Zum Teufel mit der RAF-Debatte


Zum Buch

Ein Buch, das immerhin rund 700 Seiten zählt, sollte von einem wichtigen Thema handeln. Und ein „Sachbuch“, das sogar verfilmt wird, muss sogar von einem extrem wichtigen Thema handeln. Den Film habe ich nicht gesehen, aber – mit Verspätung von etlichen Jahren – nun das Buch gelesen: Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex.

Ich habe dieses Buch zügig gelesen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit: Denn das ist bester Journalismus, Fakten ohne Schnörkel aufbereitet, so präzise wie irgendmöglich, ohne Pathos in der einen oder anderen Richtung, ohne moralinsaure Wertungen, nur dem Recherche-Ergebnis verpflichtet. So weit, so gut – nur macht das auch das Thema wichtig? Wie wichtig war die RAF, die Baader-Meinhof-Gruppe, die Baader-Meinhof-Bande, wie sie je nach politischem Standpunkt genannt wurde, denn wirklich?

Meine ganz persönliche Erinnerung an die RAF und den „Deutschen Herbst“: Von der Entführung Hans-Martin Schleyers hörte ich in Kabul, damals eines der Ziele der internationalen Traveller-Bewegung, der Globetrotter, der Aussteiger. Und die deutschen Traveller, die damals im „Friends“ und den anderen einschlägigen Kabuler Hotels zusammen saßen, nahmen die Nachricht von der Entführung hell begeistert auf. Nur der Freund, mit dem ich damals unterwegs war und ich selber, wir waren über die Geschichte nicht so glücklich.

Das war eben in weiten Kreisen der westdeutschen Nachkriegs-Geborenen die Stimmung: Man verabscheute das System, in dem man aufgewachsen war und seine Repräsentanten. Und für diesen Abscheu hatte man auch durchaus Gründe: Ein großer Teil der Lehrer, die uns in der Schule erzählten, der „Westen“ stünde für die Freiheit, hatten 15 oder 20 Jahre zuvor ihre Schüler darauf gedrillt, für Führer, Volk und Vaterland zu sterben und zu töten. Und zu dem „freien Westen“, zu dessen Stärkung wir erzogen werden sollten, zählten eben faschistische Folterregime wie das Franco-Regime in Spanien, da putschten faschistische Generäle mit Unterstützung der Nato in Griechenland, da wurde ein Massenmörder wie der Schah von Persien beim Staatsempfang von der bundesdeutschen Regierung hofiert, da wurde jeder Protest dagegen blutig niedergeküppelt und niedergeschossen.

Diese simple Zustandsbeschreibung bundesdeutscher Realität vor 1970 sollte übrigens in keiner 68’er-, RAF- oder anderen zeitgeschichtlichen Diskussion fehlen.

Kurz: Wir hatten begriffen, dass wir belogen worden waren – und gerade diejenigen, die von der Freiheit etwas hielten, verabscheuten das „System“ nun besonders. Und was immer die Vertreter dieses Systems nun noch erzählten: Wir glaubten Ihnen nicht, auch nicht, wenn es mal die Wahrheit war.

Nur: Die wenigsten, die damals als „Aussteiger“ irgendwo in der Welt unterwegs waren, zogen daraus irgendwelche politischen Konsequenzen. Man begnügte sich mit dem Beifall für diejenigen, von denen man glaubte, dass sie es den Vertretern des Systems mal richtig gezeigt hatten. Wobei ich übrigens der festen Überzeugung bin: Die meisten dieser früheren Aussteiger, wie wir sie damals in Kabul trafen, sind heute brave, biedere Bürger – deren politische Protesthaltung sich darin äußert, alle vier Jahre nicht die CDU zu wählen.

Auch mein Reisebgleiter und ich hegten damals für den entführten Schleyer weder Sympathien oder Mitleid. Offen gestanden: Der war uns völlig egal. Nur: Wir waren eben keine „Aussteiger“ aus dem System, hatten uns nur eine Auszeit von der „Revolution“ gegönnt. Wir waren schließlich organisiert im Rahmen dessen, was sich selbst als „revolutionäre Linke“ definierte, maoistisch ausgerichtet, in dem (irrigen) Glauben, eines Tages die proletarischen Massen siegreich zur Revolution zu führen. Doch dazu musste man die erst mal agitieren – und aus den Agitationsversuchen wussten wir, dass die „Massen“ von Terroristen nun mal gar nichts hielten, die Wut, die sie auf die empfanden, ganz gerne auch auf uns übertrugen. Die RAF passte deshalb schlicht und ergreifend nicht in unser Konzept.

Doch irgend etwas muss ja dran gewesen sein an der RAF. Inzwischen gibt es schließlich beinahe mehr Schauspieler, die in irgendeinem Film über 68 und die Folgen einen Terroristen gespielt haben als die RAF je aktive Mitglieder gehabt hat. Und im Vergleich dazu gibt es über die zahlenmäßig viel bedeutenderen „K-Gruppen“ oder auch die „Basisgruppen“, die „Undogmatischen“ und andere Strömungen der Nach-68-Phase nicht einmal eine nennenswerte Zahl ernst zunehmender Sachbücher (von den damaligen Verfassungsschutzberichten abgesehen). Hatte die RAF also nicht doch irgendwelchen Einfluss?

Diesen tatsächlichen Einfluss hätten wir damals aber wohl geleugnet: Denn wer gibt schon gerne zu, ein Gefangener zu sein? Die Angehörigen der „Linken“ waren „Gefangene der RAF“, und sind es in vielen Diskussionen heute noch. Denn auch, wenn beispielsweise innerhalb der K-Gruppe, in der ich mich damals tummelte, die meisten Mitglieder und Sympathisanten die RAF zum Teufel wünschten, hätten wir als Organisation das nie so gesagt. Wir wären innerhalb dieser „Linken“ nämlich sofort als Verräter abgestempelt gewesen. Kurz: Die RAF zwang uns zu einem Opportunismus der besonderen Art. Wir hatten mit den Lügen des Systems gebrochen, waren nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ anderen Lügen, die wir nun selbst verbreiteten, aufgesessen – und hielten in Punkto RAF aus „taktischen Gründen“ die Klappe.

Joschka Fischer war – wenn er in seiner Biographie tatsächlich schreibt, wie es war – schon um einiges weiter: Der hat, nach eigenem Bekunden, im heißen Wohngemeinschafts-Streit um die von deutschen und palästinensischen Terroristen entführte Air-France-Maschine, deren Passagiere dann von einem israelischen Kommando in Entebbe glücklich befreit wurden, sich auf die Seite des israelischen Kommandos gestellt, eben klipp und klar gesagt: Wenn Deutsche irgendwo daran beteiligt sind, dass jüdische Geiseln zur „Sonderbehandlung“ selektiert werden – dann ist es völlig in Ordnung, dass diese Deutschen von einem israelischen Kommando über den Haufen geschossen werden.

Für die Linke insgesamt wäre es jedenfalls deutlich besser gewesen, hätte sich diese Haltung schon damals als ihr Allgemeingut durchgesetzt. Denn da stellt sich schon die Frage: Was war an der RAF denn eigentlich „links“? Vielleicht, dass Horst Mahler seinen Antisemitismus damals als Anti-Zionismus ausgab, wie es ja auch heute noch manche vermeintlich Linken tun? Nein, Horst Mahler, einer der Köpfe der RAF, hat sich mit seinem Weg zu den NPD-Nazis nicht gewandelt – ein Judenhasser ist sich konsequent treu geblieben.

Das jedenfalls wird ziemlich klar, wenn man im Buch von Aust die Abschnitte über die Kooperation zwischen RAF und ihren palästinensischen Bündnispartnern liest. Da geht es nicht um irgendwelche Befreiungen, da geht es schlicht darum, im Nahen Osten keine Juden zu wollen. Ja, die Linke war in der Geiselhaft erpresster Solidarität mit einer Truppe, die sich als „links“ bezeichnete, aber längst in die Fußstapfen der Nationalsozialisten getreten war. Und auch, wenn wir dagegen aufgestanden waren: Die Erziehung durch Nazi-Lehrer wirkte auch bei etliche von uns noch nach…

Liest man in Austs Buch schließlich über das Gebaren eines Andreas Baader, selbst seine Genossinnen als Fotzen zu bezeichnen, kann man nur noch feststellen: Mit solchen Sprüchen hätte er Stammheim wahrleichlich überleben können – aber keine studentische linke „Vollversammlung“ an welcher Uni auch immer.

Doch das ist eben das Problem mit dem Buch von Stefan Aust: Es erweckt – zumindest wohl bei unbefangenen Lesern – den Anschein, als sei die Auseinandersetzung der Jahre nach 1968 die Auseinandersetzung zwischen RAF und „Staat“ gewesen. Und das ist eben auch der Stoff für einen spannenden Action-Thriller.

Und so wirkt die RAF bis heute nach, nimmt andere Alt- und Spät-68’er, deren Geschichten eben nicht so „spannend“ waren, noch immer in Geiselhaft. Diskutiert wird wieder über die RAF und ihre Motive. Die eigentlich viel relevantere Frage, warum sich zig Tausende andere damals in vermeintlich revolutionären Organisationen zusammenfanden und vor allem, wie sie da wieder herausfanden, sich in den Folgejahren zu in der Regel kritischen, aber eben doch Stützen der Gesellschaft (um nicht zu sagen: des Systems) entwickelten, sich dabei meist auch heute noch als links betrachten – die ist kein Stoff für Dramen.

So, wie man damals eigentlich hätte klar sagen müssen „Zum Teufel mit der RAF“, so müsste man heute also endlich sagen: Zum Teufel mit der RAF-Debatte.

1 Response

  1. Numismatiker sollten sich nicht mit Problemen der Politik auseinander setzen.

    „Auch mein Reisebgleiter und ich hegten damals für den entführten Schleyer weder Sympathien oder Mitleid. Offen gestanden: Der war uns völlig egal.“

    Genau diese Menschen sind gefährlich.

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