Reingefallen auf Fake News – das passiert leider nicht nur rechten Tölpeln


Ich bekenne: Ich bin auf Fake News hereingefallen. Ich bin nicht nur hereingefallen, ich habe darauf reagiert. Ich habe wie etliche andere empörte User einen vermutlich unschuldigen Restaurantbesitzer auf seiner Facebook-Seite des Antisemitismus bezichtigt, ihm den Entzug der Konzession gewünscht. Wie es dazu kam? Es sah ja alles glaubhaft und seriös aus.

Für meinen politischen Geschmack steht mir die Webseite „Honestly Concerned“ zwar etwas zu nahe an der Seite der israelischen Regierung, aber das macht sie ja noch nicht unglaubwürdig. Vor allem, wenn es um die Berichterstattung über antisemitische Vorfälle und Attacken geht, ist Honestly Concerned eigentlich eine zuverlässige Quelle, die aufgreift, was andere Medien inzwischen wohl schon für normal und nicht mehr berichtenswert halten.

Da fand sich dann dieser Bericht:

In einem Restaurant in Schabeutz wurden ein jüdischer Gast und seine Freunde von anderen Gästen beschimpft, worauf der Wirt auf seine Art reagierte: Er warf den Juden raus und stellte dazu fest, dass Juden in seinem Lokal nun einmal nicht willkommen seien.

Drei Punkte machten mir das glaubhaft: Zum einen war da natürlich erst einmal die Quelle. Unter umgekehrten Vorzeichen hätte ich eine ähnliche Geschichte in einem rechtsradikalen Blog wie etwa PI-News – „Deutscher Gast fliegt aus Islam-Türken-Laden“ – erst einmal nicht geglaubt. Zum anderen war da die Werbung des Restaurants selbst: Das bezeichnete sich auf seiner Webseite als „deutsches Lokal“. Ich gebe zu: Dieser Verweis aufs „Deutsche“ schien mir schon verdächtig. Und schließlich passte auch der der Ort der Handlung in das Bild: der Bäderort Schabeutz. In deutschen Seebädern standen die Hinweisschilder „Juden sind hier unerwünscht“ schließlich nicht erst im Dritten, sondern schon im Kaiserreich.

Allein: An der Geschichte war nichts dran, das Webportal auf die Lügengeschichte eines mutmaßlichen Internet-Trolls hereingefallen. Immerhin: Honestly Concerned hat sich bei dem unschuldigen Restaurantbetreiber entschuldigt, was die rechten Hetz-Portale in vergleichbaren Fällen unterlassen; ich habe auch mein Post gelöscht, während z.B. die rechte Hetzerin Erika Steinbach selbst die Posts stehen lässt, bei denen sie der Lüge überführt wurde.

Da könnte man ja sagen: Schwamm drüber, kann doch jedem mal passieren, die Sache ist erledigt.

Doch der Ärger sitzt noch tief.

Zum einen ist da die Selbsterkenntnis: Nicht nur rechte Dumpfbacken, auch die kritischen Geister, zu denen ich mich rechne, sind für Fake News anfällig, wenn sie dem eigenen Weltbild, den eigenen Vorurteilen entsprechen.

Dabei gab es solche Fake News doch schon öfter, Fake News, die sogar noch größere Verbreitung fanden: Da war etwa die Geschichte von dem fremdenfeindlichen Mob, der in Sprechchören einen suizidgefährdeten Flüchtling aufforderte, endlich vom Dach zu springen. Die Geschichte fand ungeprüft Eingang auch bei Spiegel online und in andere Medien – bis dann ein maues Dementi folgte. Also: Ich hätte durchaus gewarnt sein können.

Was daran deshalb das zentrale Ärgernis ist: Es gibt nun mal Antisemitismus und Rassismus, in Hochzeiten der braunen Pest der AfD auch immer lauter, aggressiver, doch solchen Fake News machen es dem rechten Pöbel leicht, sich nach jedem Bericht über seine Schandtaten herauszureden. „Sind doch alles Fake News in den Lügenmedien.“

Was mich betrifft, werde ich künftig jedenfalls vorsichtiger sein: Was nicht doppelt geprüft wurde, wird nicht geteilt, nicht geliked und auch nicht kommentiert.

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