Spiegel online & Co.: Vom ganz alltäglichen, „neutralen“ Antisemitismus

Eine aktuelle Meldung heute auf Spiegel online, bei deren Überschrift man sich doch fragt, wo eigentlich die Meldung ist: „Israelischer Soldat stirbt bei Einsatz im Westjordanland“. Erlitt er einen Herzinfarkt? War es ein Schlaganfall, vielleicht eine nicht rechtzeitig erkannte Corona-Infektion? Nur: Angesichts der Vielzahl von Herzinfarkten, Schlaganfällen und auch Corona-Toten wäre das kaum eine Spiegel-online-Meldung geworden. Oder hängt dieser Todesfall mit Terrorismus, mit einem Attentat zusammen? Jedenfalls nicht in der so neutralen Berichterstattung von Spiegel online und Co. Da werden Israelis, also Juden, nicht ermordet, da sterben sie eben irgendwie. Das kann man objektive Berichterstattung nennen. Man kann aber auch Judenfeindlichkeit und Antisemitismus dazu sagen.

Dass der junge Soldat nicht einfach so gestorben ist, erfährt man dann immerhin, wenn man den ganzen Text liest. Da erfährt man: Er wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Der Stein hatte sich auch nicht wie bei einem Unfall vom Dach gelöst, er war gezielt auf den Soldaten geworfen worden. Das war streng genommen auch nicht beim Einsatz, nämlich einer Razzia. Die war nämlich schon vorbei, und die Soldaten waren gerade beim Abzug aus dem palästinensischen Dorf, in dem sie die Razzia durchgeführt hatten. Da hätte die Überschrift „Israelischer Soldat nach Razzia durch Steinwurf getötet“ theoretisch auch gepasst. Aber das war den Autoren von Spiegel online wohl nicht objektiv, nicht neutral genug.

Zum seriösen, neutralen Journalismus à la Spiegel online gehört nun aber auch, den Leser über die Hintergründe zu unterrichten. Da wird uns dann mitgeteilt, dass erst kürzlich israelische Polizisten im Westjordanland einen Mann erschossen haben. Dass dieser Mann, wie es weiter heißt „mit seinem Auto auf einen Kontrollpunkt zugerast war und mit einer Schere auf einen Polizisten eingestochen hatte“, folgt erst an zweiter Stelle. Den Fall chronologisch aufgerollt hätte man ja sagen können: „Attentäter nach Angriff mit Stichwaffe erschossen“. Aber wäre das dann noch neutral und objektiv?

Das ist die Objektivität, die immer wieder von israelischen Luftangriffen auf den Gaza-Streifen berichtet, allenfalls am Rande erwähnt, dass solchen „Angriffen“ in der Regel ein Raketenbeschuss israelischer Dörfer und Städte vorausging, wobei zur Beschwichtigung noch gleich hinzugefügt wird, das es sich dabei nur um „selbstgebaute“ Raketen handelte, also wohl besseren Knallbonbons. Mit der gleichen Objektivität könnte man auch schreiben, dass Anne Frank von den Nationalsozialisten nicht etwa ermordet wurde, sondern einem Typhusleiden erlag. Das hatte sie sich zwar durch die Verschleppung, die Misshandlungen im Konzentrationslager zugezogen – aber wir wollen ja „objektiv“ bleiben.

Was uns Spiegel online, aber auch andere deutsche Medien mit ihrer alltäglichen Israel-Berichterstattung an „Objektivität“ und „Neutralität“ vormachen, lässt jedenfalls jedem verkappten oder offenen Antisemiten, jedem Judenfeind, jedem „Israelkritiker“ (gibt es eigentlich auch Frankreich- oder Bulgarienkritiker), jedem BDS-Aktivisten, der natürlich nichts gegen Juden, aber viel gegen Zionismus und den jüdischen Staat hat, das Herz höher schlagen.

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