Lesen mit gutem und schlechtem Gewissen – Vom Umgang mit verstorbenen Autoren


Vor kurzem gelesen: „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, in der Ausgabe von Reclam, versehen mit einem Nachwort, wie es promovierte Studienräte für Gymniasasten schreiben. Aber nützlich und erklärend war das Nachwort schon – und dem Originaltext konnte es ohnehin keinen Abbruch tun. und dann das herrlich praktische Format der Reclam-Bändchen: Bequem in der Hand, selbst in der überfüllten U -Bahn zu lesen, passend für jede Jackentasche!

In den vergangenen Monaten hatten mich noch andere Reclam-Bände auf solche Weise begleitet, Klassiker wie Ibsen oder Zola auch auf Reisen.

Ein Lesevergnügen, das sich jeder leisten kann! Schließlich kosten solche Reclam-Bändchen nur wenige Euro, und man kann bei der Ausgabe fast sicher sein, dass die Investition sich lohnt. Dafür gibt es zwar keine bibliophilen Werke, sondern einfachste Drucke auf einfachem Papier, aber gerade das entspricht dem Original, der Zeit, als die Autoren noch lebten und keine Klassiker waren, als es ihnen und ihren Verlegern darum ging, möglichst viele Exemplare an möglichst viele Käufer und Leser zu bringen, dabei natürlich auch höchstmöglichen Umsatz zu erzielen.

Aber nicht nur meine Bücherschränke füllen sich mit Klassikern, sondern auch mein iPad.

Da habe ich Karl Marx und das Elend der Philosophie in meiner Kindle-App, Flauberts Madame Bovary bei iBooks, Oliver Twist bei texttunes. Und: Man kann das alles in Massen herunterladen, muss es nicht mal lesen. Denn: Das ist alles kostenfrei.

Nein, die Autoren der Reclam-Bände haben nichts mehr von dem mit ihnen erzielten Umsatz. Aber da gibt es Lektoren, Verlagsangestellte, den Studienrat für das Nachwort, und auch Sekretärin und Putzfrau, die alle – möglichst nach Tarif – bezahlt werden möchten. Und das der längst verstorbene Autor das ermöglicht, ist auch eine späte Anerkenung seiner Arbeit. Das Reclam-Bändchen liest man mit Vergnügen – und so auch mit ruhigem Gewissen wie man auch Fair-Trade-Kaffee trinkt.

Und den Gratis-Download, wer zahlt den? Denn da saß doch auch jemand am Computer, hat Texte digitalisiert und hochgeladen, hatte damit Arbeit, die bezahlt werden muss. Aber das müsste hier wohl heißen: Bezahlt werden müsste, und auch das natürlich zu einem richtigen Tarif.

Außerdem: All die längst honorarfreien Klassiker stehen auf den Seiten von Online-Giganten, die noch anderes, Kostenpflichtiges, zum Download bieten. Also: Ausgebeutet werden von diesen Online-Giganten nicht nur die eigenen, meist unterbezahlten Mitarbeiter, sondern für Marketing- und Reklamezwecke sämtliche Größen von Literatur, Philosophie und Wissenschaft.

Ich werde sicherlich weiter kostenlos solche Werke herunterladen, ab und an auch lesen – aber Reclam trotzdem die Treue halten.

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