Orwellsches Neu-Sprech – mal ganz „emanzipatorisch“ oder: Die Sache mit dem Gender-Stern


Wird einmal eine fortschrittliche Position, zum Beispiel, dass Homosexuelle, Transsexuelle und andere Angehörige sexueller Minderheiten Anrecht nicht nur auf „Toleranz“, sondern auf Akzeptanz und Anerkennung haben, langsam mehrheitsfähig, gibt es garantiert die Hardcore-Anhänger eben dieser Position, die sich im anbahnenden Mainstream unwohl fühlen, sich zurück ins eigene Ghetto wünschen, und das am besten mit einer festen Sprach-Barriere drum herum. Anders gesagt: Wer die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten torperdieren und ins Lächerliche ziehen will, kämpfe weiter für Gender-Stern und Binnen-I. Die Diskussion ist zwar nicht neu, treibt aber auf neue Höhepunkte zu.

Denn: Der Umstand, dass in „fortschrittlichen Kreisen“ kaum noch jemand der Forderung nach einer „geschlechtergerechten Sprache“ zu widersprechen wagt, lässt die Anhänger der gegenderten Sprachregelung glauben, sie wären auf dem richtigen Weg, ihre Sprach-Verordnungen hätten sich schon durchgesetzt.

Richtig ist daran immerhin: Stellenausschreibungen sind heute dank Gleichstellungsgesetz, will der Arbeitgeber nicht verlorene Prozesse riskieren, geschlechterneutral formuliert. Das ist auch gut so! Doch ansonsten wird das von Gender-Sprachreglern seit Jahren verlangte Binnen-I, also z.B. „TouristInnen statt „Touristen“, aber inkonsequenterweise nie FaschistInnen statt Faschisten, in der Praxis aber nicht geschrieben, geschweige denn gesprochen. Kein linker oder grüner Rechtsanwalt käme auf die Idee, seine Schriftsätze mit Binnen-I zu gendern, jeder fortschrittliche Deutschlehrer, der sich an den Lehrplan hält, müsste die Binnen-Is im Diktat schlicht als Fehler bewerten, und in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern finden wir es sowieso nicht. Allein, dass es in einigen internen Diskussionspapieren übereifrige Verwendung findet, lässt seine Befürworter(Innen) schlussfolgern, es hätte sich schon allgemein durchgesetzt. Da stellt sich schon die Frage: Was lesen die eigentlich sonst noch?

Aber egal, nun ist es Zeit zum Nachlegen: Mit dem Binnen-I soll es nun nicht mehr getan sein, denn das schließt ja noch aus – bezieht nämlich die Transsexuellen, die Transgender, die Unentschiedenen nicht mit ein. Jetzt muss noch ein Stern dazu, der Gender-Stern. Künftig reisen nicht mehr die TouristInnen, sondern Tourist*Innen. Nur Faschist*Innen wird es auch künftig wohl nicht geben.

Da in einem freien Land auch jeder schreiben kann was und wie er will, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen – wenn die Sprach-Gender-Fans nicht darauf beharren würden, dass ihre Sprach-Vorstellungen ganz offiziell verordnet werden, zum Beispiel in Behördenbriefen und Drucksachen, in Parteien und Verbänden. Und da wird die Sache gefährlich.

Denn egal, wie viele Sterne und Is in einem Dokument gesetzt werden: Sprache entwickelt sich urwüchsig und eigenständig, die Schriftsprache entlang der gesprochenen Sprache, und die allgemein verständliche Vereinfachung setzt sich am Ende durch. Und wie spricht man einen Stern im Wort? Günstigstenfalls entwickeln sich die Gender-Sprecher und Schreiber zur abgeschotteten esoterischen Sekte, womöglich schlägt das Pendel aber um, wird das Unbehagen gegen die Gendersprache zum Widerstand gegen die Gleichstellung.

Sprache lässt sich nun mal nicht verordnen, und das klappt auch in Orwells 1984 nicht. Auch die vielzitierten Jahresendschokoladenhohlkörper und Flügelfiguren aus der DDR-Zeit setzten sich nie durch, es blieb bei Schokoladenweihnachtsmann und Weihnachtsengel. Allerdings: Den Jahresendschokoladenhohlkörper und die Flügelfigur hat es offiziell nie gegeben. Die waren nur eine Idee des DDR-Satiremagazins Eulenspiegel, das damit die vom Volk abgewendete bürokratische Sprache in Parteidokumenten aufs Korn nahm (und, da war die Zensur „großzügig“, auch noch aufs Korn nehmen durfte).

Die Gender-Schreiber von heute meinen ihre Ideen dagegen ganz humorlos ernst.

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