Lobby-Arbeit oder: Eine Nachricht wird gemacht


Eine unabhängige, objektive News, nur mit Fakten bestückt, im Nachrichtenblock eines (privaten) Berliner Radiosenders: Der Vorsitzende einer Berliner Wirtschaftsvereinigung wird künftig keine Mitarbeiter mehr über die Arbeitsagentur mehr suchen. Grund: Von 130 Bewerbern, die ihm das Jobcenter zur Besetzung von 100 Stellen schickte, konnten nur fünf die freien Stellen antreten.

So weit so klar, so nüchtern: Keine Schelte gegen eine offenbar unfähige Behörde, keine Häme über arbeitsunwillige Arbeitslose. Nur Zahlen, Daten, Fakten, so wie eine Nachricht sein soll. Die Schlussfolgerungen bleiben ganz allein dem Hörer überlassen: Die Arbeitsagentur schickt einem Unternehmen, dass dringend freie Stellen zu besetzen hat, nur Leute, die gar nicht arbeiten wollen, aber den Vermitlungstermin wahrnehmen müssen, weil ihnen ansonsten die Unterstützung gekürzt wird. Das aber, wie gesagt, muss der Hörer schon selber schlussfolgern.

Aber muss er das?

Hinterfragen wir einmal, was nicht in der Nachricht gesagt wurde!

Zunächst: Woher kam sie eigentlich? Die Erfahrung, dass das Jobcenter mitunter auch ungeeignete Bewerber schickt, macht wohl jedes Unternehmen – ohne, damit gleich an die Öffentlichkeit zu gehen oder der Arbeitsagentur die Zusammenarbeit aufzukündigen. Hier aber hat ein Unternehmer, der gleichzeitig an der Spitze eines Verbandes steht, offensichtlich dazu gleich eine Presseerklärung verfasst, und dabei, ganz nebenbei bemerkt, auch noch Arbeitsagentur (zuständig für die Vermittlung von Arbeitslosengeld-I-Empfängern, also in der Regel Kurzzeit-Arbetslosen) und Jobcenter (zuständig für die Vermittlungs von Arbeitslosengeld-II-Empfängern, also in der Regel Langzeit-Arbeitslosen) durcheinandergeworfen. Aber das macht ja nichts, wenn man im Verbands-Interesse Stimmung machen will.

Und nund die nächste Frage: Was waren das eigentlich für 100 Jobs, die doch nur ein „kleiner“ Unternehmer hier mal auf die Schnelle schaffen wollte. Und was gedachte unser rühriger Verbandsfunktionär seinen künftigen Mitarbeitern für ihre Arbeit eigentlich zu zahlen.

Nein, wir wollen ihm nichts unterstellen: Vielleicht hat er in seinem aktuellen Ärger nur vergessen, dass bei seinem Schritt in die Öffentlichkeit auch gleich kund zu tun, nämlich, dass er ganz normale Jobs ordentlich nach dem üblichen Tarifgehalt besetzen wollte.

Nur, hätte dann nicht jemand aus der Redaktion bei ihm anrufen müssen, um da mal etwas nachzufragen? Nein, für solche Nachfragen hat man in den Redaktionen nur noch wenig Zeit. Und welcher Redakteur ruft schon wegen einer Nachfrage irgendwo an, wenn aus der Marketing- oder Anzeigenabteilung de Pressemitteilung eines Werbekunden hineingereicht wird, mit der ganz bescheidenen Bitte, man möge die doch auch berücksichtigen.

Dann wird das wohl schon seine Richtigkeit so haben.

Ich bin nicht wirlich ein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aber Nachrichten wie diese und die Art, wie sie Verbreitung finden, machen ihn wohl doch unverzichtbar.

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