Gänsehaut mit real-historischem Hintergrund oder: Eine kriminelle Gesellschaft mag keine Kriminalität


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Eines der beliebtesten Vorurteile über autoritäre und tyrannisch-totalitäre Systeme der Vergangenheit (und Zukunft) lautet: Aber da war der Bürger immer sicher… Und so halten sich dann die Legenden von den Frauen, die „unter Hitler“ oder „unter Stalin“ auch am Abend sicher über die Straße gehen – und manche Experten verweisen voller Hochachtung darauf, dass es unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan weniger Drogenhandel gegeben hätte als heute.

In der Tat: Ein Staat, der den systematischen Massenmord zur Staatsräson erhebt, eine Regierung, die sich aus dem Drogenhandel finanziert, die gehen gegen die „private Konkurrenz“, gegen den normalen Kriminellen rigoroser vor, als das eine rechtsstaatlichen Grundsätzen verpflichtete Demokratie tut.

Mit solcher „privaten Kriminalität“ stehen kriminelle Gesellschaften und Staaten schlicht auf Kriegsfuß.

In eine solche kriminelle Gesellschaft führt uns „Kind 44“ von Tom Rob Smith, in die Sowjetunion der frühen 50-er Jahre, in die letzten Lebenswochen und auch in die letzte Säuberung des „großen Genossen“ Josef Stalin.

Und während der Sicherheitsapparat täglich Hunderte, wenn nicht Tausende „beseitigt“, „eleminiert“, „liquidiert“, aber natürlich nie ermordert, treibt ein „privater“ Kindermörder im Land sein Unwesen.

Nur: In der „harmonischen Gesellschaft des Großen Genossen“ gibt es doch gar keine Kriminalität. Und so werden dann die bestialischsten Morde zu alltäglichen Unglücksfällen uminterpretiert, diejenigen, die den Mörder stellen wollen, zu Staatsfeinden erklärt.

Das ist mehr als ein Krimi oder Thriller, das ist ein Lehrstück über das Funktionieren von Kriminalität und brutaler Herrschaft, ein Roman, der zeigt, was Dikaturen aus Untertanen machen, ein Werk, in dem deshalb auch die Helden ihre dunklen Schattenseiten haben.

Fazit: Uneingeschränkt empfehlenswert, unbedingt lesen!

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