Graue Schlaglichter auf den Kalten Krieg – (Eingeschränkte) Leseempfehlung für Tom Rob Smith‘ „Agent 6“


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Nach „Kind 44“ und „Kolyma“ nun der dritte Roman, der sich mit der Stalin-Zeit und ihren Folgen beschäftigt: Und wer sich von den beiden vorangegangen hat fesseln lassen, wird auch zum dritten von Tom Rob Smith, zu „Agent 6“ greifen. Und das ist im Wesentlichen auch kein falscher Griff.

Der Handlungsfaden: 1950 besucht ein schwarzer Sänger aus den USA die Sowjetunion, merkt als blauäugier Idealist nicht, wie ihm der KGB eine heile Welt vorspielt, er selbst zur Propagandafigur aufgebaut wird. Der Preis, den er dann in den USA dafür zahlt: Das FBI ruiniert seine Karriere, sorgt dafür, dass der einstige Star zum armen Mann wird.

Fünfzehn Jahre später hat der Sänger dann doch wieder einen kurzen Auftritt: Vor dem UNO-Gebäude, in dem gerade eine Schülergruppe aus der Sowjetunion ein „Friedenskonzert“ gibt, will er eine Rede halten, wird dabei erschossen. Und erschossen wird auch die russische Lehrerin, die die Schüler begleitet…

Nun macht sich der Mann dieser Lehrerin, der ehemalige KGB-Agent, der schon die Reise des US-Sängers 1950 begleitet hatte, auf die Suche nach dem Mörder seiner Frau, eine Suche, die weitere Jahrzehnte dauert, ihn nach Afghanistan, in die USA und schließlich wieder zurück in die Sowjetunion, dort direkt in das Gefängnis führt.

Der zeitliche Bogen ist diesmal um einiges weiter gespannt als in den beiden ersten Romanen von Tom Rob Smith, beschränkt sich nicht mehr auf die späten Jahre der stalinistischen Periode – es sei denn, man kommt auch beim Lesen von „Agent 6“ irgendwie zu dem Ergebnis, dass die Periode des Stalinismus, wenn überhaupt, erst mit dem Ende der Sowjetunion endete.

Und Smith beschränkt sich nicht auf den sowjetischen Herrschaftsbereich, wirft auch einen Blick auf die anderen Seite, wirft ein paar Schlaglichter darauf, wie auch von Seiten der USA der Kalte Krieg geführt wurde: Ebenfalls ohne Skrupel, ebenfalls mit der Bereitschaft, Menschen zu vernichten, ebenfalls auch als Unterdrückungs-Krieg zumindest gegen Teile der eigenen Bevölkerung, in den USA der Schwarzen.

Smith lässt dabei zwar keinen Zweifel daran, dass die USA historisch für die bessere Sache stehen, doch diejenigen, die auf der Seite der USA agieren, sind bei ihm dadurch nicht die besseren Menschen, nicht die Helden seiner Geschichte.

Das alles liest sich überzeugend, in sich schlüssig – aber die Handlungsfäden, die Charaktere, die Smith hier vor dem Leser ausbreitet, erinnern doch stark an „Kind 44“ und „Kolyma“. Und in den Romanen las sich das doch noch etwas überzeugender und spanender. Misst man den Autor hier so an seinen eigenen Werken, gibt es deshalb nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.

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