Orwell, Indianer und eine Entschuldigung: Wie sich „Antidiskriminierung“ ins totalitäre Gegenteil verkehrt

Es gab eine Zeit, da verwiesen demokratische Linke und Liberale beim Kampf gegen einen möglichen Überwachungs- und Obrigkeitsstaat stets auf George Orwell: Eine eindringlichere Warnung vor totalitärer Kontrolle und systematischer Umerziehung durch einen „Großen Bruder“ als sein „1984“ konnte es nicht geben. 1984 ist zwar längst vorbei, der bürgerliche Staat hat sich in Deutschland nicht zum totalitären Überwachungs- und Umerziehungsstaat gewandelt, doch Orwell bleibt nach wie vor aktuell. Auch die Anhänger der sogenannten Identitätslinken scheinen ihn gut zu kennen. Nur: Sie haben dabei etwas gründlich missverstanden. Das zeigte in aller Deutlichkeit der Verlauf der Landesdelegiertenkonferenz der Berliner Grünen.

Wurde bisher kritisch über die Auswüchse der Identitätspolitik reflektiert, verwies man meist auf Beispiele aus Universitäten in den USA: auf die Verbannung angeblich diskriminierender Literatur aus den Lesesälen, auf die nachträgliche Kürzung von Filmklassikern, auf die Entlassung von Lehrkräften, die gegen die Regeln der „Politischen Korrektheit“ verstoßen haben sollen. In den USA hat diese Identitätspolitik mit ihrer Quotenfixiertheit, der „diskriminierungsfreien Sichtbarmachung“ aller möglichen echten oder vermeintlichen ethnischen und sexuellen Minderheiten längst die Universitäten verlassen. Da wird inzwischen auch in der Politik nicht mehr gefragt, was jemand sagt oder macht, da wird vor allem in der Demokratischen Partei immer öfter zuerst gefragt, wer etwas sagt und macht. Die auch hierzulande gefeierte US-Vizepräsidentin Kamela Harris würde in Deutschland mit ihrer bisher praktizierten Law-and-Order-Linie vielleicht als „rechtsaußen“ in die CSU passen, aber das stört die Linksidentitären nicht: Hauptsache eine farbige Frau steht an der Spitze und nicht etwa ein alter weißer Mann (Den weißen Präsidenten nimmt man vorübergehend noch in Kauf). Dass diese Identitätspolitik in den USA dem Demokratiefeind Donald Trump fast eine zweite Amtszeit beschert hätte darf einen wahren Identitätspolitiker jedenfalls nicht weiter stören.

Doch die Berliner Grünen mussten unbedingt beweisen, dass sie alle amerikanischen Beispiele identitätspolitischer Auswüchse mit Leichtigkeit noch toppen können. Chronologie einer Delegiertenkonferenz, also eines Parteitages, die mit ihrem in den Medien noch verharmlosend als „Indianerposse“ beschriebenen Ausgang in die deutsche Parteiengeschichte eingehen könnte:

Dass die Berliner Berliner Grünen in ihrem Landeswahlprogramm alle möglichen Forderungen erheben, um jedweder Form von Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung zu begegnen, versteht sich ganz von selbst. Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind schließlich auch ein Grundübel der Gesellschaft, müssen wirkungsvoll bekämpft werden. Ob das, was die Berliner Grünen vorschlagen, tatsächlich wirkungsvoll ist, muss sicher diskutiert werden, doch solche Diskussionen sollten in einer weltoffenen Demokratie ohnehin ständig auf der Tagesordnung stehen.

Was aber nicht auf der Tagesordnung einer demokratischen Debatte stehen darf ist die Ausforschung individueller Befindlichkeiten, ist es, wenn auf einem Parteitag alle Kandidaten (nicht gegendert, weil es wirklich nur die Männer traf) die Frage beantworten müssen, ob sie sich auch „kritisch mit ihrer Männlichkeit“ befasst haben. Wenn dann auch noch ein männlicher Bewerber gefragt wird, warum er glaube, qualifizierter zu sein, als eine „junge Frau mit Migrationshintergrund“, ist der Abschied von den Prinzipien der Aufklärung fast komplett: Was jemand sagt, ist nicht mehr wichtig, es zählt allein, wer etwas sagt. Und was die „junge Frau mit Migrationshintergrund“ sagt, hat da automatisch mehr Gewicht als die Worte eines weißen Mannes.

Da bleibt den Männern nur die Selbstkritik dafür, dass sie Männer sind. (Was solls: In manchen „intersektionalen“ feministischen Gruppen müssen weiße heterosexuelle Frauen sich ja auch selbstkritisch mit ihrer „angeborenen Privilegiertheit“ befassen.)

Aber bei aller Selbstkasteiung, bei aller Überwindung von Männlichkeit oder „Weiß-sein“: Etwas Personality-Show muss trotzdem sein. Und so wird Bettina Jarasch, die grüne Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin in Berlin, zum Abschluss in einem Interview von ihrem Wahlkampfteam gefragt, was denn ihre Kindheitsträume gewesen seien. Da sagt sie ganz spontan und sicher ehrlich: Sie wäre gerne Indianerhäuptling geworden.

Da hat sie doch tatsächlich „Indianer“ gesagt! Nun nennt sich die Bürgerrechtsbewegung der US-amerikanischen Ureinwohner zwar selbst „AIM“ für „American Indian Movement“, aber das hat unsere wachsamen identitären Sprachpolizisten nicht daran gehindert, das Wort „Indianer“ als diskriminierend und rassistisch auf den Index zu setzen, ganz so wie jenes ominöse „N-Wort“, das man nicht einmal mehr benutzen darf um darauf hinzuweisen, dass es dieses Wort tatsächlich einmal ausgeschrieben und ausgesprochen gab. Da kann es nur eines geben: Die Spitzenkandidatin muss Abbitte leisten, was sie dann wirklich tut. Wer sich da an stalinistische Selbstkritikrituale erinnert fühlt, liegt nicht ganz verkehrt.

Nur: Mit Selbstkritik ist es bei einem solchen Sprach- und Gedankenverbrechen nicht getan, das Wort muss aus der Welt! Und zu diesem Zweck wird die Passage aus dem Parteitagsvideo herausgestrichen, die Vergangenheit ganz wie in Orwells „1984“ passend gemacht.

Liebe Berliner Grüne, das ist es, was Ihr an Orwells „1984“ missverstanden habt: Das Buch war nicht als Handlungsanleitung sondern als Warnung gedacht!

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