Vielfalt? Aber bitte ohne Juden! Über den versteckten Antisemitismus identitärer „Diversitätsstrategien“

Kein Zweifel: Die Koalitionsparteien des Berliner Rot-Rot-Grünen Senats sind über den Verdacht, dem Antisemitismus in irgendeiner Weise Vorschub leisten zu wollen, absolut erhaben. In Sachen Erinnerungskultur ist Berlin sogar geradezu fast vorbildlich. Stolpersteine für die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Juden werden gepflegt, auch regelmäßig neue Gedenkstätten für die Opfer der NS-Herrschaft eingerichtet. Kommt es irgendwo in der Stadt zu antisemitischen Übergriffen, lassen die Solidaritätserklärungen nicht auf sich warten. Nur: Bei den diversen Diversitätsstrategien, mit denen die gesellschaftliche Vielfalt gefördert, diskriminierte Minderheiten „sichtbar“ gemacht und Repräsentanten dieser Minderheiten in gesellschaftliche Prozesse einbezogen werden sollen, kommen Juden (Achtung: das gilt auch für Jüdinnen) nicht vor. Das sollte nicht verwundern. Die Identitätspolitik, die diesen Diversitätsstrategien zugrunde liegt, hat schließlich auch ihre antisemitische, ihre antijüdische Seite – so wie alle Ideologien, die das Kollektiv, auf Neudeutsch „Community“, über das Individuum stellen.

Ein Beispiel aus dem Programm der Berliner Grünen für die anstehenden Abgeordnetenhauswahlen: Um Berlins Lehrerschaft vielfältiger werden zu lassen, sollen künftig verstärkt Schwarze und „People of Color“ für den Lehrerberuf gewonnen werden. Das klingt zunächst einmal ganz nett, dagegen ist nichts einzuwenden, doch ein paar Fragen tun sich schon auf. Um den unbestreitbaren Lehrermangel in Berlin zu beheben, hätte man natürlich auch sagen können: Wir werden verstärkt für den Lehrerberuf werben, auch in Bevölkerungsgruppen, in denen man sich eher seltener dafür entscheidet. Doch das sei hier in diesem Zusammenhang nicht weiter ausgeführt. Deshalb zunächst einmal die Frage an die Freunde der „gendergerechten diskriminierungsfreien Sprache“: Wieso wäre das deutsche Wort „Farbige“ diskriminierend, das englische (amerikanische) „People of Color“ aber nicht? Vor allem aber: Will man etwa keine Juden (und Jüdinnen) verstärkt für die Schulen gewinnen?

Das aktuelle Beispiel ist alles andere als ein Einzelfall. Auch wenn zumindest in Deutschland die Vertreter (nicht zu vergessen: die Vertreterinnen) der Identitätspolitik jederzeit betonen, allen Formen des Rassismus und Antisemitismus jederzeit und überall entgegentreten zu wollen, werden in den unterschiedlichen Diversitätspapieren, in denen man ansonsten gerne um niemanden auszuschließen alle einzelnen Minderheiten namentlich genannt aufführt, die Juden nicht mit genannt, vermutlich auch nicht mit gemeint.

Daran, dass Juden keine diskriminierte Minderheit darstellen, dürfte das nicht liegen. Kaum Angehörige einer anderen Minderheit leben in Deutschland so gefährlich wie die Juden. Nicht umsonst stehen jüdische Einrichtungen unter – oft genug nur ungenügendem – Polizeischutz; auf deutschen Schulhöfen, vor allem in so genannten Brennpunktvierteln, ist „Jude“ das mit am häufigsten gebrauchte Schimpfwort.

Liegt es vielleicht daran, dass die meisten Juden „weiß“, als Angehörige einer Minderheit so nicht erkennbar sind? Ein gläubiger, Kippa tragender Jude ist sehr wohl als solcher zu erkennen, für einen orthodoxen Juden gilt das erst recht. Auf Berliner Straßen mit Kippa spazieren zu gehen, ist allerdings insbesondere in besonders „vielfältigen“ Bezirken nicht angeraten, wie etliche Beispiele schon schlagend bewiesen. Merkwürdig allerdings: Kein gläubiger Jude unter Berlins Beamtenschaft, und da sollte es doch schon einige geben, hat jemals gegen seinen Dienstherren geklagt, weil ihm das Berliner Neutralitätsgesetz das Tragen einer Kippa im Dienst verbietet. Solche Klagen gab es bisher nur von Kopftuchträgerinnen, Prozesse, die meist finanziert wurden von Organisationen mit Verbindungen zum Islamismus.

Möglicherweise muss man unter den Juden auch gar nicht für den Lehrerberuf werben, gibt es auch zahlreiche als Juden „erkennbare“ Lehrer. Doch die unterrichten lieber an jüdischen Schulen jüdische Kinder, weil denen eben wegen der real existierenden Diskriminierung, der real existierenden Judenfeindlichkeit der Besuch allgemeiner öffentlicher Schulen kaum zugemutet werden kann.

Vielleicht erklärt das den Umstand, dass in den identitär geprägten Diversitätsstrategien Juden nicht genannt werden, auch nicht mit gemeint sind: Man hält sie für eine „privilegierte“ Minderheit, sieht sie als eine Gruppe, deren Angehörige ohnehin zu den „Arrivierten“ zählen. Juden als heimlich herrschende Minderheit – genau das ist aber das Weltbild des gemeinen Antisemitismus. In Deutschland wird das kaum ein Anhänger von Diversität und Identitätspolitik so offen sagen. In den USA dagegen machen einige führende Vertreter dieser Identitätspolitik aus ihrem Antisemitismus, aus ihrer Judenfeindlichkeit kaum einen Hehl.

Ich bin alles andere als ein Freund einer Identitätspolitik und von Diversitätsprogrammen, die Menschen nach Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit oder sexueller Prägung betrachtet und in Gruppen einordnet, statt das einzelne Individuum nach seinem Können und Wollen, nach seinen Bedürfnissen zu sehen. Ich bin auch absolut dagegen, irgendeiner Gruppe etwa quotengeregelte Sonderrechte einzuräumen. Wenn überhaupt, dann würde ich angesichts der deutschen Geschichte solche Rechte nur der Gruppe zusprechen, deren Vertreter das gar nicht für sich fordern, sich aber immer dann protestierend zu Wort melden, wenn Angehörige einer anderen Minderheit, seien es „People of Color“ oder Muslime diskriminiert oder bedroht werden, also jener Minderheit, die am leidvollsten erfahren hat, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung führt: den Juden.

Und so lange Juden (und Jüdinnen) nicht ausdrücklich mit genannt sind, will ich von Diversitätsforderungen nicht einmal mehr etwas hören.

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