TV-Kritik: Maischberger, Meuthen und die völkischen Sozialisten

Man kann darüber streiten, ob die öffentlich-rechtlichen Medien Vertreter von AfD und anderen rechtsextremistischen Organisationen in ihre Talkshows einladen sollen oder nicht. „Man darf denen keine Plattform geben“ ist in diesem Streit ein eben so starkes Argument wie „Nur in der Konfrontation kann man sie entlarven“. Das Problem: Die Sache mit der Entlarvung geht meist schief. Einen neuen Tiefpunkt der TV-Talkshow-Unterhaltung lieferte dabei in der Nacht zum Herrentag Sandra Maischberger, die Noch-AfD-Chef Meuthen begrüßte, um ihn nett und freundlich zum Ausschluss seines Ex-AfD-Vorstandskollegen Kalbitz zu befragen. Von „Entlarvung“ war da keine Spur – und die windelweichen Äußerungen Meuthens boten nicht einmal den Unterhaltungswert, den das Publikum auch von einer öffentlich-rechtlichen Talkshow erwarten darf.

Das lag sicher nicht allein am Unvermögen der Moderatorin. Die verstand es blendend, jede Steilvorlage, die ihr Meuthen bot, gründlich zu verpassen. Der durfte schwadronieren, dass man sich von Kalbitz doch nur getrennt habe, weil er bei Parteiaufnahme seine rechtsradikale Vergangenheit verschwieg. Da wäre doch eigentlich die rechtsextremistische Gegenwart von Kalbitz, in Brandenburg immerhin noch Landes- und Fraktionsvorsitzender, ein Thema gewesen. Doch, so durfte Meuthen praktisch unwidersprochen behaupten, in der AfD wäre Kalbitz ja nie rechtsextremistisch aufgefallen. Mehr als ein einzelnes Kalbitz-Zitat, dass Meuthen dann für „unglücklich“ erklärte, mochte Maischberger dieser steilen These nicht entgegenhalten, ließ es dann damit bewenden. Natürlich hätte man da noch nachbohren können, dass ein Rechtsextremist in einer rechtsextremistischen Vereinigung ohnehin nicht weiter auffällt, doch das hätte für die öffentlich-rechtliche Unterhaltung zu viel an Konfrontation bedeutet.

Und dann das: Meuthen wird auf Höcke angesprochen, den thüringischen AfD-Führer, nach Verfassungsschutzerkenntnissen nicht minder rechtsextremistisch als sein brandenburgischer Kumpan Kalbitz, nur mit dem Unterschied, dass Meuthen diesen Rivalen aus Gründen des parteiinternen Machtgefüges nicht los werden konnte. Deshalb nimmt Meuthen nun Höcke in Schutz, beschränkt sich darauf, einige angebliche Unterschiede zwischen Höcke und sich selbst zu konstruieren, wobei natürlich auch Höcke kein Rechtsextremist sei. Doch was ist nun nach Meuthen die nicht-extremistische Linie von Bernd Höcke: Der wolle, so der Noch-Parteichef, eine „völkische“ und „sozialistische“ Politik. Völkisch und sozialistisch, zumindest im Namen der Partei: Mit noch einfacheren Worten kann man die Grundlagen der NSDAP nun wirklich nicht mehr auf den Punkt bringen. Das soll nicht rechtsextremistisch sein? Für Sandra Maischberger ist das nicht einmal einer Nachfrage wert.

Was hätte wohl ein Michel Friedmann aus dieser Vorlage gemacht? Nur: Zu Friedmann, der mit seinen Gästen in den harten Clinch ging, hätten Meuthen und andere AfD-Oberen sich kaum gewagt. Auf den bequemen Sesseln von ARD- und ZDF-Talkshows können sie dagegen unbesorgt Platz nehmen.

Das Grundproblem von denen nämlich: Das Publik will Unterhaltung, und da gehört Krawall, der laute, harte Streit dazu. Folglich lädt man um der Quote willen Gäste, die Krawall versprechen, also auch den einen oder anderen Extremisten. Andererseits passt der Krawall nicht zu dem „seriösen“ und „überparteilichen“ Image, mit dem sich die öffentlich-rechtlichen Sender schmücken. Deshalb bleibt in deren meisten Talkshows die harte Konfrontation, der Krawall dann aus, führt man lieber ein freundliches Stuhlkreis-Gespräch, bei dem man sich am Schluss der Sendung artig bei allen bedankt, dass sie daran teilgenommen haben.

Soll man AfD-Vertreter nun in Talkshows laden oder nicht? In einer echten, nachbohrenden, auf Konfrontation bedachten Talkshow würde ich den einen oder anderen gerne schwitzen sehen, im Stuhlkreis aber nicht.

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