Von guter und böser Wissenschaft oder: Wie wissenschaftsfreundlich sind die „Progressiven“ wirklich?

In den Zeiten der Corona-Pandemie wurde wieder einmal deutlich: Progressive, liberale, demokratische Regierungen hören scheinbar auf den Rat der Wissenschaft, rechte Populisten schlagen alle Warnungen in den Wind. Während nun die einen angesichts des gefundenen Impfstoffes aufatmen, fantasieren wissenschaftsfeindliche ultrarechte Propagandisten von Mikrochips, die den Menschen bei bevorstehenden Zwangsimpfungen zwecks Gedankenkontrolle implantiert würden. Und als die rechtsradikale Regierung Ungarns eine ausländische Privat-Universität außer Landes trieb, gleichzeitig an den landeseigenen Universitäten ganze Forschungsrichtungen unterband, demonstrierten linke und demokratische Kräfte europaweit für die Freiheit der Wissenschaft, gegen diesen staatlichen Eingriff in Lehre und Forschung. Soweit sind die Fronten offensichtlich klar: Wissenschaftsfeindlichkeit steht rechts, die Freiheit der Wissenschaft links. Nur: Wie ernst nehmen die „Progressiven“, die „Linken“ es wirklich mit der Freiheit der Wissenschaft? Die Antwort: Sehr ernst – allerdings nur bei der genehmen Forschung und Lehre.

Linke Theorie in Sachen Wissenschaft sah früher einmal so aus: Der Fortschritt der Wissenschaft lässt die Produktivkräfte aufblühen, führt die Menschheit in das Reich der Freiheit, frei von Plackerei und Unterdrückung. So jedenfalls meinten es noch Marx und Engels, die Ahnherren der sozialen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Doch das war eben nur die Theorie. In der Praxis entschieden sich die Träger der sozialen Bewegung, die Ausgebeuteten und Unterdrückten, bei der Wahl zwischen schlecht bezahlter Plackerei und technischem Fortschritt verbunden mit eigener Arbeitslosigkeit und Hunger für die Plackerei, zerschlugen wie die schlesischen Weber die Maschinen. Und noch über hundert Jahre später blieb technischer Fortschritt auch dem fortschrittlichsten Gewerkschafter suspekt. Computer im Büro? Nein danke, denn das kostet Arbeitsplätze. Eine vernünftige Balance zwischen Wissenschaftsfreiheit und der Abwägung von Risiken, die die Anwendung mancher Forschungsergebnisse mit sich bringen mag, will sich bis heute nicht so richtig einstellen.

Werfen wir dazu einen Blick auf die Geschichte der Grünen, die als Partei der Kernkraftgegner, als Gegner der Gentechnologie begannen. Nun ist die Vorstellung von geklonten Menschen wirklich gruselig, sprechen bei Abwägung von Chancen und Risiken, siehe Tschernobyl und Fukushima, gute Argumente gegen den Bau von Atomkraftwerken zur Energiegewinnung. Nur: Soll man wegen möglicher Risiken bei späterer Anwendung auch alle Forschung stoppen? Zumindest mit der medizinischen Genforschung haben die Grünen jetzt zwar ihren Frieden gemacht, doch etliche Anhänger bleiben lieber weiter auf dem Kriegspfad.

„Auf die Wissenschaft hören…“ war das von Greta Thunberg formulierte Motto der Friday-for-Future-Bewegung, ein Motto, dass von Progressiven, von Linken und Grünen gern übernommen wurde. Doch auf die Wissenschaft hören will man eigentlich nur bei bei der Klimaforschung und noch bei den so genannten Gender-Studies. Ansonsten hört man eher weg. Hätten grüne, linke. progressive Funktionäre zu entscheiden gehabt, gäbe es vermutlich kein CERN. Kernphysik- und Weltraumforschung erfreuen sich auch nicht besonderer grüner oder linker Förderung. Da denkt man eher: Die Milliarden, die das kostet, sollte man doch lieber in Soziales investieren.

Diskutiert man mit solchen Progressiven etwa über „Künstliche Intelligenz“ oder „autonomes Fahren“, hört man ebenfalls meist erst einmal Bedenken. Die sind bestimmt auch angebracht, sollten dabei aber doch nie im Vordergrund stehen.

Auch bei den Geisteswissenschaften sieht es, abgesehen eben von Gender-Studies, mit linker Wissenschaftsfreundlichkeit nicht anders aus. Ein Sprachwissenschaftler, der darauf hinweist, dass nach allen Forschungsergebnissen sich Sprache organisch entwickelt, nicht nach Geschlechter- oder anderen Gerechtigkeits-Richtlinien, sondern einfach nach dem Prinzip, immer komplexere Sachverhalte immer einfacher zu erklären und dass sich das weder durch Parteitagsbeschlüsse noch Verwaltungsrichtlinien ändern lässt, hätte in pro-feministischen Kreisen einen ziemlich schweren Stand. Das gilt auch für den Historiker, der in Abweichung von den Vorgaben des „Postkolonialismus“ zur Geschichte der Sklaverei forscht und dabei feststellt, dass die britischen Imperialisten den transatlantischen Sklavenhandel unterbanden, während der ostafrikanische Sklavenhandel mit Arabien in voller Blüte stand. Dazu passt: Nach einer jetzt veröffentlichten Studie ist ein Drittel der Studenten der Geisteswissenschaften der Meinung, dass Lehrmeinungen, die der „feministischen“ oder „antirassistischen“ Erkenntnis widersprechen, von der Universität zu verbannen sind. Klar auch: Diese Studie, die nicht ins Bild linker Wissenschaftsfreundlichkeit passt, sollte ebenfalls als unwissenschaftlich verbannt werden.

Mein persönliches Fazit: Ich wäre gern Mitglied einer Partei, die in allen Bereichen auf die – vielfältigen und auch widersprüchlichen – Stimmen aus der Wissenschaft hört, bin es aber leider nicht. Denn eine solche Partei scheint es wohl nicht zu geben.

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