Der Ketzer muss brennen oder: Wie sich die liberale Öffentlichkeit selbst entleibt


Ein beliebtes Motto der liberalen Gesellschaft, wenn es gegen den rechten braun-blauen Mob geht: Stoppt den Hass. Nun wird sich der Mob durch solch freundliche Appelle weder von seinem Hass auf noch von seinen Taten gegen alles „Fremde“ abbringen lassen, ist auch nicht wirklich klar, warum man nicht selbst Rassisten, Homophobe, Faschisten und Neonazis hassen darf, aber wir erfahren durch solche Parole immerhin: Liberale, Linke, Anhänger der weltoffenen Gesellschaft sind gegen Hass. Es sei denn, der Hass richtet sich gegen die vermeintlichen Ketzer aus den eigenen Reihen.
Da gilt dann der Satz: Der Ketzer muss brennen. Natürlich könnte sich auch jemand finden, der den Ketzer dann verteidigt. Nur: Wer den Ketzer verteidigt, steht unter Verdacht, selbst ein Ketzer zu sein. Und da wiederum gilt das Prinzip der alten Hexenverfolgung und stalinschen Schauprozesse: Der Angeklagte ist schuldig, weil er angeklagt ist. Mit jedem Versuch der Verteidigung stellt er sich gegen die moralische Institution der Anklage, beweist er dadurch seine Schuld.

Aktuell verfolgbar ist das an der allgemeinen Empörung in Medien und Parteien über eine Äußerung von Boris Palmer, des in der eigenen Partei so ungeliebten grünen Bürgermeisters aus Tübingen. Der hat doch in einer Kritik der gegenwärtigen Corona-Politik gesagt: Damit retten wir hier Menschen, die ohnehin bald gestorben wären. Und daraus wird dann die Behauptung, Palmer habe gesagt, dass wir sie dann doch gleich sterben lassen sollten.
Das hat er zwar nie gesagt, doch das zählt im Hexenprozess natürlich nicht. Nimmt man nur diesen einen Satz, könnte er ihn ja so gemeint haben.
Nun stand dieser eine vielzitierte Satz in einem Kontext. Und in diesem Kontext hatte Palmer gesagt, dass die Politik des Lockdown in den reichen Ländern zwar einigen tausend Menschen das Leben verlängern mag, die wirtschaftlichen Folgen aber weltweit zur Verarmung, in den Ländern Afrikas und Asiens zu Massenelend und einer Kindersterblichkeit im Millionenbereich führen. Also wäre es doch statt eines allgemeinen Lockdown viel sinnvoller, die besonders gefährdeten Alten und Vorerkrankten intensiv vor dem Virus zu schützen, Wirtschaft und gesellschaftliches Leben ansonsten aber weitgehend weiterlaufen zu lassen. Eine solche Äußerung mag richtig oder falsch sein, wäre aber kaum ein Grund für moralische Empörung und allgemeine Ächtung.
Nur: Im Hexenprozess spielt auch das keine Rolle. Denn der Angeklagte hat der unumstößlichen Lehre von der Richtigkeit der gegenwärtigen Corona-Politik widersprochen. Das mag anderen mit amtlicher Lehrbefugnis im engen Expertenkreis in Einzelfällen erlaubt sein, dem Angeklagten aber nicht. Der war den moralischen Instanzen schließlich schon öfter unangenehm aufgefallen.
Der Hass des rechten Mobs wird die liberale Gesellschaft kaum zugrunde richten. Diese Macht hat der Pöbel nicht. Mit ihren moralischen Instanzen wird sich die liberale Gesellschaft eher selbst entleiben.

Schreibe einen Kommentar