Die schwierige Verteidigung des Dieter Nuhr oder: Wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft vor den Feinden der Wissenschaft einknickt

„Wieso ist der noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?“ Oder: „Für so etwas zahle ich keine Gebühren!“ Das waren keine Stimmen aus dem blau-braunen Mob etwa über einen kritischen Panorama-Bericht über rechtsradikale Netzwerke. Das waren Kommentare unter dem Facebook-Post eines Freundes, der sich kritisch dazu äußerte, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft nach einem Online-Shitstorm ein Statement von Dieter Nuhr von ihrer Webseite genommen hat. Das Einknicken der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor einem Online-Shitstorm reicht diesen Nuhr-Gegnern, die sich in der Regel noch für „links“ halten, sich jeden Zweifel an ihrer demokratischen Haltung vermutlich verbitten würden, aber offensichtlich nicht aus. Die würden den populären wie umstrittenen Kabarettisten (ein Kabarettist, der nicht umstritten ist, hätte seinen Beruf verfehlt) scheinbar am liebsten ganz aus der Öffentlichkeit verbannt sehen. Nein, die Meinungsfreiheit ist in Deutschland noch nicht ernsthaft gefährdet. Aber sie steht unter Beschuss, und die Schüsse zeigen Wirkung.

Denn was wäre, wenn demnächst nicht die Deutsche Forschungsgemeinschaft, sondern ARD oder ZDF vor einem Shitstorm einknicken, nicht von „links“, sondern von rechts, wegen der „Empörung“ eine Sendung aus dem Programm nehmen? Kurz zur Erinnerung: Das hat es bereits gegeben, nämlich als der WDR wegen einer von rechts gesteuerten Protestwelle das umgemodelte Kinderlied von der Motorrad fahrenden Oma aus der Mediathek herausnahm und sich, warum auch immer, für die Satire noch entschuldigte. Dieses Einknicken vor einem Shitstorm von rechts löste dann – völlig zu Recht – Empörung von links aus. Aber wie wir sehen, bedienen sich auch manche „Linke“ gerne Methoden und „Argumente“, wie wir sie aus der rechten Ecke kennen.

Natürlich muss ganz klar sein: Niemand, auch kein Dieter Nuhr, hat ein verbrieftes Anrecht, an einer bestimmten Kampagne maßgebend beteiligt zu werden. Und jeder hat das Recht, einen Dieter Nuhr für seine öffentlichen Auftritte zu kritisieren. Diese Kritik darf auch platt und dumm sein. Zur Meinungsfreiheit gehört auch das Recht, Dummheiten zu verbreiten. Wenn aber eine renommierte Organisation wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Prominenten wie Dieter Nuhr um ein Statement zu ihrer Kampagne „Für das Wissen entscheiden“ bittet, der Eingeladene dem Wunsch folgt, sein Statement dann auch veröffentlicht wird, aber nach besagtem Shitstorm wieder verschwindet, nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern ausdrücklich unter Verweis auf die lautstarke Kritik, dann ist das zum einen eine Missachtung des Eingeladenen durch den Einladenden, zum anderen aber sehr wohl ein Einknicken vor Leuten, die sich gerade als Feinde des freien Wortes und der freien Wissenschaft beweisen.

Was hat Dieter Nuhr in seinem Statement so schlimmes behauptet? Da hat er doch gesagt, dass, wer die Parole „Folgt der Wissenschaft!“ verbreitet, die Wissenschaft nicht richtig verstanden hat. Über diesen Satz muss man wirklich erst einmal nachdenken, sich Gedanken machen, was Wissenschaft bedeutet. Dann käme man vielleicht darauf: Es gibt ja nicht die eine wissenschaftliche Erkenntnis, die für immer gilt und der man deshalb blind zu folgen hat, sondern jede wissenschaftliche Erkenntnis gilt nur so lange, bis sie als Resultat von wissenschaftlicher Forschung und neu gewonnenen Wissens ergänzt, korrigiert oder auch widerlegt wird. Natürlich hätten die Kampagnenplaner von der Deutschen Forschungsgesellschaft da sagen können: „Lieber Dieter Nuhr, so, wie Du das formulierst, ist das nur schwer verständlich, eignet sich nicht für eine Online-Kampage. Kannst Du das nicht irgendwie anders sagen?“ Aber die Kampagnen-Planer haben die Aussage von Nuhr wohl von Anfang an verstanden, befanden sie für wert, veröffentlicht zu werden – und zogen sie eben erst wegen der Wutwelle zurück.

Was die Empörten von „links“ an dem Nuhr-Satz störte war dabei kaum der Streit um wissenschaftliches Denken und Arbeiten: Dieser Satz lässt sich auch als Kritik an der Fridays-for-Future-Bewegung lesen, deren Losung ja gerade „Folgt der Wissenschaft“ lautet. Nur: Warum soll man die Losung einer ansonsten unterstützenswerten Bewegung nicht kritisieren dürfen, wenn man diese Losung für falsch hält? Oder ist Kritik an Fridays for Future für bestimmte Kreise per se sakrosankt und muss deshalb mit Verbannung aus dem Diskurs geahndet werden? Und was für ein Wissenschaftsbild steht hinter dem aktuellen Nuhr-Bashing? Das ist sicherlich nicht das Bild einer frei und ergebnisoffen forschenden Wissenschaft, das ist das Bild einer „Wissenschaft“, die die „Forschungsergebnisse“ liefert, die von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen – also der eigenen Gruppe – gewünscht sind.

Nein, die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Wissenschaft sind in Deutschland noch nicht ernsthaft gefährdet. Da stehen wir noch besser da als etwa die USA, wo der Präsident der Umwelt- und Klimaforschung die Gelder streicht und gleichzeitig Professoren ihren Job verlieren, weil sie bestimmten lautstarken Interessengruppen nicht ins Weltbild passen, oder zum Beispiel Ungarn, wo die Regierung universitäre Gender-Forschung (deren Resultate hinterfragbar bleiben müssen) als familienfeindlich gleich ganz verbietet. Aber Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit sind auch hierzulande unter Beschuss – und die Treffer folgen dichter.

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