Lese-Tipp, leider etwas schwerfällig: Von den barbarischen Wurzeln des Abendlandes – „Invasion der Barbaren“


Zum Buch

So macht man wohl aus Büchern zu Fragen der Geschichte Bestseller: Man nehme einen griffigen Titel, zum Beispiel „Invasion der Barbaren„, suche dazu ein actionreiches Cover. Das Buch von Peter Heather hat dazu zwar noch einen erklärenden Untertitel, nämlich „Die Entstehung Europas im ersten Jahrzausen nach Christus“, aber der tut der Erwartung spannungsreicher Action keinen Abbruch. Zumal der Klappentext ja dazu noch verspricht: „Der Autor (…) untersucht – auch mit Hilfe der Erkenntnisse der modernen Migrationsforschung – die Dynamik der europäischen Wanderbewegungen vom Hunnensturm bis zu den Wikingern.“

Da hat man doch auch noch den Bogen geschlagen, von dem sich manch Sarrazin-Anhänger die historische Bestätigung seiner Vorurteile erhofft: Barbarische Hunnenhorden ziehen in das dekadente römische Reich, machen sich dort breit, holen schließlich ihre Stammesbrüder nach – und Rom geht im Strudel der gewaltsamen Usurpation endgültig unter. Damit wäre dann der Bogen zu den „Türken“, zu den „Moselms“, zu den afrikanischen Bootsflüchtlingen von Lampedusa auch geschlagen.

Das Gute an diesem umfangreichen, detaillierten Werk von Heather ist:

Genau dieses erhoffte Geschichtsbild wird hier nicht bedient. Statt dessen schildert Heather sehr genau, wie vielfältig, wie differenziert die unterschiedlichen Migrationsbewegungen gestaltet waren, dass sich da auch nicht unbedingt „Völker“ auf den Weg machten, sondern Einzelpersonen und Familienverbände, Strukturen, die sich erst auf der „Reise“ oder auch erst am Zielort „vereinigten“, die zum Teil auch erst deshalb zu „Völkern“ wurden, weil die alteingesessenen römischen Chronisten eine genauere Unterscheidung zwischen den einzelnen „Barbaren“ nicht für nötig hielten.

Aber wie das nun mal ist mit Vorurteilen: meistens hat man deren mehrere – die auch nicht unbedingt zusammen passen müssen, die sich auch gerne wiedersprechen dürfen. Und neben der Mär von den zu Hunderttausenden auf das Römische Reich einstürmenden Germanen und Hunnen erzählt die andere Mär in reaktionären Kreisen gern von den „christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes“ (oder auch umgekehrt – wobei man das „jüdisch“ eigentlich auch nur pro forma aufgenommen hat). Dass in der Zeit der „Völkerwanderung“ kein Mensch vom Abendland sprach, muss ja bei der Mär von seinen vermeintlichen Wurzeln nicht weiter stören.

Nun schildert Heather zwar durchaus, wie sich die einzelnen Anführer der eingewanderten Clans und Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel des rascheren sozialen Aufstieges gerne auch christlich taufen ließen – doch dass sie ihre alten Gewohnheiten, ihren Wotan-Glauben wirklich an den Nagel hängten, ist hier nicht zu finden. Was bei der Schilderung aber deutlich wird: Da, wo die Einwanderer in großer Zahl eintrafen, mitunter auch ein Territorium gewaltsam in Besitz nahmen, hielten sie um einiges länger an ihrem alten Glauben fest. Von den „odinschen Wurzeln des Abendlandes“, also seinen vermeintlich „barbarischen Wurzeln“ wollen unsere konservativen Migrations-Skeptiker trotzdem nicht reden.

Was wir am Ende aus dem, leider schwerfällig zu lesenden, Buch aber tatsächlich lernen können: Wer in seiner eigenen Familiengeschichte einen solchen „Migrationshintergrund“ hat, ist eher als andere geneigt, sich – wie schon seine Eltern oder Großeltern – ebenfalls einen neuen Lebensstandort zu suchen. Und: Dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen das Land ihrer Geburt verlassen und woanders ihr Glück suchen, ist eine der großen Konstanten der Geschichte.

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