Nach Stuttgart und Frankfurt: Die Frage nach dem Migrations- und anderen Hintergründen

Nach den Krawall-Partys von Stuttgart und Frankfurt, der Auseinandersetzung um die angeblich von der Polizei geplante „Stammbaumforschung“ in Bezug auf die festgenommenen Täter, tönt es von der rechten Seite: „Die Randalierer waren keine Deutschen sondern meist Migranten.“ Und von der linken hören wir wie einen Schlachtruf der Verteidigung: „Der Migrationshintergrund spielt doch keine Rolle.“ Stimmt, möchte ich der linken Seite da gerne beipflichten. Nur wäre dieses Argument ein wenig glaubwürdiger, wenn nicht von identitäts“linker“ Seite selbst bei allen anderen Gelegenheiten immer wieder nach dem Migrationshintergrund gefragt würde. Mein Tipp: Statt sich für die politischen Debatte in Ethnologie und Abstammungskunde zu versuchen, sollte man lieber mehr Soziologie wagen, deren klassische Fragen stellen, also die Frage nach den sozialen Schichten. Auf linker Seite sprach man früher auch von Klassen. Doch Schicht und Klasse interessieren heute kaum noch wen.

Die bekannten harten Fakten über die Festgenommenen von Stuttgart und Frankfurt: Sie waren jung, fast alle männlich, überwiegend betrunken und viele bereits „polizeibekannt“. Wo die Eltern der bereits festgenommenen Tatverdächtigen geboren wurden, spielt für die Aufklärung des Falles keine Rolle, geht die Polizei also auch nichts an. Allenfalls für die polizeiliche Kriminalstatistik von Bedeutung wäre, ob der Festgenommene die deutsche Staatsangehörigkeit oder eine andere besitzt. Die übrigen Fragen, also nach Elternhaus, Erziehung, Schulbildung etc. kommen sicherlich in den Gerichtsverfahren zur Sprache, schon, weil die Verteidigung aus realen wie vermuteten gesellschaftlichen Benachteiligungen üblicherweise mildernde Umstände zu begründen versucht, sind dazu von Interesse sicherlich für Kriminologen, aber keinesfalls für Kriminalisten.

Aber es waren doch trotzdem überwiegend Migranten, beharren nun die „einwanderungskritischen besorgten Bürger“ auf ihrem wenn überhaupt nur schlecht kaschiertem Rassismus. Will man das entkräften, darf man den „Migrationshintergrund“ sicher nicht verschweigen, nennt aber auch die anderen Punkte: Jung, männlich, Schulabbrecher, ohne Job und wohl auch ohne Aufstiegschancen.

Darauf verweisen Kriminologie und Soziologie weitgehend ungehört schon seit Jahren: Durchsucht man die Kriminalstatistik nach dieser sozialen Gruppe stellt man fest, dass gebürtige „Deutsche“ und „Migranten“ dort in Prozentzahlen ziemlich gleichermaßen vertreten sind. Dann heißt das doch, dass die Kinder von Migranten besonders häufig die Schule abbrachen, auch keine Lehre machen, sieht sich Migrationskritiker dadurch vielleicht bestätigt. Die Soziologie weiß es auch hier um einiges besser. Zuwanderer finden ihren Platz nun einmal eher am unteren Platz der sozialen Pyramide, der Aufstieg dauert, wenn er überhaupt gelingt, recht lange, dauert zwei, drei Generationen. Das ist gegenüber dem einzelnen zwar ungerecht, aber die Erfahrung so ziemlich aller Einwanderungsgesellschaften. Und: Die Aufstiegschancen des Sohnes aus geburtsdeutscher Hartz-IV-Familie sind eher dürftiger als die der Tochter eines türkischstämmigen Döner-Verkäufers.

Aber dann gibt es Studien wie diese, die von der interessiert-engagierten Öffentlichkeit mit mehr oder weniger empörten Erstaunen zur Kenntnis genommen werden: Bei deutschen Medien liegt der Anreil der Chefredakteure mit Migrationshintergrund in niedrigem einstelligen Bereich, weit unter dem, was dem Anteil an Migranten in der Bevölkerung entspricht. Trau, schau, wem, wer hätte das gedacht. Meine Vermutung: Der Anteil von Kindern aus Arbeiter- oder Sozialhilfefamilien dürfte in der sozialen Gruppe der Chefredakteure noch um einiges geringer sein, der Anteil der Kinder aus Journalisten- oder Verlegerfamilien um etliches höher. Solche Studien hätte man früher vielleicht noch erstellt, doch heute scheint die regionale Herkunft auch der Eltern im Sinne der „Identität“ ja wichtiger.

Derzeit eine beliebte Frage engagierter Kommunalpolitiker an die örtlichen Verwaltungen: „Wie hoch ist unter den Beschäftigten der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, was tut die Verwaltung, um deren Anteil zu erhöhen, die Vielfalt unserer unserer Gesellschaft abzubilden?“ Mal abgesehen davon, dass die Verwaltung nicht unbedingt den statistischen Querschnitt der Bevölkerung wiederspiegeln sondern im Dienste dieser Bevölkerung möglichst effizient funktionieren soll, ließe sich diese Frage ja auch nur beantworten, wenn die Personabteilungen bei den Einstellungen den Bewerbern Fragen stellen würde, die man von der Polizei nicht hören will, die aus gutem Grund tabu sind. Wenn es um die Vielfalt der Gesellschaft geht, könnten diese vielfaltsfreudigen Politiker auch fragen: Wie viele Mitarbeiter kommen aus Hartz-IV-Familien, bei wie vielen waren schon die Eltern Beamte? Das wollen sie aber scheinbar gar nicht wissen.

Unbestritten: Jugendliche mit Migrationshintergrund sind vielfach mit Rassismus konfrontiert, der ihre Aufstiegschancen zusätzlich behindert. Entscheidend für die Chancen, die man hat, ist in erster Linie aber der soziale Status, nicht die regionale Herkunft der Familie. Doch solange auch die Identitätslinke lieber nach einem Migrationshintergrund statt nach der sozialen Herkunft fragt, wird sie weder dem Rassismus wirkungsvoll begegnen noch die Aufstiegschacen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und/oder sozial schwachen Familien irgendwie verbessern.

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