Zerfledderte Mythen vom Freiheitskampf – Leseempfehlung für Cornwells „Das Fort“


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Arrogante britische Offiziere und korrupte Beamte, aufrechte, geradlinige Farmer, Handwerker und Bürger, die für ihre Freiheit kämpfen: Das ist der Frontverlauf im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Das Bild, das da fast jeder im Kopf hat, liegt auch nicht allein an Hollywood, das hat man schon in der Schule gelernt, das ist wohl ziemlich weltweit (Großbritannien vielleicht mal ausgenommen) offizielle Lesart der Geschichte.

Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg wurde – jedenfalls auf Seiten der Amerikaner – um eine gerechte Sache geführt!

Daran soll auch nicht einmal gezweifelt werden. Nur: Sind diejenigen, die für die richtige Sache kämpfen, deshalb schon die besseren Menschen mit den edleren Motiven, dagegen die, die für die falsche Sache streiten, die Schurken mit den niederen Bewegründen?

Das Fort“ von Bernhard Cornwell bestreitet den Amerikanern auch nicht, dass die Geschichte ihnen Recht gibt. Nur, dass sie die besseren Menschen, die tapfereren Kämpfer waren….

Die auf einer tatsächlichen, aber weitgehend vergesenen, eher unbedeutenden Episode des Unabhängigkeitskrieges beruhende Geschichte: Im Sommer 1779 besetzen britische Truppen eine zum Territorium Massachusetts zählende Halbinsel, errichten dort ein Fort – und die Amerikaner versuchen nun, das zurückzuerobern. Und müssten das vom Kräfteverhältnis eigentlich auch schaffen….

Nur: Auf britischer Seite stehen da Berufssoldaten, auf der Seite der Amerikaner zwangsverpflichtete Milizionäre (eine Ironie der Geschichte: allgemeine Wehrpflicht, Revolution und Demokratie sind unmittelbar verknüpft, vor allem bei der Gründung der USA, in der Französischen Revolution), die reihenweise desertieren, Freibeuter, aus britischer Sicht Piraten, die wegen der erwarteten Beute, der Kriegskasse in die Schlacht ziehen, Abgeordnete aus Boston, die ihren nächsten Wahlerfolg sichern wollen. Und weil der amerikanische Kriegsrat sich auch niemals einigen kann, endet das ganze Unternehmen im Desaster – für das sich die Beteiligten dann gegenseitig in die Schuhe schieben.

Eine der faszinierndsten Szenen des Buches: Wegen einer Verhandlung kommt einer der amerikanischen Offiziere in das Fort, argumentiert im Gespräch mit dem britischen Kommandanten mit dem Prinzip der Freiheit – und wird vom Briten gefragt: „Wie viele Sklaven haben Sie eigentlich?“

Im tatsächlichen Krieg jedenfalls wurde dieses britische Fort übrigens nie erobert – sondern von den Briten erst bei Friedensschluss geräumt.

Das Fazit des britischen Autors Cornwell, dass die USA ihre Unabhängigkeit vor allem nicht etwa deshalb erfolgreich verteidigten, weil sie so engagiert dafür kämpften, sondern weil Spanien und Frankreich, damals im Vergleich zu Großbritannien wahrlich reaktionäre Regimes, sich im großen Krieg auf ihre Seite stellten, geht amerikanischen Patrioten und USA-Fans vermutlich gewaltig gegen eine Grundfeste des Glaubens, dürfte aber einer historischen Überprüfung stand halten.

Und das darüber hinausgehende Fazit einer recht spannend und minutiös erzählten Story: Die Guten der Geschichte müssen nicht unbedingt auch die Guten im realen Leben sein.

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