Im Jahr vor dem Ende – Lesetipp: „1913“ von Florian Illies


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Man weiß nicht, ob es so passierte, aber möglich wäre es schon, sogar relativ wahrscheinlich, auch, wenn davon nichts bekannt ist: Immer wieder begegnen sich zwei Männer beim Spaziergang im Park von Schloss Schönbrunn. Zwar werden sie sich nie einander vorstellen, nie über irgendetwas reden, aber irgendwann fangen sie an, sich einander wortlos zuzunicken, sich zu grüßen, wenn sie sich wieder einmal über den Weg laufen – solange, bis beide aus Wien verschwinden, der erfolglose Postkartenmaler nach München, der ehemalige Jesuitenschüler und Berufsrevolutionär zurück nach Russland.
Florian Illies erzählt die Anekdote dieser möglichen Begegnung von Adolf Hitler und Josef Stalin in seinem „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts„. Und das ist kein Roman, keine Erzählung, kein Sachbuch, das ist eigentlich nicht mehr als die mitunter zufällig und willkürlich erscheinende Aneinanderreihung von Episoden, Geschichten und Geschichtchen, die nicht einmal unbedingt einen Zusammenhang zu haben scheinen…
Dabei ist der Zusammenhang zwischen der Fast-Begegnung von Hitler und Stalin, der Streit zwischen den Freud und Jung, der schmachtenden Liebe Kafkas und dem patriotische Gedichte schreibenden Augsburger Gymnasiasten Brecht den Akteuren nur nicht klar. Ihre gerade erlebten Geschichten sind die letzten Geschichten einer untergehenden Epoche – und schon die ersten Geschichten einer neuen Zeit, die ein Jahr später blutig auf die Bühne tritt.
Warum soll man ein Buch empfehlen, das doch ohnehin schon ein Bestseller ist? Weil es verdientermaßen ein Bestseller ist, weil es auf dem Buchmarkt momentan wohl kein Werk gibt als dieses „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“, das die unterschiedlichen Facetten dieses letzten Friedensjahres der „Belle Èpoque“, eines der ersten Jahre der Moderne so packend miteinander verknüpft, dass man es erst aus der Hand legen mag, wenn man es auch ausgelesen hat.
Übrigens: Der Sommer 1913 war, wie wir erfahren, ein kalter und verregneter Sommer. Der heiße Sommer sollte ein Jahr später kommen.

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