Nazis, Islamisten und das „Diktat von Versailles“ – wie Identitäts“linke“ NS-Verbrechen entschuldigen

Als alter weißer Mann, der ich nun bin, bekam ich in der Schule von meinen Lehrern, die selbst entweder in der NS-Zeit Schüler oder auch schon Lehrer waren, das zu hören: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg waren eine Folge des „Diktats von Versailles“. Dieses „Diktat“ habe Deutschland als Verlierer des Ersten Weltkrieges schließlich rechtlos gemacht, in die Armut getrieben, kaum einen anderen Ausweg gelassen. Also: An den Verbrechen des NS-Regimes waren nicht allein die deutsche Nationalsozialisten, sondern mehr oder weniger alle schuld. Dank der Schüler- und Studentenbewegung von 1968 war ich damals schon skeptisch genug, um das nicht einfach so zu schlucken, und in den folgenden Jahrzehnten ist diese Argumentationskette dann auch fast ganz aus dem Diskurs verschwunden. Bis sie jetzt wieder ihre Auferstehung feiert, und zwar bei so genannten Linken, den Identitäts“linken“ – immer dann, wenn es um den Islamismus geht.

Da ist dann zwar nicht mehr ein gedemütigtes Deutschland das Gerechtigkeit fordernde Opfer rachsüchtiger Siegermächte, da sind dann „die Muslime“ die unschuldigen Opfer von Kolonialismus, Unterdrückung, Ausbeutung durch die Länder des „Westens“. Und irgendwie sind auch wieder einmal die Juden, diesmal heißt es Israel, schuld: Denn das unterdrückt doch die Palästinenser, hat die von ihrem Land vertrieben. Der Terrorismus, die Mordzüge der Dschihadisten seien zwar nicht richtig, aber dass die Opfer sich nun wehren, müsse man doch auch verstehen. Dass mit dieser Argumentation ursprünglich die NS-Verbrechen relativiert und entschuldigt wurden, interessiert unsere verständnisvollen Identitäts“linken“ offenkundig nicht.

Nach den Morden in Frankreich und in Dresden haben sich auch führende Vertreter der Linken, aus der SPD etwa Kevin Kühnert, von den Grünen nicht nur Robert Habeck und Cem Özdemir und auch von der Linkspartei klar gegen den Islamismus positioniert, einen konsequenten Kampf gegen die Terroristen und ihr Umfeld gefordert. Doch das ruft nun verstärkt die Anhänger der Identitäts“linken“ auf den Plan, die eben lange Zeit den Islamismus mehr oder weniger zumindest „aus den eigenen Reihen“ unwidersprochen relativieren oder zu ihm schweigen konnten.

Doch wie wollen die Identitäts“linken“ den islamistischen Terror bekämpfen? Das Zauberwort heißt „Ursachen bekämpfen“. Da soll „der Westen“ die kolonialistischen Verbrechen, die es ja zweifelsohne gab, „wieder gut machen“, was immer das bedeuten mag. Da soll man aufhören, „die Muslime“ zu „provozieren“, also Rücksicht auf ihre Gefühle, ihre Kultur nehmen, auf böse Karikaturen verzichten. Statt sie auszuschließen muss man mit allen Islam-Verbänden, und seien sie auch noch so reaktionär, reden. Statt Verschleierungsverbote zu verhängen soll der Staat auch Richterinnen und Lehrerinnen mit Kopftuch tolerieren, damit auch alle gleichberechtigt teilhaben können. Und wenn im Zuge der Terrorismusfahndung bei einer Razzia vielleicht auch einmal eine Moschee durchsucht wird, bitte nur „kultursensibel“ – die Polizisten ziehen die Stiefel aus. Das logisch weitergedacht: An der aktuellen Eskalation des Islamismus sind nicht Mörder, sondern ist Frankreich schuld, weil es starrköpfig an der Meinungsfreiheit, an der Trennung von Staat und Religion festhält.

Zur historischen Erinnerung: Die Nationalsozialisten konnten an die Macht gelangen, weil die Weimarer Politik sie zuvor weitgehend gewähren ließ, ihnen immer wieder nachgab. Und besiegt wurden die Nationalsozialisten nicht durch Gesprächskreise, sondern einzig und allein durch eine gemeinsame blutige Kraftanstrengung der frei gebliebenen Länder.

Nein, trotz vergleichbarer Argumentationsketten, wie in den 1950er und 1960er Jahren in (West)Deutschland der Nationalsozialismus und heute von den Identitäts“linken“ der Islamismus erklärt wird: Das macht unsere Identitäts“linken“ noch längst nicht zu Widergängern der Nachkriegs-Altnazis. In Europa droht auch keine islamistische Machtübernahme. Da ist die Gefahr einer rechtsradikalen Machtübernahme weit realer. Aber die Identitäts“linke“ macht sich zum nützlichen Idioten des Islamismus. Und Linke, Linkskliberale und Liberale können den Kampf gegen Rechtsradikalismus und Islamismus nur gewinnen, wenn sie – gemeinsam mit den demokratischen Konservativen – die konsequente Auseinandersetzung mit der Identitäts“linken“, dieser besonderen Form der Identitären führen.

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