Stürzt die Denkmäler, aber zerschlagt die Sockel mit! Denn die Geschichte kennt keine Lichtgestalten

Wenn in Bristol das Denkmal eines Sklavenhändlers gestürzt wird, findet das mein volles Verständnis, auch, wenn die vorübergehende Entsorgung im Hafenbecken umweltpolitisch vielleicht nicht ganz korrekt war. Andere Denkmäler, Straßennamen und sonstige Gedenkvarianten erregten schon immer meinen Unmut. Hindenburg-Straßen, benannt nach dem Reichspräsidenten, der Hitler an die Macht verhalf, hätten nach meinem Dafürhalten schon vor Jahrzehnten umbenannt werden müssen. Das Gegenargument, er sei doch in der Weimarer Republik mit Hilfe der SPD demokratisch gewählt worden, sprach in meinen Augen stets eher gegen die SPD als für Hindenburg. Wenn ich in Spanien eine Kirche besichtige, bleibt am Ausgang, wo die Spendenbüchse für die notwendige Restaurierung steht, mein Portemonnaie demonstrativ in der Tasche. Denn in all diesen Kirchen gibt es auch eine Gedenktafel für die im spanischen Bürgerkrieg gefallenen Franco-Soldaten. Diese Tafeln würde ich lieber zerschlagen als rekonstruiert sehen. Die Frage, die ich mir allerdings auch stelle: Wie weit, wie konsequent wollen wir die Bereinigung der historischen Erinnerung betreiben? Denn eines wird beim näheren Hinsehen klar: Die Lichtgestalten, die auch unseren heutigen moralischen und politischen Standards stand halten, sind in der realen Geschichte praktisch nicht zu finden.

Dass in den USA die Flagge der Südstaaten geschwungen werden darf, es dort Denkmäler von Südstaaten-Generälen und Politikern gibt, sogar Militäreinrichtungen nach ihnen benannt sind, konnte ich noch nie verstehen. Schließlich standen die so Geehrten nicht nur für die Sklaverei. Sie haben außerdem den amerikanischen Bürgerkrieg verloren, hätten also nach dem Gesetz, dass die Sieger die Geschichte schreiben, allesamt schon längst entsorgt sein müssen. Nur: George Washington, der große Kämpfer gegen die koloniale Unterdrückung Amerikas durch das britische Königreich, der Kämpfer für Freiheit und Demokratie hielt als Plantagenbesitzer selbst 200 Sklaven – während es im damaligen Mutterland Großbritannien sicherlich Rassismus gab, die Sklaverei aber verboten war.

Es ist in der Tat ein Kreuz mit diesen vermeintlichen Lichtgestalten der Geschichte. In Großbritannien, ist zu lesen, wackeln mittlerweile schon die Denkmäler von Winston Churchill. Dass der alles andere als ein Progressiver war, er den britischen Kolonialismus verteidigte und sich auch nie als Streiter für die Frauenrechte auszeichnete, ist dabei schon länger allgemein bekannt. Andererseits: Ohne Churchill und seine Skrupellosigkeit, englische Soldaten in den sicheren Tod zu schicken, hätte die Hakenkreuzfahne womöglich für Jahrzehnte über ganz Europa geweht, würde heute vielleicht immer noch wehen. Vielleicht könnte man ja auch die Standorte ändern. Wenn die Briten Churchill heute kritisch sehen, findet sich ein Platz für seine Denkmäler eventuell in deutschen Städten. Denn dass wir nun in Freiheit leben, verdanken wir im wesentlichen ihm.

So scheint es überhaupt vielfach bei der Bewertung von „Helden der Geschichte“: Weltweit geehrt, im Herkunftsland skeptisch bewertet. Mahatma Gandhi zum Beispiel wird international als der gewaltlose Streiter der Freiheit gefeiert. Zumindest in Indien nehmen ihn mittlerweile die kritischen Geister auch auch als Befürworter des Kastenwesens, ja, sogar als Rassisten wahr. In seiner Zeit in Südafrika war sein Kampf gegen die Apartheid nämlich alles andere als ein Kampf für die gleichen Rechte für alle. Da störte Gandhi sich nur daran, dass er und die anderen indischen Zuwanderer so rechtlos wie die einheimischen Schwarzen waren. An deren Rechtlosigkeit nahm er keinen Anstoß.

In Deutschland haben wir bei der Entsorgung der historischen Erinnerung einigermaßen Glück gehabt. Adolf-Hitler-Denkmäler mussten wir nicht selbst vom Sockel stürzen, die nach Nazi-Größen benannten Straßen und Plätze nicht selbst umbenennen. Das haben dankenswerter Weise nach der militärischen Zerschlagung der nationalsozialistischen Herrschaft die Alliierten für uns erledigt. Wobei, machen wir uns mal nichts vor: Gäbe es heute noch solche Denkmäler, Straßen und Plätze, fänden die nicht nur unter blau-braunen AfD-Vertretern genügend Verteidiger, die mit dem Argument kämen, man dürfe die Geschichte doch nicht entsorgen.

Dennoch: Die Heroen unserer Geschichte werden mittlerweile kritisch hinterfragt, zum Teil sogar vom Sockel entfernt. Kirchenreformator Martin Luther, beispielsweise, war nicht nur ein Bauernfeind, sondern auch noch Antisemit. Ungebrochene Verehrung zumindest kann es für so einen nicht mehr geben. Dabei kennen aber auch diejenigen, die alles hinterfragen, noch ihre Tabus. Jedenfalls sollte noch keine Karl-Marx-Straße, kein Friedrich-Engels-Platz umbenannt werden, weil sich die beiden nicht nur in privaten Briefen als Rassisten und Antisemiten zeigten, sondern dazu auch bei jeder Gelegenheit ihrer Homophobie, ihrer Abscheu vor Homosexuellen freien Lauf ließen.

Trotzdem: Wenigstens die übelsten Figuren der Geschichte aus dem Erinnerungs-Pantheon zu werfen, ist und bleibt eine richtige Entscheidung. Doch mit der Frage, wen es treffen muss, wen man an die Stelle des Verbannten stellt, begibt man sich auf einen schmalen Grat – und muss man ständig mit dem eigenen Absturz rechnen.

Dass die nach den Vorreitern des deutschen Kolonialismus benannten Straßen in Berlin besser andere Namen trügen, sollte eigentlich außer Frage stehen. Nachvollziehbar auch der Gedanke: Ersetzen könnte man die Namen der Kolonialisten durch die Namen von antikolonialen Widerständlern. Nachvollziehbar auch: Weil die meisten Straßen und Plätze nach Männern heißen, nimmt man künftig Frauennamen. Wenn dann aber eine Expertenrunde ernsthaft den Vorschlag macht, die angeblich nach einem üblen Kolonialisten benannte Straße nach einer afrikanischen Frau zu benennen, die aber zu ihrer Zeit eine blutrünstige Sklavenhändlerin war, deren Kampf gegen die weißen Eindringlinge darin begründet war, dass sie sich mit denen nicht über die Höhe der Sklavenpreise einigen konnte, dann läuft mit dem Antirassismus, der Dekolonisierung mehr als nur einiges schief.

Wenn wir schon Straßen und Plätze umbenennen, nehmen wir als Namensgeber statt Frauen der Geschichte doch lieber Pflanzen oder Tiere. Schließlich sind viele von denen vom Aussterben bedroht, blieben wenigstens so den Menschen in Erinnerung. Und wenn wir aus guten Gründen die Denkmäler für die größten Schlächter, die größten Schurken der Geschichte stürzen, dann sollten wir, anders als das Sprichwort rät, die Sockel gleich mit zerschlagen, und das sogar besonders gründlich. Diejenigen nämlich, die wir heute als Heldinnen und Helden verehren und auf den Sockel stellen möchten, werden mit größter Wahrscheinlichkeit den Ansprüchen kommender Generationen ebenfalls nicht gerecht.

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