Lese-Tipp „Kindersucher“ – der Aufstieg der Nationalsozialisten als spannender Horror-Krimi


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Ein jüdischer Kriminalbeamter, umgeben von antisemitischen Kollegen, die sich nicht einmal Mühe geben, ihre Verachtung für den Juden zu verbergen, esoterische Sekten, Massenelend, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und den Nationalsozialisten, die ungehindert die staatlichen Behörden infiltrieren, brutal nach der Macht greifen: Paul Grossmann zeichnet in „Kindersucher“ das Endzeit-Szenario der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie.
Und die erzählt er in Form eines packenden Horror-Krimis, dessen Held eben jener verfemte jüdische Kriminalsekretär ist, zwar ein erfolgreicher Ermittler, aber wegen seiner Herkunft auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten.
Die Geschichte: In Berlin werden die Überreste mehrerer Jungen gefunden, Kinder, die scheinbar die Opfer von Ritualmorden wurden, Kinder, die aber merkwürdigerweise niemand vermisst. Die vermeintlichen Täter, die man dafür der Öffentlichkeit zunächst präsentiert: eine Gruppe von Zigeunern. Das passt politisch ins Konzept – und vor allem in die Propaganda der NSDAP, die, obwohl noch längst nicht an der Macht, direkt in die Ermittlungen eingreift.
Gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen, gast auf sich allein gestellt, kommt Kriminalsekretär Kraus nach monatelanger mühseliger Arbeit den wahren Schuldigen auf die Spur, enthüllt die Ausmaße eines gut durchorganisierten Verbrechens, das die späteren millionenfachen Morde der Nationalsozialisten schon einmal vorwegnimmt – wobei die von Kraus ermittelten Täter auch in der Zeit der NS-Herrschaft wieder mit dabei sein werden.
Der von Grossmann erzählte Kriminalfall ist in dieser Form übrigens frei erfunden – das Bild, das er vom Berlin während der Weltwirtschaftskrise, in den Aufstiegsjahren der NSDAP, dafür um so realistischer.
Diesen historischen Berlin-Krimi aus der Hand zu legen, bevor man ihn zu Ende gelesen hat, fällt jedenfalls schwer.

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