Resident und andere Directors

Ersteintrag:  2005-05-27 – 16:49:12

Ob die sich wohl selber zuhören?

Erfahrungen bei einer Pressereise auf eine griechische Ferieninsel, veranstaltet (und bezahlt) von einem Reiseveranstalter, den beteiligten Hotels, den örtlichen Tourismusorganisationen, durchgeführt für Vertreter der schreibenden Zunft. Legitimer Zweck: Die Schreiberlinge sollen mit ihren Berichten Gäste auf die Insel lotsen, damit die Hotels schön voll sind…

Nun haben solche Reisen natürlich einen Konstruktionsfehler: Was die einen als billiges Urlaubsschnäppchen zum Null-Tarif abstauben wollen, ist für die anderen harte Arbeit. Also trifft man sich bei einem Kompromiss – und der heißt in der Regel „Gala-Empfang“, gerne auch mit lokaler Prominenz, etwa einem Bürgermeister.

Agieren tun aber die mit den wirklich wichtigen Titeln. Früher gab es da vielleicht einen Reiseleiter, und wenn es drei waren, gab es natürlich auch einen Chef-Reiseleiter. Heute ist das mindestens ein „Resident Director“. Oder ein „Sales Manager“. Die halten dann auf solchen Gala-Empfängen die Reden, während ein „Junior Assistent“ schon mal das Weinglas halten darf. Aber ein „Junior Assistent“ ist ja auch noch in der Ausbildung. Ganz früher sagte man da Lehrling.

Aber Reden darf man natürlich eben erst ab „Sales Manager“, weil man ab da wichtig ist. Ruft so ein Resident Director oder Vor-Ort-Sales-Mananger in der fernen Zentrale des Touristik-Konzerns an, bekommt er zwar auch allenfalls seinen zuständigen „Product Manager“ – also den Sachbearbeiter – an die Strippe, aber hier vor Ort, vor den Vertretern der Fachmedien, also den Leuten, die gern umsonst Urlaub machen, hinterfragt man das aus Höflichkeit natürlich nicht.

Und was für Reden hält man nun? Man könnte ja sagen: Wir haben drei neue Hotels im Angebot und in einem dieser Hotels kann man auch All-Inclusive buchen. Das wäre kurz, und alle wüssten was gemeint ist. Nur wäre das so kurz, dass man damit keinen Gala-Empfang rechtfertigen kann. Also redet man über die „Produktlinien“, die man in zielgruppengenauer Analsyse entwickelt hat.

Und da gibt es dann beispielsweise ein Produkt „Geführte Bar-Besuche“, Bestandteil der Produktlinie „Joung and trendy“. In ferner Vergangenheit, vor „Deutschland sucht den Superstar“, fanden junge Reisende ja noch allein oder auch gern mit Freunden bis zur nächsten Kneipe… Und Übernachtung mit Frühstück – das wäre dann die „Produktlinie“ für Leute, die im Uraub ein Hotel, ansonsten ihre Ruhe wollen.

OK, wir machen ja alle nur unseren Job. Aber müssen wir uns dabei denn so schrecklich ernst nehmen?


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