Von Neocons, Mumien, Linksradikalen und vergessenen Visionen: Lese-Tipp für Joschka Fischers „Der Irakkrieg und die rot-grünen Jahre“


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Technokratisch, rechthaberisch, die Biographie eines Emporkömmlings, der nun aus dem Ruhestand seinen Zeitgenossen und der Nachwelt sagen will: Schaut her, da bin ich dabei gewesen, den und den hab‘ ich getroffen. Das ist bei den ersten Sätzen der erste Eindruck dieser Biographie von Joschka Fischer über den „Irakkkrieg und die rotgrünen Jahre„. Und der zweite Eindruck: Am schwersten zu ertragen sind die Rechthaber, die auch noch tatsächlich Recht hatten. Doch es lohnt sich, diese Antipathie gegen diese zunächst scheinbar geradezu typische Politiker-Biographie zu überwinden.

Denn hier erfährt man, was man über die rot-güne Zeit vielleicht geahnt, aber nicht wirklich gewusst hat, versteht, warum diese Jahre nötig waren – und wie haarscharf die deutsche Politik in dieser Zeit am politischen GAU vorbeigeschrammt ist, von den quälenden innergrünen Debatten über die Reaktion auf den 11. September, über die Weltfremdheit, die dabei selbst „Spitzengrüne“ an den Tag legten, über einen Kanzler Gerhard Schröder, der in der Auseinandersetzung um den bevorstehenden Irak-Krieg voll auf die nationale Karte setzte, der wohl auch bereit gewesen wäre, Deutschland an die Seite Russlands und Chinas und in die Isolation von den westlichen Partnern zu führen. Aber: Das alles hat man irgenwie auch schon woanders gelesen, das ist zwar interessant, aber noch nicht das eigentlich Lohnende an diesem Buch.

Wirklich spannend ist aber, was Fischer über die amerikanischen Neokonservativen, die Neocons der Bush-Administration sagt. Denn was die nach dem 11. September und vor dem Irak-Krieg über den „globalen Anti-Terror-Krieg“ zum besten gaben, erinnerte in der Diktion ja irgendwie an die bolschewistische Sprache der 1920-er Jahre und späterer Epigionen, an die Losung von der proletarischen Weltrevolution mit der Sowjetunion als Zentrum, nur, dass eben in der Sicht der Neokonservativen nun die „demokratische Wekltrevolution“ anstand, gestützt nun nicht auf die Rote, sondern auf die US-Armee. Eine Liste von 60 Staaten, so erinnert sich Fischer, hatten die Neocons im US-Außenministerium zusammen gestellt, Länder, in denen mit Hilfe der US-Armee die „demokratische Revolution“ durchgesetzt werden sollte.

Leider bleibt Fischer hier zwar immer noch der diskret-diplomatische Ex-Außenminister, der nicht sagt, um welche Länder es sich dabei handelte – aber einige kann man sich ja denken.

Der entscheidene Punkt jedoch: Fischer fühlt sich bei seiner Debatte mit diesen Vertretern der US-Politik an seine eigene, linksradikale Vergangenheit erinnert – und, etwas zeitversetzt, sind das auch tatsächlich „die Genossen von einst“. Denn, so dröselt Fischer auf, die linksradikal anmutende Theorie der Neocons – von einem revolutionären Zentrum aus wird die bewaffnete Revolution in die ganze Welt getragen – ist in der Biographie ihrer Protagonisten begründet. Die kommen nämlich wirklich aus einer kleinen ehemals trotzkistischen Splittergruppe, wanderten dann auf den linken Flügel der Demokraten, entwickelten sich immer weiter nach rechts – und landeten schließlich alle gemeinsam am rechten Flügel der Republikaner. So gesehen: Interessante Biographien, wie wir sie in Deutschland ja auch teilweise haben…

Die Frage, die man sich in Bezug auf Fischers Amt als Außenminister aber unabhängig davon stellt: Gab es da irgendetwas „Grünes“, etwas, was z. B. ein FDP-Außenminister mit einigermaßen Verstand und Geschick nicht auch gemacht hätte? Ja, da gab es dieser Biographie nach etwas ganz spezifisch Grünes, nämlich das Aufräumen mit der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, der – wenn auch meist posthume – Rauswurf einstiger Nazigrößen, die auch noch das Diplomatische Korps der Nachkriegszeit beherrschten, bis zu Fischers Zeit in allen Ehren in der Ahnengalerie gefeiert wurden. Die Deutsche Politik von diesen „Mumien“ befreit, 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit der Bewältigung dieses Teils der Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, das sich in seiner eigenen Geschichtsschreibung gern als „Hort des Widerstandes“ präsentierte, zumindest begonnen zu haben – das ist das ganz Besondere an Fischers Zeit als Minister, das, was ihn von allen seinen Vorgängern unterscheidet. Seinen „liberalen“ Vorgängern mögen diese Nazi-Diplomaten suspekt gewesen sein – aber sie hatten sich mit ihnen arrangiert. Fischer nicht!

Und die Visionen? Die kommen ganz zum Schluss, werden bei Fischer auch ganz unvisionär pragmatisch-vernünftig begründet, vor allem mit wirtschaftlichen und geopolitischen Notwendigkeiten. Das ändert aber nichts daran, dass es fortschrittliche Visionen sind, nämlich die von den Vereinigten Staaten von Europa, fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika, gemeinsam eine globale Kraft der Demokratie, der Menschrechte, eines für alle zugänglichen Wohlstandes.

Irgendwie scheint Fischer da fast schon wieder als selbst einstiger Linksradikaler an der Seite der US-Neokonservativen – nur eben mit dem Unterschied, dass er nicht deren Traum von der Allmacht der Waffen mitträumt, dass er auf die Politik setzt, auf eine Realpolitik, die sich von Visionen leiten lässt.

Und daran mangelt es in Deutschland seit dem Abgang von rot-grün.

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