24.7.2010 von webmaster.
Irgendwo hat sich das in den Köpfen fest gebrannt: Zu Beginn der Neuzeit hält die Katholische Kirche mit aller Macht am Althergebrachten fest, stemmt sich gegen den unaufhaltsamen Fortschritt - und für den stehen die Anhänger der Reformation, je radikaler, um so fortschrittlicher.
In diese Zeit dieses Kampfes zwischen den Anhängern der alten Lehre und dem neuen Glauben führt uns C. J. Sansom mit seinem Historien-Krimi “Das Buch des Teufels“, in das London des Jahres 1543, in die Regierungszeit von Heinrich dem VIII. Doch so einfach ist es da gar nicht mit der Aufteilung in “Fortschrittlich” und “Reaktionär”.
Die Köpfe rollen in dieser Zeit jedenfalls nicht nur auf dem Schafott. Eine unheimliche Mordserie ereignet sich in London - eine Mordserie, die streng geheim gehalten wird. Denn je nach dem, was sich als Motiv der taten herausstellen könnte, wird sich das Machtgefüge zwischen den Befürwortern der Reform und den Parteigängern des Papstes verschieben. Wobei die gemäßigten Reform-Anhänger auch noch ein Problem haben: Ihre radikalsten Parteigänger rechnen nicht nur täglich mit dem Ende der Welt, der finalen Apokalypse - einige von ihnen könnten auch durchaus bestrebt sein, nicht erst Gottes Taten abzuwarten, sondern statt dessen die Apokalypse in die eigene Hand zu nehmen umd als Gottes Auserwählte ohne Umweg zur Erlösung zu gelangen.
Auf diesem gesellschaftlichen Hintergrund versucht der Anwalt Matthew Shardleck Licht in das Dunkel zu bringen - und umgeben von Fanatikern einen klaren Kopf und seine gesunde Skepsis zu bewahren.
Endlich wieder ein Historien-Roman, der ohne mystischen Firlefanz auskommt, eine spanende Geschichte stringent erzählt - und dabei ein realistisches Bild der aufkommenden Neuzeit zeichnet.
Ein Muss für alle Freunde des Historien-Krimis!
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24.7.2010 von webmaster.
Die meisten Autoren, die gerade unsere Bestsellerlisten füllen, dürften wohl schon eher als 50 Jahre nach ihrem Tod vergessen sein: Dass Albert Camus heute, über 50 Jahre nach seinem Autounfall, noch besonders häufig gelesen wird, ist dabei wohl ebenfalls zu bezweifeln. Um so mehr: Dank an den Rowohlt-Verlag, dass er vier Werke des Existenzialisiten nun in einer Sonderedition neu herausgegeben hat: “Der Fremde” , “Der erste Mensch“, sowie “Der Fall” und “Die Pest“.
Da mag aus heutiger Sicht “Der Fall” schwadronierend daher kommen, da mögen die Helden in “Die Pest” für unsere Begriffe sich schon etwas sonderbar ausdrücken, mag uns manches, was da in “Der erste Mensch” gesagt wird, fast pro-kolonialistisch anmuten und das Verhalten der Protagonisten in “Der Fall” logisch nicht wirklich nachvollziehbar: in allem, was Camus schreibt, steckt etwas Grundsätzliches, etwas, das wie die Frage nach der inidividuellen Entscheidungsfreiheit einen ewigen Bestand hat, eben gerade auch, weil Camus als Kind seiner Zeit schreíbt.
Wer etwas gegen den Mainstream lesen will: Unbedingt die Camus-Sonderausgabe von Rowohlt holen, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese vier Bücher mit dem roten Einband so handlich und so schmuck sind, dass man sie nicht nur gerne liest, sondern hier auch spürt, was Bücher alles ausmacht.
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11.7.2010 von webmaster.

Ihre meisten Einnahmen erzielt Nazareth, die israelische Stadt mit der arabischen Bevölkerungsmehrheit, wohl durch die christlichen Pilgerströme zur Verkündigungskirche. Ob sich die Pilger durch die Koran-Sure, nach denen ihnen der Eingang ins Paradies für immer verwehrt bleibt, beleidigt fühlen, ist nicht so ganz klar. Direkt angesprochen werden die ausländischen Besucher aber schon. Sonst würde die Sure wohl kaum auch noch in Englisch an dieser Stelle prangen.
Wie auch immer: Selbst, wenn sich einige Pilger beleidigt fühlen sollten - von Morddrohungen gegen die Mitglieder der Nazarether Stadtverwaltung ist nichts bekannt.

Aber man kann ja auch freundlich zueinander sein, selbst im Nahen Osten. Für den Besitzer eines Ladens in der Jerusalemer Altstadt ist es jedenfalls kein Problem, sowohl T-Shirts mit den Emblemen Palästinas als auch der Israelischen Verteidigungskräfte zu verkaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kunde beides will, ist vielleicht nicht hoch - doch ein guter Geschäftsmann ist eben auf alles vorbereitet und kennt keine Vorbehalte.
So widersprüchlich diese Bilder sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie - bzw. die Zustände, die sie zeigen - entstanden unter dem Schutz der israelischen Armee - und demonstrieren die Überlegenheit der demokratischen israelischen Gesellschaft.
Islam hin oder her: Wie lange würde in einem islamisch geprägten Land an einer Sehenswürdigkeit mit christlichem Hintergrund wohl ein Transparent hängen, von dem sch Touristen aus christlichen Ländern beleidigt fühlen könnten? Wohl nicht mal einen Tag! Denn da wären den Machthabern die Devisen näher als die Suren.
Und wie lange würde im Basar einer arabischen Stadt sich ein Laden halten, der T-Shirts mit israelischen Emblemen verkauft? Wohl keine fünf Minuten…
Man muss kein Freund der derzeitigen (frei gewählten) israelischen Regierung sein (die meisten Israelis sind, wie in Demokratien weit verbreitet, ohnehin selten Freunde ihrer jeweiligen Regierung): Aber es ist immer noch Israel, das im Nahen Osten für grundlegende Rechte wie Meinungs- und Religionsfreiheit steht, und, wie man sieht, diese Prinzipien bis an den Rand der Selbstaufgabe auch durchsetzt.
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19.6.2010 von webmaster.
Friseur-Besuch am Tag nach der deutschen Niederlage: Drei Damen unter der Haube analysieren ein 0:1-Ergebnis.
Wir lernen von Expertinnen, die in ihrer schon länger zurück liegenden Jugend wohl selbst auf dem Platz gestanden haben und seitdem auch international alle wichtigen Fußballspiele verfolgten:
- Wenn igrendwo eine deutsche Mannschaft auftritt, sprechen sich alle anderen dagegen ab.
- Schiedsrichter sind auch nicht unparteiisch, sondern pfeifen, siehe oben, immer gegen die Deutschen. Wenn von denen dann mal einer einen Fehler macht, dann kann man das ja auch verstehen.
Der schlagende Beweis dafür: “Die Zeitungen” (bei den drei Damen war das die BZ, hätte aber auch wohl jede andere sein können) sagen das ja auch…
Und schließlich, was “die Zeitungen” so direkt zwar nicht gesagt haben, aber im Zusammenhang steht: “Und die Politik versteh’ ich auch nicht mehr!”
Dabei ist dieser Zusammenhang doch eigentlich ganz klar: Auch in der Politik gibt’s keine Niederlagen, nur von den anderen missverstandene Siege.
Also: Wenn Du angeblich verloren haben sollst - ändere die Regeln, wechsele die Schiedsrichter aus.
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24.5.2010 von webmaster.
Eine historische Zeit, Personen, die zu dieser Zeit tatsächlich gelebt haben, Ereignisse, die auch stattgefunden haben: Also muss es ein historischer Roman sein. Dennoch: Beim Lesen von Bernard Cornwells “Das brennende Land“ fühlt man sich regelmäßig eher an Conan den Barbaren als an das frühmittelalterliche England erinnert, hat man ständig das Bild eines muskelbepackten Arnold Schwarzenegger vor Augen, der reihenweise seine Feinde massakriert.
Das liegt vor allem am Helden des Romans, dem Kriegsherren Uthred, als sächsischer Junge von Dänen, also von Wikingern entführt und aufgezogen, dann wieder im Dienst der Sachsen, eigentlich immer auf der Suche nach Rache, mal an denen, die ihm die Burg aus seiner Kindheit geraubt haben, dann an denen, die er für die Widrigkeiten seines aktuellen Schicksals verantwortlich macht. Eine historisch-authentische Geschichte des Englands des 10. Jahrhunderts, zerrissen zwischen rivalisierenden sächsischen und dänischen Königreichen ist das sicherlich nicht, dafür aber dann doch so packend, dass man den Roman als Schmöker im besten Sinn des Wortes ungern aus der Hand legt, bevor man auch die letzte Seite gelesen hat.
Und dann gibt es ja auch noch die durchaus realen historischen Bezüge, zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen dem alten Götterglauben und dem Christentum. Nicht sehr schmeichelhaft unbedingt auch für das Christentum: Denn wenn einer der “heidnischen” Häuptlinge zum neuen Glauben übertrat, steckte da meist politische Berechnung dahinter. Und man erfährt auch einiges über die Zeit der Sachsen, die vor den Normannen über England herrschten, immer im Streit nicht nur mit den Dänen auf Eroberungszug, sondern auch mit Walisern, Schotten und untereinander. Genau das war es natürlich, was England zum bevorzugten Ziel der beutesuchenden Wikinger machte.
Doch vor allem geht es im “Brennenden Land” um die Schilderung blutiger Kämpfe, um das Hohelied auf Kraft und Mut. Das ist bestimmt nicht jedermanns und erst recht nicht jederfraus Sache - aber, ich gestehe, für mich allemal spannender als die vorherrschenden auf feministisch gebürsteten “Historischen Romane” aus korrekter politischer Feder.
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13.5.2010 von webmaster.
Sie zeigt sich wieder einmal als literarische Chronisten des englichen Mittelalters: Rebecca Gablé mit “Hiobs Brüder”, einem Buch, das uns zurückführt in die Anfänge des normannischen Königreiches.
Da mögen die Schurken vielleicht etwas zu schurkig und durchsichtig, die Helden etwas zu gut und ihr regelmäßiges Glück in ausweglosen Situationen schon zu überzogen sein, aber den Lesefluss mindert das nicht im Geringsten - vielleicht sogar im Gegenteil.
Denn hier stimmt vor allem die Story!
Eine abgelegene Insel dient den Mönchen eines Klosters als “geschlossene Anstalt” für die Außenseiter der (an dieser Stelle nie ganz überwundenen) mittelalterlichen Gesellschaft: der geistig und körperlich Behinderten oder solcher, die man dafür hält. Und so fristen die aus einem winzigen Dorf stammenden siamesischen Zwillinge, ein Schwertkämpfer ohne Gedächtnis, ein psychotischer Massenmörder, ein Greis, der sich für einen verstorbenen Märtyrerkönig hält und andere auf diesem Eiland ein kümmerliches Leben - bis sie nach einem Unwetter gemeinsam von der Insel fliehen können.
Und auf ihrem Zug durch England geraten sie in die Fronten des Bürgerkrieges, der das Land zerreißt, den die adeligen Angänger von König Stephen und seiner Rivalin Maud auf Kosten des Volkes führen. Als Behinderte werden sie dabei weiter begafft, ausgestoßen und verfolgt, bis…
…eben bis der Schwertkämpfer sein Gedächtnis zurück erlangt, sich erinnert, dass er einst als “Schwert der Kaiserin” einer der führenden Köpfe in der Partei von Maud war, die gane Truppe unter abenteuerlichen Umständen mit Henry, dem Sohn von Maud, zusammentrifft, ihn auf den Thoin von England verhilft.
Und diese Geschichte ist so packend geschrieben, dass man das Buch nur ungerne aus der Hand legt, die Hunderte von Seiten fast verschlingt.
Ein Muss für alle Freunde des historischen Romans.
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9.5.2010 von webmaster.
Das unterhält die Touristen: Folklore-Shows im Vier-Sterne-Hotel - also Massai-Tänze in Kenia, Salsa in der Karbik oder meinetwegen, wie zuletzt gesehen, Sega auf Mauritius.
Nun sind die Massai, die sich da in kenianischen Strandhotels präsentieren, in der Regel nicht unbedingt Massais, leben auch nicht wirklich als Viehzüchter. Und die heißblütige Salsa-Tänzerin in der Karbik kann dem Feeling von Strand und Palmen womöglich gar nichts abgewinnen, versucht gerade, sich mit solchen Shows ihr Betriebswirtschaftsstudium in USA zu finanzieren.
Aber auch, wenn man selbst nicht so genau erkennen kann, worin denn nun der Unterschied bestehen soll zwischen Salsa, Sega, Samba und den anderen Kulturen, so lässt man sich von solchen Betrachtungen vor Ort doch nicht die Faszination “fremder Kulturen” verhageln. Zumal: Solche Folklore-Shows sind ja in Zeiten des Massentourismus für viele Reisende überhaupt die einzige Variante, mit der vermeintlich fremden Kulturen in Berührung zu kommen.
Und: Während man sich von der so ganz exotisch fesseln lässt, kann man sich doch herrlich abheben von all den tümlichen Musikantenstadl-Fans daheim.
Dann aber das: Während der heißen Sega-Show am Strand von Mauritius erklingen plötzlich wohlbekannte Klänge von daheim, und was die Sängerin da auf kreolisch von sich gibt, ist womöglich nur der übersetzte Text dazu. Wie fand denn hier Roland Kaisers dümmlicher Schlager von den sieben Fässern Wein Einzug in die doch so ursprüngliche und unverfälschte Kultur einer ostafrikanischen Insel?
Der deutsche Tourist mag da entstetzt sein - doch zum Glück für die Folklore-Macher gibt es ja noch Japaner, Chinesen, Inder unter all den Gästen. Und die finden auch den übersetzen deutschen Schlager immer noch authentisch.
Was solls? Folklore ist eben überall so ziemlich gleichermaßen tümelnd. Und das Volk zum Glück, wie Brecht schon sagte, eben nicht so tümlich.
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11.4.2010 von webmaster.
Dank an Guido Westerwelle! Der (wirtschafts)liberale Kenner der römischen Dekadenz schafft Anlass, sich mit historischer Literatur zu befassen - und verhilft so dem lesenswerten Roman “Titan” von Robert Harris zu einer besonderen Aktualität.
Nun spielt der Roman zwar nicht in der Phase des Untergangs des Reiches, sondern “nur” des Unterganges der Republik, aber auch dabei geht’s reichlich dekadent zu, auch, wenn gerade aus den Ruinen der Republik das viel mächtigere römische Kaiserreich entsteht.
Die Helden des Romans, die Helden der Geschichte:
Im Mittelpunkt geht es da um Cicero, dessen Leben und Wirken aus der Sicht seines Sklaven und Schreibers Tiro geschildert wird. Und was will der Staatsmann, dessen Reden immerhin Jahrtausende überstanden haben? Vordergründig vor allem, dass die Republik so erhalten bleibt wie sie ist, eine Republik, in der jeder seinen angestammten Platz hat - mit der Chance des Aufstiegs, so, wie er selbst ja ein Aufsteiger ist. Übertragen auf heute ist unser Held also ein Konservativer, der aber auch nichts dagegen hat, wenn seine politischen Zweckbündnisse ihm etwa eine neue Villa bringen.
Da sind natürlich Catalina und seine Freunde, die Aufrührer gegen die Ordnung. Was die meisten von ihnen eint, sind finanzielle Schulden - die sich durch einen Machtwechsel gerne loswerden würden, zu dem Zweck auch gern den allgemeinen Schuldenerlass fürs Volk verlangen. Von ihren Worten her stehen sie also eher “links”.
Da ist Crassus, der Banker und reichste Mann von Rom. Völlig wertfrei arbeitet er mit allen, die sein Geld nehmen - gleich ob Cicero, Catalina oder…
natürlich Cäsar: der denkt aber weniger an die Schaffung eines Weltreiches, als vielmehr daran, in Rom die unangefochtene Nummer Eins zu sein. Viel Alternativen dazu hat er ja auch nicht - denn ansonsten droht ihm der absolute finanzielle Ruin.
Politik im antiken Rom: Auch, wenn sich die “Parteien” entweder zu Patrizieren oder Plebejern bekennen (natürlich nie zu denen, die den Reichtum der Antike wirklich schufen, nämlich den Sklaven), geht es ihren Protagonisten um nicht viel mehr als um ihre persönlichen Belange.
Und dekadedent sind sie dabei natürlich alle, inklusive der Plebejer, die stets dem folgen, der am meisten von allen verspricht.
Nun, lieber Guido Westerwelle: Wo sehen wir uns in diesem alten Spiel?
Aber zum Glück ist Dekadenz im Licht der Geschichte ja nicht wirklich schlimm: Der dekadente Cäsar, auf der Flucht avor seinen Schulden, schuf so am Ende ja doch ein Weltreich, das einigen Bestand hatte… Und welcher “welt-Verbeserer” kann das von sich schon sagen?
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10.4.2010 von webmaster.
Tapfere Frauen, die sich in Männerkleidung durch eine feindliche Welt schlagen, geheimnisvolle Propheten, die tatsächlich prophezeien können, Sagen-Figuren mit übernatürlichen Fähigkeiten: Was sich da momentan auf dem Buchmarkt als historisch-mittelalterlicher Roman ausgibt, hat viel zu oft mit Historie nichts zu tun, sind nichts als reine Fantasieprodukte oft nicht einmal besonders fantasievoller Autoren, die alle mehr oder weniger nach dem gleichen Strickmuster voneinander abschreiben. Motto: Was einmal zu einem Bestseller reichte, reicht auch mir.
Und da zeichnet sich “Das Vermächtnis des Marti Barbany” von Chufo Lloréns durch Realitätssinn und solides Handwerk aus. Der Autor entführt uns in das Barcelona des 11. Jahrhunderts, in eine Welt, in der Fürsten, Feudal-Adel, Klerus und ein sich formierendes Bürgertum um Macht und Einfluss kämpfen, nicht nur gegen-, sondern auch immer untereinander, in eine brutale Welt, in der kaum etwas anderes als die Regel des Stärkeren gilt.
Der Aufstieg eines jungen Mannes, der mit fast Nichts in diese Stadt kommt, zu ihrem reichsten Bürger ist so, wie er im Roman geschildert wird, natürlich nicht Geschichte - doch im Unterschied zu anderen Autoren sagt Lloréns das auch, macht dem Leser hier nichts vor. Aber eben: in Ausnahmefällen gab es auch vergleichbare Karrieren, und eine, die es im Barcelona dieser Zeit tatsächlich gab, war auch die Vorlage zu diesem Werk.
Ein literarisches Wunderwerk voller überraschender Windungen und Wendungen darf der Leser hier nicht erwarten - aber immerhin solides solides schriftstellerisches Handwerk, eine spannend-packend geschriebene Geschichte, die in sich stimmig ist, eine ausgedachte Geschichte auf einem realistischen historischen Hintergrund. Und das ist mehr, als was man sonst meist findet…
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13.3.2010 von webmaster.
Jahrestage, die im öffentlichen Bewusstsein durchaus berechtigt so gut wie keine Rolle spielen: Im Februar 1970 gründeten meist ehemige SDS-Mitglieder in West-Berlin die KPD/AO (das AO zunächst noch für Aufbau-Organisation), im März 1980 löste sich die inzwischen zur KPD gemauserte “K-Gruppe” dann wieder auf. Doch der 40. bzw. 30. Jahrestag dieser immerhin zweitgrößten K-Gruppe (korrekter wäre: Organisationen. Lockere Gruppen waren da ja nicht), also einer der Erben-Organisationen der 68-er-Bewegegung sind, anders als 2008, als allgemein “1968″ gewürdigt wurde oder 2007, als man an RAF und “Deutschen Herbst” von 1977 erinnerte, keine großen Beiträge im Fernsehen und den Zeitschriften wert.
Dabei spielten diese untereinander meist verfeindeten “K-Gruppen”, vor allem KBW, KPD, und KB-Nord, dazu die lokalen “Sponti-Zirkel” sowie etliche trotzkistische Gruppen in den 70-er Jahren von den Vietnam-Demonstrationen bis Brokdorf eine wohl weit wichtigere Rolle als die Hand voll versprengter selbsternannter Guerilla-Kämpfer von der RAF. K-Gruppen und Spontis bewegten zwar nie die Massen, aber zusammen einige Hunderttausend waren es dann schon.
Und: einige Fragen von damals sind noch immer aktuell, wenn auch in anderer Form.
“Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 - 1977″ lautet der Untertitel von Gerd Koenens Buch “Das rote Jahrzehnt“, das mir vor einigen Wochen in die Hände fiel, keine wirkliche Neuerscheinung, aber wegen der aktuellen Jahrestage mit aktuell kalendarischem Bezug.
Um eine ausführliche Beschäftigung mit der RAF kommt Koenen bedauerlicherweise zwar auch nicht herum, aber anders als andere Autoren reduziert er sie auf ihre reale Größe, widmet sich vor allem den Vorläufern der 68-er, den 68-ern selbst - und dann vor allem der damaligen Sponti-Szene und eben den K-Gruppen als Haupt-Erben von 1968.
Und in mitunter schwer verdaulicher sozial-psycholgischer Sprache erinnert Koehnen da an etwas, was mehr oder weniger alle Beteiligten vergessen oder auch verdrängt hatten: Die 68 vorausgegangenen Protest- und Oppositionsbewegungen der alten Bundesrepublik - gegen Wiederbewaffnung, gegen Atom-Rüstung u.a. - brachten in der Regel mehr Menschen auf die Straße als die 68-er. Und auch die unpolitische “Halbstarken-Szene” de 50-er Jahre bewegte einige Leute mehr.
Das besondere an 68 und den daraus folgenden Bewegungen und Organisationen war also die bis dahin zumindest im Nachkriegs-Europa unbekannte Radikalität, von Koenen recht schlüssig begründet mit der Generation, die damals Bühne betrat: Denn die - wenigen - Jahrgänge, die für “68 und die Folgen” die Szene bestimmten, meist geboren zwischen 1948 und 1955, waren die ersten echten Nachkriegs-Geborenen, die Jahrgänge, die weder Krieg noch materielle Not aus eigenem Erleben kannten, sich also ihren persönlichen Existenzkampf in der Theorie zurechtzimmerten - und dann darauf brannten, das ganze in der Praxis nachzuspielen.
Und auch da weist Koenen auf eine interessante deutsche und auch japanische Besonderheit hin. Zwar gab es diese Generationenbewegung in allen Ländern der westlichen Welt, aber in Deutschland und Japan eben besonders radikal. In den anderen Ländern lautete der Generationen-Vorwurf nämlich: Ihr habt im Krieg gegen den Faschismus zwar die gerechte Sache vertreten, aber niemals konsequent genug - und habt die gerechte Sache oft genug verraten. In Deutschland und Japan lautete der vorgetrage Vorwurf dagegen: Ihr ward die Faschisten, die die ungerechte Sache vertreten haben. Und dazu, so Koenen, kam noch der unterbewusste, aber natürlich nie vorgetragene Zusatz: Und ward nicht konequent genug, habt eure Sache verraten und alles verloren.
Egal, ob einst Sponti, Trotzkist, Maoist oder zu welcher der Fraktionen man damals immer gehörte: Dieses Gedanken-Konstrukt bestimmte alles Handeln. Man stand gegen den Faschismus und was immer ihm auch folgte, also Imperialismus, Kolonialismus, war natürlich anti-amerikanisch und, was im nachhinein besonders erschrecken lässt, auch anti-zionistisch. Wobei, und das macht dann besonders erschrocken: Mit dem Anti-Amerikanismus und vor allem dem Anti-Zionismus war man auch damals wirklich mehrheitsfähig.
Das alles war gezeichnet nicht nur von jugendlichem Größenwahn, sondern auch von einem Schuss deutschem Größenwahn - ganz nach dem Motto: Heute besetzen wir die Uni - und morgen die ganze Welt.
Koenen zeichnet das nun nach, erzählt - da allerdings mit Augenzwinkern und fast wehmütiger Erinnerung - von seiner eigenen Zeit beim KBW, der zahlenmäßig größten dieser K-Gruppen, von dem Größenwahn, der sich in diesen Organisatione mit Verfolgungswahn (man war ja von Feinden umgeben) und Hang zur Tyrannei gegenüber den eigenen Genossen (denn auch der Verrat lauerte ja überall) paarte.
Nur: K-Gruppen und Sponti-Initiativen lösten sich ab 1980 auf, hinterließen letzlich lediglich jede Menge bedrucktes Papier - und einen Haufen Leute, die, diszipliniertes, zielgerichtetes politisches Arbeiten gelernt hatten, das, wenn sie überhaupt noch aktiv sind, bei Grünen, Sozialdemokraten, Gewerkschaften oder anderen Organisationen nun weit sinnvoller anwenden, die Gesellschaft so ab 1980 tatsächlich veränderten.
Doch warum soll das heute noch jemanden interessieren? Wenn die Akteure des “Roten Jahrzehnts” ihre Erfolge erst danach erzielten, spielt das doch alles keine Rolle mehr…
…gäbe es da nicht die Wiedergänger, die Wiederholung der Geschichte.
Wer in den Großstädten aufmerksam durch die Straßen geht, kommt an den kleinen Aufklebern, auf denen dem Kapitalismus der Kampf geschworen wird, nicht drum herum. Durch die Kieze geistert eine “Autonome Szene”, die regelmäßig vermeintliche “Luxus-Karossen” abfackelt, der Kaufhaus-Brandstiftung von Andreas Baader nicht unähnlich. Die Nacht des 1. Mai wird wohl nicht nur in Berlin vermutlich wieder ziemlich heftig. Und schließlich: Auch die islamistische Sauerland-Zelle, die jungen, militanten Konvertiten von heute zeigen manche Parallele zu den 68-ern, Anti-Amerikanismus und Anti-Zionismus im Besonderen.
Im Grunde wissen wir nicht einmal, welche Jahrgänge gerade ihr ganz persönliches rotes oder schwarzes oder wie auch immer gefärbtes Jahrzehnt durchleben. Wie sehen nur die Pointe der Geschichte: Die Protagonisten von “68 und Folgen” stehen inzwischen als biedere Repräsentanten der Gesellschaft, gleich ob grün, ob rot, manche auch liberal diesem Phänomen so verständis- und sprachlos gegenüber wie das Establishment anno 1968 ihnen selbst.
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