Palmers „Wir können nicht allen helfen“ – viel diskutiert, kaum gelesen


Zum Buch

Manche Bücher erzielen breite Aufmerksamkeit weniger durch Inhalt oder besonders brillanten Stil, als vielmehr durch die Empörung, die der Autor und sein Werk hervorrufen, bevor es denn überhaupt veröffentlicht ist. In diese Kategorie fällt auch Boris Palmers „Wir können nicht allen helfen“. Aus Sicht des Verlages waren da die grünen Partei“freunde“ des Verfassers, die dem Bürgermeister aus Tübingen den Rat gaben, er solle „einfach mal die Klappe halten“, die besten Werbe-Helfer für einen angehenden Bestseller. Denn wer hätte sich ansonsten schon für ein Buch mit solch einem eher sperrigen Titel interessiert, wer hätte denn lesen wollen, wie ein biederer Kommunalpolitiker in seiner Gemeinde für eine unerwartete Zahl von Flüchtlingen Wohnraum schafft, um so wenigstens die Grundlagen der verlangten Integration zu legen?
Nun ist das Buch da, zeigt keine Spur des vorab unterstellten Rassismus, wehrt sich im Gegenteil fast in jedem Kapitel gegen befürchteten Beifall von der falschen rechten Seite – doch die Empörung der Dauerempörten hält ungebremst an. Motto: Ich muss doch nicht lesen, was mein moralisches Weltbild ankratzen könnte.

Damit bestätigt die Debatte über das Buch den zweiten Teil der Palmerschen Ausführungen. Denn das, was er zur Flüchtlingspolitik, seinem eigentlichen Thema schreibt, enthält nichts neues: Da steht nichts, was nicht jeder Kommunalpolitiker, der mit der Flüchtlingen befasst ist, nicht schon selbst erlebt hätte, keine Erfahrung, die nicht jeder Flüchtlingshelfer schon gemacht hätte. Da widerspricht der Inhalt sogar dem Titel. Er habe Angela Merkels alternativlosem „Wir schaffen das“ den nötigen Widerspruch entgegensetzen wollen, benennt Palmer die Motivation zu seinem Buch. Im Ergebnis seiner Darlegungen wäre ein Titel wie ein trotziges „Wir haben es trotzdem geschafft“ dem Inhalt angemessener gewesen.

Aber das Thema Flüchtlinge füllt nur gut die Hälfte der Buchseiten. Die andere Hälfte beschäftigt sich mit dem politischen Diskurs, genauer gesagt mit dem Nicht-Diskurs, mit der Unfähigkeit, Argumente auszutauschen, wenn die eine Seite für sich die unangefochtene moralische Überlegenheit beansprucht, jedem, der an der vermeintlich moralisch begründeten Haltung und Handlung Kritik zu wagen übt, per se die Morallosigkeit unterstellt. Das, was Palmer dazu schreibt, wäre wert gewesen, in einem eigenen Buch behandelt zu werden. So wird vieles nur kurz angeschnitten, nicht in aller Tiefe ausgeleuchtet. Das wäre ein berechtigter Vorwurf an Palmer gewesen.

Ein anderer Vorwurf grüner und rotgrüner Palmer-Kritiker hat allerdings schon seine Berechtigung: So kurz vor der Wahl kommt das Bucht zur Unzeit. In der Tat: wäre es schon früher erschienen, hätten manche aus dem Buch gelernt, dass es sich lohnt, komplizierte Dinge differenziert zu sehen, dass es sich lohnt, Debatten sachorientiert, ideologiefrei, ohne moralinsaures Keulenschwingen zu führen, hätte man den Schwung und die Erkenntnisse aus solcher Diskussion in den Wahlkampf mitnehmen können.

Dafür allerdings hätten die, die nicht lesen wollen, auch lesen müssen – selbst auf die Gefahr hin, dass das eigene moralische Weltbild den einen oder anderen Kratzer abbekommt.

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