Polizisten, Flüchtlinge, Müll und gute und schlechte Satire

Boris Palmer, der so umtriebige wie zumindest in der eigenen Partei umstrittene grüne Oberbürgermeister von Tübingen, hat via Facebook wieder schier unsägliches verbreitet: Flüchtlinge gehören auf den Müll. Natürlich hat er nie gefordert, Flüchtlinge auf die Müllplätze zu verbannen. Was Palmer verfasste, war eher die Satire auf eine Satire. In einem provokanten Text der taz hatte die Autorin geschrieben, dass bei einer Auflösung der Polizei ehemalige Polizisten nur auf dem Müllplatz noch Verwendung finden könnten, wo sie sich „unter ihresgleichen“ auch am wohlsten fühlen würden. Diesen Text hat Palmer nun fast wörtlich übernommen, tauschte nur einige Begriffe aus, ersetzte die Polizisten durch Flüchtlinge, stellte dazu die provokante Frage: Was für einen linken Aufschrei hätte es wohl gegeben, wäre ein solcher Text aus dem Dunstkreis der AfD verbreitet worden? Die Frage ist berechtigt, wird linke Palmer-Hasser aber nicht unbedingt davon abhalten, zu behaupten, Palmer hätte gefordert, Flüchtlinge auf die Müllplätze zu schicken. Und seine Follower aus der rechten Ecke dürften ihn verdammen, weil er dazu auch noch meinte, dass die taz ihren Text als Satire dennoch sehr wohl veröffentlichen durfte. Nicht nur mit Satire macht man sich in Deutschland unbeliebt, mit differenzierenden Urteilen macht man sich noch unbeliebter.

Satire dürfe alles, hatte ihr Altmeister Kurt Tucholsky in Abwehr aller Zensurbestrebungen vor fast hundert Jahren schon erklärt. Nur eines sollte Satire dennoch nach Möglichkeit nicht sein: platt und schlecht.

Kein Zweifel: Die Polizei-Satire der taz war platt und schlecht, gehörte eigentlich selber auf den Müll oder zumindest ungedruckt in den Papierkorb. Nur: Plattheiten kann man schlecht verbieten, auch Plattheiten verbreiten muss erlaubt sein. Natürlich ist es zynisch, vielleicht sogar menschenverachtend, in einem Text eine ganze Menschengruppe auf den Müll zu schicken, doch der Vorwurf, eine ganze Gruppe würde pauschal verächtlich gemacht, kann Satire nicht treffen. Von Tucholsky, heute nur weitgehend unumstritten weil schon lange tot, stammt schließlich der meist aus dem Zusammenhang gerissene Satz von den Soldaten, die alle Mörder wären, und demokratisch gesinnte Reichswehroffiziere kommen in Tucholskys Texten auch nicht vor. Das war durchaus „Verächtlichmachung einer ganzen Gruppe“. Die taz-Satire war auch nicht schlecht, weil sie die Realität überspitzt, vielleicht sogar verzerrt dargestellt hat. Das ist sogar ein Wesensmerkmal der Satire. Die taz-Satire war schlecht und platt, weil sie eigentlich gar keinen Bezug zur Realität hat, die Autorin ihrer persönlichen Wut und Empörung dagegen ungebremsten freien Lauf ließ. Das tut gute Satire nicht, doch auch Satire kann und muss nicht immer gut sein.

Aber was ist überhaupt gute, was schlechte Satire? Für die meisten Satire-Konsumenten gilt da in Ermangelung von klaren Regeln: Gut ist, was mir gefällt, was meine Meinung voll bestätigt, und alles andere ist eben schlecht.

Für gut befanden viele Jan Böhmermanns Gedicht auf Erdogan. Da hatte es doch einer dem Türken mal richtig gegeben. Diejenigen, die starke Männer mit autoritären Zügen à la Orban in der Politik sonst recht gerne sehen, Türken aber nicht so mögen, spendeten da auch dem linken Fernsehmacher gerne Beifall, und die meisten Liberalen überhörten bei der Attacke auf den Tyrannen vom Bosporus lieber die rassistischen Zwischentöne, mit denen der Satiriker da recht platt hantierte. War das nun gute oder schlechte Satire?

Oder nehmen wir Lisa Eckhart: Die ist für die einen eine schlimme Antisemitin, für andere dagegen eine brillante Satirikerin, die gekonnt mit den latenten Vorurteilen und der Heuchelei auch in der vermeintlich liberalen, fortschrittlichen Szene spielt. Ist das nun gute oder schlechte Satire, wenn Lisa Eckhart mit einem Schuss Selbstironie und Distanz zu ihren Fans feststellt: Dass die Deutschen aus der Geschichte nichts gelernt haben, sieht man auch daran, dass sie einer Österreicherin mit abgebrochenem Kunststudium zujubeln.

Literaturpreise bekam Tucholsky zu Lebzeiten nicht, dafür aber jede Menge Strafanzeigen, gestellt von Reichswehroffizieren, empörten Nationalisten, von Leuten, die durch den Satiriker die Ehre deutscher Waffen besudelt sahen. Mit Tucholsky messen kann sich die taz-Autorin mit ihrem Polizisten-Text auf keinen Fall, und auch ein Böhmermann oder eine Eckhart reichen bei weitem nicht an ihn heran. Auf die gleiche Stufe gestellt werden sie allein durch etliche Strafanzeigen, gestellt von Erdogan, den Polizeigewerkschaften, von Leuten, die sich von Lisa Echart nun beleidigt sehen.

Dabei sind, wie schon Tucholsky bemerkte, deutsche Richter kaum in der Lage, zu beurteilen, wann Satire gut und wann sie schlecht ist (ups, schon wieder eine gruppenbezogene Verächtlichmachung). Über gute Satire sollte man lachen und nachdenken können – und schlechte Satire bestraft man einzig und allein, indem man sie nicht beachtet.

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