier nicht wirklich verlinken möchte).

Erster Akt: Auftritt Japanischer Krisenstab, in Deutschland Kanzlerin Merkel – man hat die Lage, im Großen und Ganzen, rund um den Reaktor unter Kontrolle, und in Deutschland, wo Tsunamis eher selten sind, sind die Kernkraftwerke auch viel sicherer, worüber man nun aber doch gern noch einmal drei Monate lang sinnieren möchte. Und wenn als Ergebnis dieses Denkens die Reaktoren doch nicht mehr so sicher scheinen, lässt man sich eben halt was neues einfallen. Das Volk, der Chor, bleibt skeptisch.

Zweiter Akt: Abtritt Japanischer Krisenstab, Auftritt AKW-Befürworter in Deutschland (und anderswo) – nun hat es, aber sicher nur vorübergehend, im Unglücksreaktor wohl doch eine Kernschmelze gegeben, stellt der Japanische Krisenstab fest, bevor seine Mitglieder die Overalls ausziehen und wieder im dunklen Anzug zur Tagesordnung übergehen. Naja, was sollen sie denn auch tun? Achso, einige der Arbeiter im Kraftwerk sind leider verstrahlt, aber daran selber Schuld. Hätten eben besser aufpassen müssen. Der Herr des Kraftwerks, der Vorstandsvorsitzende der Betreibergsellschaft, begibt sich wegen Überarbeitung erst einmal ins Sanatorium. Und in Deutschland, wo die Energie-Bosse wegen der Drei-Monats-Pause beim Geldscheffeln grummeln, stimmt der Wirtschaftsminister die Herren milde: Das mit der Abschaltung ist doch halb so schlimm, nur vorübergehend wegen der Wahlen, man hat ja alles unter Kontrolle…

Dritter Akt: Abtritt Merkel, Auftritt Kernenergie-Profiteure – das Volk bleibt dem vermeintlichen Sinneswandel gegenüber skeptisch, die Wahlen enden trotz Denkpause und vorübergehend sillgelegter AKW für Merkel und Co. erst einmal verloren, die Regierung verfällt in tiefe Depression. Da stellen die Kernkraft-Profiteure fest: Dieses Schmierentheater kostet unsere Konzerne Geld, Geld, das uns die Regierung doch vor einigen Monaten erst noch garantiert hat. Da will man von den einstigen Freunden Schadensersatz, setzt solche Forderung dann auch mit Bravour wohl durch…

Erwarteter Epilog: Der Unglücksreaktor ist von Beton umhüllt, die verstrahlten Opfer sterben still – denn die im Dunkeln sieht man nämlich nicht. Die alte Regierung mit einigen neuen Gesichtern hat nun gründlich nachgedacht, sich mit den Bossen der Konzerne wieder ausgesöhnt, die Reaktoren, abgesehen von einem oder zweien vielleicht, sind wieder allesamt am Netz. Denn nun ist alles wieder unter Kontrolle…

Fazit, im Brechtschen Sinn vielleicht vorzutragen durch den Chor: Gefährlich mag die Kernkraft sein, gefährlicher für die demokratische Gesellschaft aber noch sind ihre Profiteure. Wer also nicht über die Stilllegung der Energie-Konzerne reden will, soll auch über die Reaktoren schweigen.