Stinkefinger und Wichser – worüber sich das Land empört

Da platzt dem thüringischen Ministerpräidenten Bodo Ramelow auch aus gutem Grund der Kragen und er zeigt einem Abgeordneten der AfD den Stinkefinger. Beinahe zeitgleich tituliert ein entnervter Polizist einen flüchtigen Amokfahrer als Wichser. Das Land ist wieder mal, wenn auch in unterschiedlichem Maße, empört. Weicheier mögen weder klare Worte noch klare Gesten.

Dass die blau-braune Brut der AfD sich nun erregt, entbehrt nicht gewisser Komik. Schließlich sind ihre Vertreter und Gefolgsleute gerade Meister der Beschimpfung und des Pöbelns, zumindest dann, wenn es gegen Andersdenkende und „Fremde“ geht. Da wäre der Einsatz des Stinkefingers, auch in geheiligten parlamentarischen Hallen, geradezu feinfühlig zu nennen.

Erstaunlich allerdings die Reaktion mancher AfD-Gegner, die den Ministerpräsidenten für seine menschlich-all zu menschliche Spontanreaktion ebenfalls attackieren. Man müsse der AfD statt mit Beschimpfungen doch mit Argumenten begegnen, heißt es von dieser Seite, man müsse stets ein Vorbild sein. Sorry, liebe Freunde, aber offensichtlich habt Ihr nicht verstanden, worauf der Erfolg der AfD basiert: Nicht auf „Argumenten“, sondern gerade auf Beschimpfung, auf der Pöbelei, darauf, dass sie demonstriert, was ihre Fans für „klare Kante“ halten. Da darf man auch seiner eigenen Wut mal freien Lauf lassen, damit gleichsam zeigen: Selbst pöbeln können wir besser als ihr das jemals drauf haben werdet.

Im Vergleich zu Ramelow hat unserer wackerer Berliner Polizist noch einmal Glück gehabt. Der Shitstorm gegen ihn hält sich in Grenzen. Das liegt zum einen daran, dass aus der rechten Ecke nur ungern gegen einen Polizeieinsatz gewettert wird (es sei denn, er richtete sich gegen eine rechte Demo). Aus den „polizeikritischen Kreisen“ ist unterdessen nur ein leichtes Grummeln zu vernehmen. Der gestellte Amokfahrer, gesucht wegen etlicher Delikte, war ein Serbe, nicht als „Fremder“ zu erkennen. Wäre er statt dessen ein PoC, eine „Person of Colour“ gewesen, würde der Beamte nun wohl als böser Rassist dastehen.

Was wäre das für ein freies Land, in dem man einem Arschloch den Stinkefinger zeigen, einen Wichser Wichser nennen könnte, sich dafür wegen mutmaßlicher Beleidigung vielleicht vor Gericht erklären müsste, aber keine öffentliche Verdammnis fürchten müsste. Im Land der dauerempörten Weicheier, die meist zwar selbst gut austeilen, aber nichts einstecken könnten, bleibt das jedoch ein Traum.

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