Wege aus der Corona-Krise: Glaubensstreit statt Wissenschaft, und Zweifel nicht erwünscht

Dreht sie sich oder dreht sie sich nicht? Für die Menschen des ausgehenden Mittelalters, der beginnenden Neuzeit war die Position der Erde im All eher eine Frage des Glaubens als der Wissenschaft. Damals verbrannte man bei Seuchen auch noch die vermeintlich Schuldigen, vorzugsweise Hexen und Juden. Der Streit um den besten Weg aus der Corona-Pandemie führt uns nun vor Augen: So viel weiter sind wir bis heute nicht gekommen. Grundlegend neu ist nur: An diesen Auseinandersetzungen beteiligt sich aktiv über das Internet auch noch ein Millionenpublikum, bestehend aus im Crash-Kurs ausgebildeten Virologen mit You-Tube-Abschluss. Da tun sich nicht nur irrlichternde Regierungschefs hervor wie der Egomane Donald Trump oder der Möchtegern-Diktator Bolsonario, die aus durchschaubaren Interessen ihrer persönlichen Herrschaft die reale Gefahr herunterspielen oder leugnen. Da mischen nicht nur Verschwörungstheoretiker mit, die gerade die Weltherrschaftspläne von Bill Gates, der Kinderblut trinkenden Clinton-Familie und natürlich wieder der Juden entlarven. Auch sonst ganz liberale, aufgeklärte Zeitgenossen sind diesmal mit dabei. Deren bevorzugtes Ziel ihrer Attacke: Das liberale, aufgeklärte Schweden, dessen angeblicher Sonderweg in die Hölle des Verderbens führt. Zweifel an dieser Wahrheit sind nicht erwünscht.

Was ich als Laie mit einiger Gewissheit noch zu sagen wage sind lediglich drei Punkte: Das Virus ist gefährlich, kann bei den Befallenen bleibende Schäden verursachen oder gar zum Tode führen. Die Pandemie muss bekämpft und eingedämmt werden. Verschwörungstheoretiker haben entweder einen skrupellosen Geschäftssinn oder einen an der Waffel oder beides. Doch das war es dann auch schon mit meinen Gewissheiten. Informationen, die darüber hinausgehen, verfolge ich höchst interessiert, möchte mir aber angesichts widersprüchlicher Berichte und wissenschaftlicher Einschätzungen kein Urteil erlauben. Allerdings finde ich diese Widersprüche auch nicht schlimm. Schließlich habe ich einmal gelernt: Auch in der Wissenschaft sind unterschiedliche Meinungen, auseinandergehende Bewertungen ständig neuer Erkenntnisse normal und spätestens seit der Aufklärung zumindest theoretisch auch erwünscht. Als Laie übe ich mich da aber lieber in Zurückhaltung.

Andere haben offenkundig mehr Gewissheit, die Zurückhaltung nicht nötig. Während Trump, Bolsonario, die Kohorte der Verschwörungstheoretiker ihre Pandemie-Verursacher mit Behauptungen und Vorurteilen ausfindig machen, für Menschen mit klarem Verstand auch leicht zu widerlegen sind, stützen sich unsere Schweden-Kritiker auf Zahlen, Daten, Fakten. Und die zeigen quasi wissenschaftlich unumstößlich: Schwedens Weg ist der falsche, denn gemessen an der Einwohnerzahl gab es dort viel mehr Infizierte, viel mehr Tote als zum Beispiel in Deutschland.

Auch ich denke in der Tat: Im Vergleich zu anderen Ländern kam Deutschland bisher recht gut durch diese Krise, und es scheint mir sogar angebracht, da ein „Danke, Merkel“ auszusprechen. Nur: der „deutsche Weg“ des Lockdown war keine Erfindung der Regierung, sondern das Resultat der Ratschläge der Mehrzahl der Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete. Es gab auch nie den einen deutschen Weg, sondern eher die mitunter voneinander abweichenden Wege der deutschen Länder, die alle ihre eigenen Experten hatten. Es gibt aber auch noch andere europäische Länder mit anderen Experten, die einen längeren und härteren Lockdown als Deutschland hatten – und noch härter als Schweden getroffen waren. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl liegt in der Todesstatistik schließlich sogar Belgien trotz Lockdown noch weit vor allen anderen Ländern.

Welches demokratisch regierte Land am klügsten in der Krise gehandelt hat, wird man wenn überhaupt wohl erst nach der Pandemie bewerten können, wenn man alle Zahlen kennt, nicht nur der Corona-Toten, sondern auch die der Folgen der Pandemie-Bekämpfung, die Zahl der Suizide, der Opfer häuslicher Gewalt, Opfer von Krankheiten, die wegen der Pandemie nicht rechtzeitig behandelt, deren eingeplante Operation verschoben wurden. Da scheint die aktuelle harte Kritik am schwedischen Weg vergleichbar mit der Position der mittelalterlichen Geißler, die sich im Kampf gegen die Pest selbst kasteiten und die Anhänger von Libertinage und Völlerei als Schuldige der Seuche an den gesellschaftlichen Pranger stellten.

Kritik auch durch Laien an Regierungsentscheidungen ist natürlich erlaubt, selbst wenn diese Entscheidungen von wissenschaftlichen Erkenntnissen getragen werden. Nur sollte man bei demokratischen Regierungen, das gilt auch für die schwedische, davon ausgehen: Die hören auf den Rat ihrer Experten, spielen nicht mit Leben und Gesundheit ihrer Bürger. Und vor allem wäre alle Kritik wesentlich glaubwürdiger, wenn sie durchzogen wäre vom größten Gewinn der Aufklärung, nämlich vom Zweifel, auch vom Selbstzweifel an der eigenen Überzeugung. Ohne diesen Zweifel ist man nämlich näher am mittelalterlichen Glaubenskampf und an den Verschwörungstheoretikern als man glaubt.

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