Geschichtslosigkeit mal wieder Trumpf – oder: ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, um Verständnis für Flüchtlinge zu werben


Im Internet macht ein Bonmot die Runde, das nach Sascha Lobos Auftritt im ZDF nun in aller Munde ist: nennen wir die Flüchtlinge doch einfach Vertriebene – dann kann sich selbst die CSU mit ihnen anfreunden. Das klingt logisch, freundlich zu den Flüchtlingen, ist aber, näher betrachtet, absolut daneben. Keine Ahnung von Geschichte zu haben, ist nicht nur rechten Dumpfbacken vorbehalten, sondern wohl auch unter „Linken“ Trumpf.

Natürlich kommen nicht nur Unschuldslämmer her, gibt es auch unter Flüchtlingen Homophobie, Rassismus, wohl auch den einen oder anderen IS-Anhänger. Und natürlich war 1945 nicht jeder Vertriebene ein Nazi, aber Ostpreußen, Breslau und andere Regionen des damaligen Ostdeutschland waren schon lange vor 1933 NSDAP-Hochburgen, und so strömten 1945 eben nicht nur Opfer, sondern auch unzählige Täter nach West-Rest-Deutschland. Der Anteil der IS-Anhänger unter heutigen Flüchtlingen dürfte jedenfalls geringer sein als der Anteil der NSDAP-Mitglieder unter damaligen Vertriebenen.

Auch beim Missbrauch von Sozialleistungen hatten die Vertriebenen den Flüchtlingen etliches Vorraus. Nach dem Lastenausgleichsgesetz der Adenauer-Ära wurden sie für das, was sie im Osten zurückgelassen      hatten, vor allem für verlorenen Landbesitz, entschädigt. Ginge es nach dem, was da an Entschädigungszahlungen an ehemalige Gutsbesitzer floss, muss Ostpreußen flächenmäßig größer als das übrige Deutschland gewesen sein.  Da kommen die Flüchtlinge mit ihrem Taschengeld nie mit.

Und last not least: Wollen wir in 30, 40 Jahren uns ständig von Berufs-Flüchtlingen anhören müssen, dass der Anspruch auf Aleppo, Kabul und andere Ost-Gebiete nie aufgegeben werden darf? Den unseligen Einfluss, mit dem die ultra-rechten Vertriebenen-Verbände jahrzehntelang bundesdeutsche Politik mitprägten, wird keine Flüchtlings-Lobby je erreichen.

Also: Lasst die Gleichsetzung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die meisten Flüchtlinge haben schon genug gelitten – und diese Schmach nun wirklich nicht verdient.

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