Die Toleranz – und ihre repressiven Seiten


Zum Buch

Wieder ein Buch, das man – im positiven Sinn – an einem Abend durchliest, nicht, weil es kaum etwas bietet, sondern vor allem, weil es fesselnd ist: „Kritik der reinen Toleranz“ von Henryk M. Broder, insofern eine würdige Fortsetzung von seinem „Hurra, wir kapitulieren!“
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Doch damit ist eine wesentliche Kritik auch schon geäußert ist. Die „Kritik der reinen Toleranz“ ist die Fortsetzung eines Buches, in dem selbst schon alles wesentliche zum Thema gesagt ist… Und da Broder seinem Thema, dem westlichen Hang zum Nachgeben, zum Appeasement, zur Kapitualtion vor vor allem, aber nicht nur islamistischen terroristisch-totalitären Strömungen und Herrschaftsstrukturen, der aktuellen westlichen Unfähigkeit, Freiheitswerte offensiv zu verteidigen, treu bleibt, halten sich die neuen Erkenntnisse in Grenzen, schleicht sich vielmehr beim Lesen das Gefühl ein: Das alles hat er doch schon mal und irgendwie auch prägnanter gesagt.

Na, und?! Da sich an dem, was Broder kritisiert, nicht viel geändert hat, der Prozess vielmehr fortgeschritten ist – wie viele folgenlose Ultimaten gegen die iranischen Atombombenbauer gab es wohl inzwischen? – muss es eben noch einmal gesagt, noch einmal geschrieben werden. Und dieser Umstand spricht vor allem für die „Kritik der reinen Toleranz“, die vielen von uns das sagt, was die partout nicht hören wollte.

Dabei nimmt Broder, und das ist der andere positive Punkt an seinem Buch, auch noch einen unserer Lieblingswerte auseinander, führt ihn auf seinen historischen Kern zurück. Die Herrschenden von einst tolerierten, duldeten, was ihnen nicht gefährlich wurde. Wurde etwa der Ruf nach „Gedankenfreiheit“ dann zur gesellschaftlichen Kraft, war’s mit der Toleranz sehr schnell vorbei.

Und so führt Broder uns zu den zwei entscheidenden, scheinbar widersprüchlichen Ursachen westlichen Nachgebens gegenüber totalitären Herrschaftsansprüchen: Zum einen ist da die Feigheit, die Angst vor der Auseinandersetzung und schlicht und ergreifend auch die Angst um das vermeintlich gute Geschäft, das man mit allerlei Despoten gerne machen würde – und gleichzeitig ein rassistisches Gefühl der Überlegenheit, ganz nach dem frommen Wunsch: Die können uns doch nie gefährlich werden.

Das macht Broders Buch – wieder einmal – so faszinierend! Verziehen sei ihm, dass er an Nachrichten alles aneinanderreiht, wenn ihm in seine Linie passt, er da nie kritisch hinterfragt; verziehen sei ihm, dass er alle differenzierteren Sichtweise über den Kamm des unterstellten Appeasement schert; und verziehen sei ihm, dass er – in Leugnung seiner eigenen linken Vergangenheit – schlichtweg verschweigt, dass sein Toleranz-Begriff weitgehend von Herbert Marcuses „Repressiver Toleranz“ abgekupfert ist.

Allein dafür, dass er dem gutmenschlichen Islamisten-Versteher, der noch bei jedem „Ehrenmord“ nach der kulturellen Identität des Mörders fragt statt ihn in die Schranken zu weisen, die rassistischen Grundlagen seiner „Toleranz“ nachweist, muss man Broders Buch wieder mal empfehlen.

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