AfD wirkt: So wird Rassismus im TV hoffähig


Erinnert sich noch wer an den namenlosen Pseudo-Promi, der vor Jahren bei RTL aus dem Dschungelcamp flog, weil er mit ausgestrecktem Arm die Nazis imitierte. Die Szene wurde nie ausgestrahlt, seine Motive, ob er wirklich Nähe zu irgendwelchen Rechtsextremisten hatte oder einfach nur gegen die rüde Behandlung der Dschungelcamp-Kandidaten protestieren wollte, blieben ungeklärt. Doch die Botschaft war klar: Wer oder was auch nur im leisesten Verdacht des Rechtsextremismus steht, hat bei RTL, dem ansonsten so geschmähten Trash-Kommerz-Sender, keine Chance. Und: Das waren noch die Zeiten, als sich RTL an vielleicht hilflosen, aber sicher gut gemeinten Anti-Rassismus-Aktivitäten beteiligte. Doch diese Zeiten scheinen nun vorbei, rassistische Sprüche werden auch bei RTL unkommentiert ausgestrahlt, und niemand schreitet ein. AfD wirkt.

Wieder das Dschungelcamp: Einer der namenlosen Pseudo-Promis, von dem man nur weiß, dass er warum auch immer zuvor in etlichen anderen TV-Trash-Formaten aufgetreten ist und dessen tuntenhafte Diva-Allüren ohnehin eine permanente Beleidigung jedes Homosexuellen darstellen, ereifert sich lauthals über den Schmutz und die Unordnung im Freiluft-Domizil der vermeintlichen Stars. Solche Streitigkeiten sind ja auch erwünscht, sind die Basis dieser Sendung. Doch dann sagt dieser namenlose Pseudo-Promi etwas, was so sicher nicht im fiktiven Drehbuch stand, nämlich schuld an diesem Dreck und Chaos sei ein „Zigeuner“.

Nun bin ich weit davon entfernt, jeden, der von „Zigeunern“ spricht, als Rassisten zu betrachten. Und Rassismus kann sich auch in mancher Rede hinter „politisch-korrekten“ Redewendungen wie „Sinti und Roma“ verbergen. Doch hier war die Sache klar: Das „Zigeuner“ sollte eine Beleidigung der Mit-Camper sein, eine Beschimpfung auf der Unterstellung, „Zigeuner“ seien nun mal dreckig, war also eindeutig eine rassistische Beleidigung nicht allein der anwesenden Pseudo-Promis (unter denen sich weder ein Sinti noch Roma befand), sondern einer Bevölkerungsgruppe, aller Sinti und Roma.

Ich vermute: Vor einigen Jahren noch hätte RTL die Szene niemals ausgestrahlt, der namenlose Pseudo-Promi wäre hochkant aus der Sendung geflogen, und RTL hätte, ohne auf die Details einzugehen, erklärt, dass Rassismus nicht geduldet wird.

Und diesmal: Sie wird problemlos ausgestrahlt. Es gibt unter den anwesenden – und als „Zigeuner“ beschimpften – Pseudo-Promis auch niemand, der den rassistischen Rüpel zurechtweist. Und die Moderation, die sonst genüsslich jede Star-Verfehlung aufgreift, geht mit keinem Wort auf die Entgleisung ein.

Wollte RTL vielleicht demonstrieren, dass auch Schwule Rassisten sein können? Sicher nicht! Oder konnte man sich in der Redaktion in der Schnelle nicht auf ein klare Linie gegen Rassismus einigen?

Ich fürchte, die Wahrheit ist noch schlimmer: Der alltägliche Rassismus hat auch in seiner gewalttätigen Form schon so zugenommen, dass solche „Kleinigkeiten“ dagegen kaum noch auffallen, längst nicht mehr geahndet werden. So wirkt die AfD, wo sie nicht einmal unmittelbar dabei ist.

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