Rassistische Straßennamen vs. Judenfeinde oder: Wie antisemitisch ist die „antirassistische Identitätspolitik“?

Natürlich hat niemand die Absicht, rassistische Straßennamen auszutauschen gegen Straßennamen, die Judenfeinde ehren. Der – inzwischen zurückgezogene – Vorschlag, den vermeintlich rassistischen Namen U-Bahnhof Mohrenstraße in Berlin zu ändern in U-Bahnhof Glinkastraße nach dem russischen Komponisten einer antisemitischen Oper war ein unbedachter Schnellschuss in Unkenntnis der historischen Hintergründe, ebenso wie die eilfertige Begrüßung dieses peinlichen Vorschlages durch aufrechte antirassistische Landespolitiker. Also Schwamm drüber, weil ja (noch) nichts passiert ist? Nicht ganz, denn eine Frage muss jetzt noch gestellt werden: Wieviel Antisemitismus steckt tatsächlich in der „antirassistischen Identitätspolitik“, egal ob aus bewusster Überlegung oder einfach Unkenntnis bzw. Ignoranz ihrer Akteure? Und: Wieso gerade die Juden?

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Rassismus ist ein gravierendes Problem, muss bekämpft werden, und Straßennamen, die vor allem rassistische Kolonialherren und Sklavenhändler ehren, sollten am besten aus dem Stadtbild verschwinden, dürfen zumindest nicht unkommentiert stehen bleiben. Natürlich gilt es, jeder Form von Diskriminierung entschieden entgegenzutreten, auf gleiches Recht für alle, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder Religionszugehörigkeit zu pochen. Nur: Das bedeutet eben nicht, für eine bestimmte ethnische Gruppe oder Angehörige einer Religion eine besondere Rücksichtnahme einzuklagen, die anderen Gruppen nicht zustünde, ihr etwa in Form von festen Quoten bei der Vergabe gut dotierter Positionen Sonderrechte einzuräumen, wie es im Rahmen der „antirassistischen Identitätspolitik“ manche Vertreter von „Opfergruppen“ und Anhänger des „Critical Whiteness“ fordern. Wenn es eine Gruppe gäbe, die solche Rechte aus der Geschichte begründet für sich verlangen könnte, wären es in Deutschland wohl die Juden. Die Vertreter der jüdischen Gemeinden tun das aber nicht, wenden sich dafür aber regelmäßig gegen jede Form von Diskriminierung, gegen jede Benachteiligung von Menschen wegen ihres angeblichen Migrationshintergrundes. Und schließlich: Nicht alles, was von den Aktivisten einer auf die Hautfarbe ihrer Mitglieder orientierten Gruppe als Rassismus etikettiert wird, ist deswegen auch Rassismus. Das gilt für die Vertreter von afro-deutschen Organisationen ebenso wie für die autochonen Identitären und ihre Fans aus dem blau-braunen Sumpf, die bei jeder Gelegenheit von „antideutschem Rassismus“ faseln.

Nach dieser notwendigen Klarstellung zurück zur Ausgangsfrage, mit einer aktuellen Stellenanzeige aus dem Berliner antirassistischen queer- und identitätspolitischen Milieu:

    „QUEERFORMAT sucht eine*n Bildungsreferent*in zum 1. September 2020. Wir streben eine höhere Diversität im Team an und begrüßen deshalb ausdrücklich Bewerbungen von Menschen mit Rassismuserfahrung, Schwarzen Menschen, Indigenen Menschen und Personen of Color.“

Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn Bewerber für die hier ausgeschriebene Stelle eigene Erfahrung mit Diskriminierung und Ausgrenzung haben. Dann könnte man aber auch die Bewerbung von Juden ausdrücklich begrüßen. Erfahrung mit Diskriminierung, mit Ausgrenzung hat zumindest in Berlin wohl jeder jüdische Jugendliche gemacht, der eine öffentliche Schule besucht. „Du Jude“ ist dort auf den Schulhöfen eines der am häufigsten gebrauchten Schimpfwörter. Doch das interessiert unter dieser Fahne der identitären „Diversity“, der „Vielfalt“ nicht unbedingt.

Schon vor Jahren, lange, bevor antirassistische Identitätspolitik zum festen Begriff wurde, durfte eine geplante Ausstellung zum Thema „Antisemitismus in der arabischen Welt“ in der „Werkstatt der Kulturen“ in Berlin-Neukölln nach dem Willen der Hausherren nicht stattfinden, weil sich die Angehörigen der „arabischen Community“ dadurch beleidigt fühlen könnten.

In den USA machen manche Vorkämpfer des Antirassismus als Anhänger der Israel-feindlichen BDS-Bewegung aus ihrer Judenfeindlichkeit, ihrem Antisemitismus, kaum einen Hehl, auch wenn sie diesen Antisemitismus als Antizionismus, als Gegnerschaft zu Israel kaschieren. Schließlich sind die meisten jüdischen Israelis ja „Weiße“ – und die von ihnen angeblich unterdrückten Palästinenser doch PoCs, also „People of Color“. Damit sind die Rollen von Gut und Böse klar verteilt. Dass die Existenz des Staates Israel und seiner starken Armee für alle Juden in der Welt die einzige Rückversicherung ist, dass sich Auschwitz nicht wiederholt, spielt bei dieser Rollenverteilung keine Rolle.

Nein, die meisten identitären Kämpfer wider den Rassismus sind zumindest in Deutschland keine Antisemiten und die Anhänger des „Critical Whiteness“ erst recht nicht. Da hat man nichts gegen die Juden, jedenfalls nicht, wenn es keine Israelis sind oder Juden, die Israel unterstützen. Allerdings: der in einigen Gruppen von „Opfern des Rassismus“ herrschende Antisemitismus stört auch nicht weiter. Der ist nun einmal Teil der kulturellen Identität.

In einer heilen antirassistischen identitären Welt haben Juden nämlich keinen Platz. In dieser Welt leben unter dem Banner der „Vielfalt“ zwar Angehörige aller Ethnien, aller Religionen friedlich beisammen, doch nur der Form nach miteinander, tatsächlich nebeneinander, auf Dauer getrennt durch gesonderte Rechte. An die Stelle des geographischen „Vaterlandes“ tritt die „kulturelle Heimat“, die der Einzelne auch nicht verlassen kann, jedenfalls nicht, ohne seine Identität zu verlieren.

Das aber steht gegen das, wofür das Judentum steht bzw. gegen das, was dem Judentum in antisemitischen Wahnvorstellungen seit Jahrhunderten angedichtet wird: Dass der Jude kein „Vaterland“, keine „Heimat“, auch keine „kulturelle“ habe, es dem „internationalen Judentum“ nur um Geld und Reichtum für seine Angehörigen gehe. Kurzum: dem Judentum wird zum Vorwurf gemacht, was der einzelne Jude sicherlich nicht immer gelebt hat, die Juden insgesamt aber vom Mittelalter bis zu unserer Zeit vor der Vernichtung bewahrte, nämlich Internationalität und Kosmopolitismus. Die entscheidende Frage, die dem verfolgten, vertriebenen Juden am Zufluchtsort von seinen Glaubensbrüdern gestellt wurde, lautete „Was kannst Du und was willst Du?“, nicht aber „Wo kommst Du her?“, die Frage, die eben nicht nur eingefleischte Rassisten, sondern auch wohlmeinende Identitätspolitiker stellen.

Vielleicht sollte man gerade das beim Kampf gegen den Rassismus vom Judentum lernen: Im Gegensatz zum Rassismus steht nicht der identitäre Antirassismus – sondern Internationalität, eine kosmopolitische Weltanschauung, die die Menschen nicht nach „kultureller Identität“ einordnet, sondern nach ihrem individuellen Wollen und Können behandelt, ein Prinzip, was der so angefeindete Zionismus beim Aufbau von Israel recht erfolgreich praktizierte.

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