Lese-Empfehlung für die erste Hälfte: Ildefonso Falcones – Die Pfeiler des Glaubens


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Es macht schon Spaß, ein Buch von Ildefonso Falcones zu lesen, und einen Autor historischer Romane, der kenntnisreicher schreibt, findet man momentan nur schwerlich. Und dazu lenkt Falcones sein Augenmerk auf Momente der Geschichte, die andere kaum im Blickwinkel haben – so auch bei seinem Roman „Die Pfeiler des Glaubens“.

Der verdrängte, der vergessene Teil der spanischen Geschichte: Mit der „Rückeroberung“ durch die „Katholischen Majestäten“ ist Spanien nämlich noch lange nicht christlich durch und durch, noch ist die Bevölkerung weitgehend arabisch-islamisch. Und dieser arabische Bevölkerungsteil wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterdrückt, darf nicht in seiner Sprache sprechen, alle Araber müssen einen christlichen Namen annehmen – und die (wenigen) Rechte, die die christlichen Spanier, die „Alt-Christen“ immerhin haben, werden ihnen verweigert. Und dagegen kommt es dann gegen Ende des 16. Jahrhunderts, rund hundert Jahre nach dem Sieg der katholisch-spanischen Könige, zum Aufstand der so genannten „Morisken“, wie diese noch in Spanien lebenden Nachfahren der Araber genannt werden.

In der ersten Hälfte der „Pfeiler des Glaubens“ liefert Falcones eine packende Geschichte dieses verzweifelten Aufstandes, eine glaubwürdige Geschichte seines Helden, eines jungen Maultiertreibers, von den anderen Morisken verachtet, weil seine Mutter von einem katholischen Prieser vergewaltigt wurde, er als Christ gilt, von den Alt-Christen ebenso verachtet, weil er für die ein Moriske ist, er so nun immer wieder zwischen die Fronten gerät, eigentlich kaum mehr als ums eigene Überleben kämpft, dabei aber in eine Schlüsselstellung für Erfolg und Misserfolg des Aufstandes gerät.

Positiv bei dieser ersten Häfte: Da kämpfen bei Falcones auch nicht „arme Unterdrückte“ gegen ihre böse Herrschaft, da sind die Motive der Unterdrückten auch nicht immer so sauber, würden sie sich eben gern nur selbst an die Stelle der Herrschenden setzen – ein Kampf um Macht, aber blutig und erbarmungslos geführt auf beiden Seiten in fanatischem Glauben (der abver nie soweit geht, dass nicht Moslems auch Moslems verraten oder christliche Herrscher anerer Länder sich mit den spanischen Moslems verbünden, um die spanische Krone zu schwächen), ein Kampf nich zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen verschiedenen Formen des Fanatismus.

In dieser ersten Hälfte jedenfalls verschlingt man Falcones Buch Seite für Seite, ärgert sich der Fan historischer Romane über jede Unterbrechung, die man beim Lesen manchmal einlegen muss.

Doch dann, nach der Niederschlagung des Aufstandes, nach dem Gang der Helden in die Verbannung….

…dann wird daraus die zähflüssige Geschichte eines Mannes, der – immer noch zwischen den Fronten – nach einem Weg zwischen Christen und Moslems sucht, der sich in Bücher verkriecht, quasi ein Misch-Religion erfindet, teilweise damit sogar Erfolg hat, am Ende aber dennoch scheitert. Falcones verweist zwar darauf, dass seine Bezüge zu gefälschten Evangelien-Texten übrigens historisch genau so real sind wie der Aufstand der Morisken, nur geht es hier eben nun nur noch um eine Geschichte der Kopfgeburten, die nicht wirklich packen können, die auch durch den realen historischen Bezug nicht spannender werden.

Schade darum, denn mit halb so vielen Seiten (immerhin 928) wäre dieser Roman doppelt so gut gewesen.

Lese-Tipp für historische Querdenker: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei


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Die Sklaverei ist abgeschafft, zumindst in ihrer klassischen Form weltweit Geschichte? Sklaverei gab es in der Antike, in der Neuzeit dann noch in Amerika, als Produkt des europäischen Kolonialismus? Die Völker Afrikas waren das Opfer der Sklaverei? So in etwa sehen sie aus, die gängigen Geschichtsbilder in (europäischen) Köpfen. Wenn man sein eigenes Geschichtsbild da auch mal infrage stellen will, sollte man zu diesem Büchlein eines Alt-Historikers greifen: Egon Flaig – Weltgeschichte der Sklaverei.

Die Geschichte des europäischen Kolonialismus und des Imperialismus ist sicher alles andereals ein Ruhmesblatt des „Abendlandes“, und es steht den Europäern gut an, sich dafür zu schämen! Das bestreitet Flaig auch nicht. Nur: Diese Geschichte muss nicht allein den Europäern peinlich sein.

Zunächst einmal räumt Flaig als Alt-Historiker mit dem wohl am weitesten verbreiteten Vorurteil auf, nämlich, dass Rassismus und Sklaverei zusammen gehören. Eigentlich auf der Hand: Die Sklaverei im antiken Rom war rein merkantil, hatte mit der ethnischen Herkunft eines Sklaven nichts zu tun. Sklave wurde, wer in einem Krieg gefangen genommen wurde, wer seine Schulden nicht bezahlte. Das konnte auch den Spross einer alteingesessenen Patrizierfamilie treffen. Und der mögliche Freikauf eines Sklaven war auch nur eine Frage des Geldes, nicht seiner Hautfarbe…

Doch dieser Teil der Sklaverei ist nun tatsächlich „Geschichte“, ein anderer spielt in der aktuellen politischen Debatte noch immer eine Rolle, etwa, wenn es um Entschädigungsforderungen für erlittenes Unrecht geht, Europa und die USA für aktuelle afrikanische Miseren (an denen sie wahrhaftig auch nicht unschuldig sind) in Haftung genommen werden sollen.

Und da lautet das Vorurteil: Europäische Sklavenhändler haben den afrikanischen Kontinent ausbluten lassen, seine Entwicklung abgeschnitten. Dass europäische Sklavenhändler an diesem Verbrechen beteiligt waren, steht auch für Flaig ganz außer Frage – nur waren sie eher Randfiguren, wie der Historiker empirisch zeigt.

Denn, so belegen es die Zahlen, der Sklavenstrom von Afrika in die europäischen Kolonien machte nur einen Bruchteil des gesamten Sklavenhandels aus. Europäische Sklavenhändler (fast ausschließlich Portugiesen, in Europa selbst meist gesellschaftlich geächtet, Leute, mit denen man nichts zu tun haben wollte) hatten ihre Handelsstationen an der afrikanischen Westküste, kauften ihre „Ware“ von afrikanischen und arabischen Sklavenjägern. Und der weitaus größere Teil dieser lebenden Ware ging nicht nach Amerika – sondern in die islamisch-arabischen Länder und nach Asien. Die wirklich großen Handeslstützpunkte waren an Ostküste, etwa Sansibar, fest in arabischer Hand.

Womit Flaig dann aber wirklich verblüfft, ist seine – einleuchtende – Sicht auf den heute so gefeierten „antikolonialen Kampf der von Europa unterworfenen Völker“: Denn die erste Maßnahme, die zumindestens die Briten in ihren Kolonien und kontrollierten Gebieten durchsetzten, war das Verbot der Sklaverei (zugestanden: um sie durch andere Formen der Zwangsarbeit zu ersetzen, aber der private Handel mit Menschen war erst einmal untersagt). Und die ersten Aufstände gegen die Kolonialherren richteten sich genau gegen diese Abschaffung der Sklaverei.

Dazu allen Anti-Amerikanern ins Strammbuch geschrieben: Der amerikanische Bürgerkrieg, den die USA gegen den abtrünnigen Süden führten, hatte zwar sicher noch eine Reihe weiterer Aspekte – aber er war und ist bis heute der einzige Krieg, der jemals mit dem erklärten Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt wurde.

Und heute? Da gesteht Flaig zu, dass es auch in den westlichen Gesellschaften Menschenhandel (insebsondere bei der Zwangsprostiton) gibt – was aber mit der klassischen Sklaverei nichts zu tun hat. Denn die „Gehandeltelten“ könnten sich, zumindest theoretisch, jederzeit an Staat und Gesellschaft wenden, wären dann frei. In manchen Ländern Westafrikas und der Sahel-Zone gilt das so aber immer noch nicht. Auch wenn dort die Sklaverei formell zwar ebenfalls abgeschafft ist, wird sie vielerorts eben staatlich und gesellschaftlich zumindestens geduldet, bringt der Polizist den „entlaufenen Sklaven“ dem Herren zurück.

Und so spricht Flaig Europa (und Amerika) zwar nicht frei für seine historischen Verfehlungen, aber zeigt doch eines auf: es waren allein die vielgescholtenen „westlichen Werte“, die die Sklaverei eindämmten, Werte. die man deshalb auch verteidigen sollte.

Keine Angst vor dem Trivialen: Bernard Cornwell – Arthurs letzter Schwur


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Ob ein Erfolgsautor wie Bernard Cornwell auch ein guter Schriftsteller ist, der tiefgründig die psychologische Entwicklung seiner Protagonisten entschlüsselt, ihre Entwicklungslinien darlegt, das sei einmal dahin gestellt. Cornwell erzählt ohne alle Schnörkel spoannende Geschichten, schreibt gute historische Romane – und mehr will man nicht von ihm als Leser nicht. Wenn das trivial sein sollte, dann keine Angst vor dem Trivialen.

Und gerade weil die Geschichte so trivial, so banal ist, ist sie als historischer Roman wohl auch so realistisch: „Arthurs letzter Schwur„, der letzte Teil der Artus-Chroniken.

Die ganz einfache Geschichte: Kelten- und Sachsen-Kleinkönige kämpfen gegen- und untereinander um die Vorherrschaft über Britannien, christliche Priester und heidnische Druiden mischen auf beiden Seiten mit.

Und da setzen sich die christlichen Priester durch, muss sich selbst Arthur ihnen unterordnen: Und sie setzen sich durch, nicht weil sie glaubensfester, „fortschrittlicher“ oder ihren Kontrahenten kulturell überlegen wären, sondern schlicht, weil sie bei der Wahl ihrer Mittel etwas flexibler, skrupelloser, intriganter sind, eher ein Gespür entwickeln, wo die stärkeren Bataillone gerade marschieren.

Und das giibt der Cornwellschen Erzählung eben den Schuss an wahrscheinlichem Realismus, macht seine Geschichte so packend. Geschichte ist nun mal trivial und banal…