BILD vs. Drosten – warum Wissenschaftler manchmal irren, Boulevardzeitungen mitunter richtig liegen und BILD trotzdem immer wieder lügt

Die erste Runde im Schlagabtausch BILD gegen Drosten scheint zwar zugunsten von Professor Christian Drosten ausgegangen zu sein, also mit einem Punktsieg der Wissenschaft über den Boulevardjournalismus, doch ausgestanden ist die Sache damit nicht. Denn: So leicht gibt die BILD sich nicht geschlagen, und da wird der ursprünglich öffentlichkeitsscheue, eher im Stillen arbeitende Forscher noch lernen müssen, dass ihm gerade der erste Sieg über das Massenblatt einen unerbittlichen Feind eingebracht hat. Das mussten vor ihm auch schon andere lernen, Profisportler, Künstler, Politiker, die es wagten, sich gegen eine bestimmte Berichterstattung zu wehren, sich weigerten, der BILD ein Interview zu geben oder gar ins Schlafzimmer blicken zu lassen. Das Schlimme daran ist diesmal aber nicht, dass die BILD eine Existenz vernichten könnte. Diese Macht hat BILD schon längst nicht mehr, und im konkreten Fall schon gar nicht. Das Schlimme daran ist: Die BILD liefert wieder einmal Futter für jenen blau-braunen rechten Pöbel, der gerade auf der Straße von einer angeblichen Corona-Diktatur fantasiert, dabei die üblichen Parolen von „Merkel muss weg“ und „Lügenpresse“ skandiert. Sofern die Mitläufer dieses Mobs ihr Halbwissen überhaupt aus einer Zeitung beziehen, ist es in der Regel die BILD – die aber selbst auch bei der „Lügenpresse“ mitgezählt wird.

Um zu verstehen, wie die BILD-Kampagne gegen einen der führenden Virologen Deutschlands zustande kam, muss man wissen, wie der Arbeitstag in einer Boulevardzeitung beginnt. Da geht es in der morgendlichen Konferenz um die zentrale Frage: „Was haben wir, was die anderen nicht so haben?“ Da trägt man dann zusammen, was man irgendwo gehört, halbwegs sicher erfahren hat. Was davon am spannendsten erscheint, wird zur Schlagzeile des Tages auserkoren. Auf eine Geschichte, die die Schlagzeile verspricht „Kitas wegen falscher Corona-Studie geschlossen“ hätte sich auch jede andere Boulevardzeitung gestürzt, so, wie auch die meisten anderen „seriösen“ Blätter wie Süddeutsche oder FAZ.

Der Unterschied: Während sich die meisten Blätter, egal ob Boulevard oder seriös, damit abgefunden haben, dass eine gut klingende Geschichte bei der näheren Recherche wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen kann, die schöne, ausgedachte Schlagzeile nicht funktioniert und man sich notgedrungen etwas neues sucht, gilt bei BILD eher die Prämisse „Wir halten an der Story fest, recherchieren Sie doch nicht kaputt“. Ein Reporter, der die von der Chefredaktion vorgefertigte Schlagzeile nicht liefert, ist eben ein Versager. Und wer will schon Versager sein?

Während es bei anderen Boulevardblättern, der „Hamburger Morgenpost“, dem Express“ in Köln, dem KURIER in Berlin und anderen vor allem um die spannende Story, die auflagenträchtige Schlagzeile geht, kommt bei BILD noch etwas anderes hinzu: Die Generallinie, die große Kampagne muss eingehalten werden. Das war während der Euro-Krise das tägliche Griechenland-Bashing, das war in der Zeit der großen Flüchtlingsströme der Ruf nach Obergrenzen und Grenzkontrolle, das ist seit geraumer Zeit eben „Merkel muss weg“. Denn BILD hält sich für die „Stimme des Volkes“, für die „Stimme des Stammtischs“, auch da, wo die einzelnen BILD-Macher dieser Stimme nicht über den Weg trauen wollen.

Dramatisiert, übertrieben, manches aus dem Zusammenhang gerissen wird in anderen Boulevardmedien auch. Und auch beim Spiegel oder anderen seriösen Blättern wird mitunter so recherchiert, werden die Fakten so dargestellt, dass die Geschichte heraus kommt, die sich der verantwortliche Redakteur von Anfang an so vorgestellt hat. Schließlich will man die Leser, Zuhörer, Zuschauer nicht nur informieren, sondern auch spannend unterhalten. Das heißt aber auch: Beim Kern der Geschichte bleibt man bei den Fakten. Das hat im Streit Drosten vs. BILD die BILD, ansonsten bei keiner Faktenverdrehung verlegen, sogar getan: Die Studie des renommierten Virologen Drosten über die Corona-Ansteckungsgefahr durch Kinder ist in der Fachwelt tatsächlich nicht unumstritten, vielleicht sogar fehlerhaft. Nun sind in der Fachwelt zwar alle Studien in der Regel erst einmal umstritten, aber das muss BILD ja nicht erwähnen, hätte ein anderes Blatt in diesem Zusammenhang vermutlich ebenfalls nicht erwähnt. Man macht sich schließlich seine eigene Exklusivgeschichte nicht mutwillig kaputt.

Nur: Bei anderen Medien wäre es um die Geschichte gegangen, bei BILD geht es um die große Kampagne, um die Kampagne gegen die Kanzlerin, aktuell gegen die Corona-Politik und damit gegen die führenden Virologen. Und das macht auch den kleinen Teil, der sogar halbwegs den Tatsachen entspricht, zum Bestandteil einer großen Lüge.

Der Leidtragende wird diesmal, wie gesagt, nicht Drosten sein. Dem kann die BILD egal sein. Die eigentlichen Leidtragenden sind all die vielen Zeitungs- und Medienmacher, die sich tagtäglich abmühen, das Publikum sowohl zu unterhalten wie zu informieren, manchmal etwas übertreiben, mitunter auch ein wenig flunkern, aber im Kern doch bei den Fakten bleiben, also weit davon entfernt sind, ihr Publikum wissentlich anzulügen. Doch das Schlagwort von der „Lügenpresse“ hat wieder neues Material erhalten, von einem Blatt, das selbst zur Lügenpresse zählt.

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