Identitätspolitik: Der sichere Weg zur Diskriminierung

So führt gut gemeinte „kultursensible“ Identitätspolitik zu dauerhafter Benachteiligung, zur Diskriminierung: Australische Lehrerinnen stellen fest, dass Aborigines-Kinder Probleme im Mathematik-Unterricht haben, befinden, dass Mathematik in ihrer Kultur nun einmal keine Rolle spielt, beschließen deshalb, mit diesen Kindern lieber zu singen statt Mathematik zu üben. Den Einwand, dass diese Kinder im späteren Leben wegen des fehlenden Unterrichts benachteiligt wären, ihnen viele Berufe und Aufstiegschancen verschlossen bleiben, weisen die Lehrerinnen empört von sich. Solcher Kritik fehle jede Sensibilität für andere Kulturen. Diese Schilderung eines Party-Gesprächs „fortschrittlicher“ australischer Pädagoginnen ist die beeindruckendste Passage aus der Einleitung des Sammelbandes von Sandra Kostner: Identitätslinke Läuterungsagenda, eine Passage, die die wesentlichen Erkenntnisse dieses 313-Seiten-Bandes zusammenfasst.

Sicherlich sehen sich die hier zitierten australischen Lehrerinnen als aufrechte Antifaschistinnen. Mir fiel beim Lesen trotzdem spontan die „Bildungspolitik“ ein, die sich die Nationalsozialisten während des Weltkrieges für das besetzte Polen haben einfallen lassen: Einfache Wörter lesen und rechnen bis Zehn reicht für polnische Kinder aus, damit sie später den Herrenmenschen dienen können.

Die Autoren von Kostners Sammelband weisen zu Recht immer wieder darauf hin, dass die „Identitätslinke“ nicht auf Diskriminierung aus ist, es ihr darum geht, Gerechtigkeit zu schaffen. Aber die Form von Gerechtigkeit, die ihr vorschwebt, kann die reale Benachteiligung tatsächlich diskriminierter Minderheiten nur verfestigen. Dazu kommen die Autoren auch zu dem Ergebnis, dass die „Identitätslinken“ sich teilweise ähnlicher Argumentation und Terminologie bedienen wie ihre vermeintlichen Antipoden, die rechtsextremistischen Identitären. Das mündet dann ganz folgerichtig in der Frage: Wie links ist die Identitätslinke eigentlich? Die Antwort: Zumindest mit dem, was in vergangenen Zeiten als „links“ definiert wurde, hat die „linke“ Identitätspolitik kaum etwas zu tun.

Dabei sind die meisten Texte von Kostners Sammelband schwer zu lesende Kost, überwiegend abgefasst in der Sprache der Sozialwissenschaft, immer wieder Bezug nehmend auf Texte von wissenschaftlichen Befürwortern der Identitätspolitik, Texte, die den meisten Lesern dieses Sammelbandes unbekannt sein dürften. Gut nachvollziehbar und darum unbedingt lesenswert sind dafür die praktischen Beispiele, die die Folgen „linker Identitätspolitik“ aufzeigen, das auch empirisch untermauert.

Die Festlegung von Quoten, nach denen in den USA etwa Studienplätze oder gute Jobs an Afroamerikaner zu vergeben sind, hat etlichen Schwarzen tatsächlich zum Aufstieg verholfen. Die Wirkung auf die Gruppe der Afroamerikaner insgesamt (wobei es eigentlich schon diskriminierend ist, Menschen einer bestimmten Hautfarbe unabhängig von anderen Faktoren einer gemeinsamen Gruppe zuzuordnen) war allerdings kontraproduktiv, schadete dem Bildungs- und Aufstiegswillen. Warum soll man sich schließlich um individuelle Leistung bemühen, wenn man sich bei der Jobsuche auf die Minderheitenquoten berufen kann? Und umgekehrt: Wie reagiert ein Angehöriger der vermeintlichen Bevölkerungsmehrheit, der für einen bestimmten Job zwar alle Qualifikationen vorweist, den aber nicht bekommt, weil er an einen weniger qualifizierten Angehörigen einer vermeintlichen Minderheit vergeben wird?

Dramatisch auch das Beispiel Schweden: Um die Integration, die gesellschaftliche Teilhabe von Migranten aus der arabischen Welt zu erleichtern, kooperierten die Behörden ganz „kultursensibel“ mit den großen islamischen Organisationen – die sich in der Praxis jedoch als knallharte strategisch planende Islamnisten erwiesen. Das Ergebnis: In den Vorstädten etablierten sich mehr oder weniger eigenständig agierende Parallelgesellschaften inklusive Scharia-Gerichten, die mit der schwedischen Gesellschaft so gut wie nichts zu tun haben. „Aufstieg“ von Menschen dieser Parallelgesellschaften in qualifizierte, gut bezahlte Jobs? Selbst in Schweden Fehlanzeige!

Das Fazit der meisten Artikel von Sandra Kostners Sammelband: Gerechtigkeit, tatsächliche Aufstiegschancen für Angehörige so genannter Minderheiten schafft man nicht über Quoten oder besondere Berücksichtigung angeblicher kultureller Unterschiede, sondern einzig allein durch gleiche Bildungschancen für alle, durch die Anerkennung nicht irgendeines Minderheitenstatus sondern durch Anerkennung einzig und allein des individuellen Leistungswillens und der individuellen Leistung. Denn: Menschen nach etwas anderem als ihrer eigenen Persönlichkeit zu bewerten, die Zugehörigkeit zu einer „ethnischen“ oder „kulturellen“ Minderheit zum Entscheidungsfaktor zu machen, fördert nicht nur den Rassismus – es ist Rassismus.

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