Rückkehr der Reportage – zu Marc Fischers „Die Sache mit dem Ich“


Zum Buch

Die meisten Sachen von Marc Fischer hätte ich in den Zeitungen und Magazinen, in denen er veröffentlichte, wahrscheinlich nie gelesen. Hochglanz- und Lifestyle-Blätter wie „Vanity Fair“ interessieren mich nicht, in der „Bild am Sonntag“ hätte ich nichts wirklich Lesenswertes erwartet. Und seine Themen waren, von Ausnahmen abgesehen, nicht meine Themen. Der Hintern von Jennifer Lopez ist meines Erachtens nichts, über was man unbedingt schreiben muss – und der gescheiterte Versuch eines Reporters, sie dazu zu befragen, ist für mich auch kein berichtenswertes Ereignis (Mal abgesehen davon: Ich glaube Marc Fischer diese Geschichte nicht).

Dennoch: Seinen Reportage-Band „Die Sache mit dem Ich“ habe ich, durchaus gefesselt, fast in einem Zug durchgelesen. Dabei…

…bin ich nicht einmal ein Fan der Ich-Reportage, ziehe es vor, wenn der erzählende Reporter Abstand zum Erzählten wahrt, so wie es – zumindest theoretisch, aber ohne sich selbst daran zu halten – Altmeister Egon Erwin Kisch gelehrt hat.

Aber: Marc Fischer, dieser viel zu jung verstorbene Freelancer, dessen Reportage-Auswahl nun bei KiWi erschienen ist, konnte einfach schreiben und erzählen – was bei dem Gedruckten in heutigen Printmedien nicht mehr so selbstverständlich ist. Ob die Geschichten da ausgedacht sind oder der Realität entsprechen: Im Einzelfall ist das nicht mal interssant. Denn so wie Fischer erzählt, fängt er immer gesellschaftliche Wirklichkeit ein, macht sich dabei auch zum Teil von ihr.

Zu dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit gehört aber eben auch: Interessanter für die Medien und das Publikum als die tatsächlichen gesellschaftlichen materiellen Verhältnisse sind die Befindlichkeiten auf der Show-Bühne. Und in Zeiten der selbsternannten Superstars wird eben alles zur Show-Bühne, auf der sich dann auch der Reporter Marc Fischer bewegt – dabei seinem Leser sogar Erkenntisse vermittelt.

Vielleicht sollte man doch öfter mal in den Hochglanz-Magazinen blättern, auch die Bild nicht gleich in den Papierkorb werfen. Denn unter all dem Müll liegen doch möglicherweise manche Perlen, nicht unbedingt von großer Relevanz, nicht unbedingt bedeutungsschwanger, aber wenigstens verdammt gut geschrieben, so, als könnte die gute alte Reportage doch noch eines Tages in die Masse der Druckerzeugnisse zurückkehren. Und dann vielleicht sogar mit Themen, die vom echten Leben handeln.

Schreibe einen Kommentar